Maverick Viñales: Sieger, Grübler & ewige Wundertüte

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Maverick Viñales: Sieger beim 2. Misano-Rennen

Maverick Viñales: Sieger beim 2. Misano-Rennen

Maverick Viñales gibt dem Yamaha-Werksteam seit dreieinhalb Jahren Rätsel auf. Er schöpft sein Potenzial zu selten optimal aus. 90 Punkte aus acht Rennen – so wird man nicht Weltmeister.

Nach den beiden zweiten Plätzen bei den Jerez-GP im vergangenen Juli wurde Maverick Viñales von Lin Jarvis, Managing Director bei Yamaha Motor Racing, in den höchsten Tönen gelobt. Denn er hatte in Spanien zwei zweite Plätze hinter Fabio Quartararo über die Bühne gebracht und seine vielversprechenden Ergebnisse von den Wintertests (drei Bestzeiten bei vier Tests) in die Tat umgesetzt. Das Team war überzeugt, Maverick sei in sich gegangen, habe sein Umfeld verändert und endlich das richtige Rezept für den MotoGP-Titelgewinn gefunden. Die Abwesenheit von Marc Márquez sollte die Aufgabe erleichtern…

In den letzten Jahren war Viñales oft im Schatten der Yamaha-Privatfahrer wie Folger, Zarco, Quartararo und Morbidelli gestanden. Jedenfalls hat er in den dreieinhalb Jahren die Hoffnungen auf einen Titelgewinn nie annähernd erfüllt. 2019 lag Viñales die meiste Zeit in der Tabelle hinter Rossi. Erst in Assen gelang ihm ein Sieg.

Viñales kam nach seiner Super-Performance in den zwei Suzuki-Jahren (2015 und 2016) vor der Saison 2017 zu Yamaha. Im ersten Jahr siegte er in Katar, Argentinien und Frankreich, im zweiten nur in Phillip Island/Australien, 2019 in Assen und Sepang, in diesem Jahr gelang ihm in Misano der bisher einzige Erfolg. Sein nächstjähriger Teamkollege Quartararo hat bereits drei GP-Erfolge in diesem Jahr eingeheimst, er liegt in der Tabelle 18 Punkte vor dem Werksfahrer Viñales und wird ihm 2021 und 2022 sicher mehr Kopfzerbrechen bereiten als Rossi.

Schon vor der Saison 2019 galt Viñales als Titelanwärter, denn er hatte sich wieder zum Wintertest-Champion gekrönt. Aber in der WM lag er nach 19 Rennen unfassbare 209 Punkte hinter Marc Márquez.

In den letzten zwei, drei Jahren wirkte Viñales nach den Trainings am Freitag oder Samstag oft grüblerisch und depressiv, wenn sein Ergebnis zu wünschen übrig ließ. «Es fällt schwer, motiviert zu bleiben», gestand er auch in dieser Saison schon. Rossi hingegen versprühte auch nach 13. Startplätzen noch fröhliche Zuversicht und kämpfte dann manchmal im Rennen ums Podest.

Viñales hingegen bleibt eine Wuntertüte.

Bis zum Sieg im zweiten Rennen in Misano hat er nach Jerez sehr schwankende Leistungen gezeigt und seltsame Entscheidungen getroffen. In Spielberg verzichtete er auf die neuesten Brembo-Systeme und musste bei 213 km/h wegen Bremsversagens vom Bike springen. In Misano ließ er sich im ersten Rennen den harten Hinterreifen einreden und ging unter: «Ich wurde vom Biest mit dem All-Time-Lap-Record zum Kätzchen.» Bis zum Emilia-Romagna-GP hat «Top Gun» bei seinen letzten neun Pole-Positions vorher nie das Rennen gewonnen!

Nach der verpatzten Saison 2018 mit dem vierten WM-Rang hatte der Spanier einiges umgekrempelt. Er trennte sich von Crew-Chief Ramon Forcada (der jetzt Morbidelli beflügelt) und ersetzte ihn durch Esteban Garcia, die traditionelle Startnummer 25 ersetzte er durch die 12, die ihm in jungen Jahren Glück gebracht hatte.
Aber geändert hat sich nichts.

Beim San-Marino-GP sicherte sich Maverick die Pole-Position, legte dann im Rennen den Rückwärtsgang ein und kam über Platz 6 nicht hinaus.

Nach dem Sieg eine Woche später versuchte er, alle Schwächen schönzureden und die falsche Reifenwahl bei Misano-1 dem Team anzulasten: «Wenn man arbeitet und der Experte sagt, dass der harte Reifen der Beste ist, dann muss man das so lassen. Wir müssen eng mit Michelin arbeiten und wir haben einen eigenen Mann bei uns im Team, der meiner Meinung nach keine gute Arbeit gemacht hat, das muss ich so klar sagen.» Aber für die Reifenwahl ist letzten Endes der Fahrer verantwortlich.

Übrigens: Rossi fuhr in Misano im ersten Rennen von Startplatz 4 weg und kam als Vierter ins Ziel.

Viñales hat jetzt bei seinen letzten elf Pole-Positions nur zwei Siege davongetragen. Seit Jahren wird ihm nachgesagt, er konzentriere sich zu stark auf einzelne schnelle Runden, er will es nicht wahrhaben. Er braucht die Einzelerfolge in den Sessions, um sein Selbstvertrauen zu stärken, so vernachlässigt er das Renn-Set-up.

Bei Yamaha stellte man sich wohl inzwischen die Frage, ob der Vertrag mit Viñales zu früh verlängert worden ist. Suzuki hat eventuell mit Mir und Rins die besseren Fahrer eingekauft. Ducati angelte sich die Talente Jorge Martin, Enea Bastianini und wohl auch Luca Marini, dazu Bagnaia (23). Vielleicht wäre sogar Franco Morbidelli die bessere Wahl gewesen. Oder ein Fahrer aus dem KTM-Fundus wie Binder und Oliveira.

Tatsache ist: Viñales kann seine Fahrkunst nur ausspielen, wenn er allein vornewegbrausen kann oder sich nicht in einem Pulk befindet. Sein runder Fahrstil erinnert stark an Max Biaggi, er funktioniert nur bei viel Kurvenspeed, der aber bei Zweikämpfen nicht aufrecht erhalten werden kann. Nach dem Catalunya-GP beklagte er gestern, dass er 16 Runden lang hinter Cal Crutchlow und Aleix Espargaró feststeckte: «Das Rennen zu fahren oder nicht zu fahren, wäre heute auf das gleich hinausgelaufen. Ich konnte nur bis zur Zielflagge cruisen, mehr konnte ich nicht tun.» 

Maverick Viñales hat 2013 gegen das Red Bull KTM-Werksteam als KTM-Privatfahrer die Moto3-WM gewonnen. Sein Können ist unbestritten.

Aber das bisherige System wird nicht zum Titelgewinn in der MotoGP reichen. 90 Punkte in acht Rennen – ein erbärmliches Ergebnis für eine Saison ohne Dominator Marc Márquez.
Andrea Dovizioso ist mit Ducati dreimal Vizeweltmeister geworden. Viñales war 2017 und 2019 immerhin WM-Dritter,

Lin Jarvis nimmt Maverick in Schutz. Denn er muss jetzt noch zwei weitere Jahre mit ihm leben. «Man darf bei der Performance nicht nur die schwachen Rennen nach Jerez betrachten», sagt der Yamaha-Renndirektor. «Wir hatten Probleme, und Maverick hatte ebenfalls Probleme. Im ersten Misano-Rennen hatte Maverick einen schockierend schlechten Start, nachher hat er in der ersten Runde viel Boden verloren. Kann man ihm daran die Schuld geben? Nein. Denn wir hatten ein technisches Problem mit der Kupplung. Wir sind auch bei der Motorleistung im Nachteil. Es gibt also viele Umstände, die man in Betracht ziehen muss. Beim San-Marino-GP lag Maverick nach zwei Runden an 12. oder 13. Stelle. Klar, er erwartete mehr, wir erwarteten mehr. Punkte werden nur am Sonntagnachmittag vergeben. Daran müssen wir alle arbeiten, Maverick, Yamaha und das Team.»

Ergebnisse MotoGP Catalunya/E:

1. Fabio Quartararo (F), Yamaha, 24 Runden in 40:33,176 min
2. Joan Mir (E), Suzuki, +0,928 sec
3. Alex Rins (E), Suzuki, +1,898
4. Franco Morbidelli (I), Yamaha, +2,846
5. Jack Miller (AUS), Ducati, +3,391
6. Pecco Bagnaia (I), Ducati, +3,518
7. Takaaki Nakagami (J), Honda, 3,671
8. Danilo Petrucci (I), Ducati, +6,117
9. Maverick Vinales (E), Yamaha, +13,607
10. Cal Crutchlow (GB), Honda, +14,483
11. Brad Binder (ZA), KTM, +14,927
12. Aleix Espargaro (E), Aprilia, +15,647
13. Alex Marquez (E), Honda, +17,327
14. Iker Lecuona (E), KTM, +27,066
15. Tito Rabat (E), Ducati, +27,282
16. Bradley Smith (GB), Aprilia, +28,736
17. Stefan Bradl (D), Honda, +32,643
– Miguel Oliveira (P), KTM
– Valentino Rossi (I), Yamaha
– Pol Espargaro (E), KTM
– Johann Zarco (F), Ducati
– Andrea Dovizioso (I), Ducati

Fahrer-WM nach 8 von 14 Rennen:

1. Quartararo, 108 Punkte. 2. Mir 100. 3. Viñales 90. 4. Dovizioso 84. 5. Morbidelli 77. 6. Miller 75. 7. Nakagami 72. 8. Rins 60. 9. Oliveira 59. 10. Binder 58. 11. Rossi 58. 12. Pol Espargaró 57. 13. Bagnaia 39. 14. Petrucci 39. 15. Zarco 36. 16. Alex Márquez 27. 17. Aleix Espargaró 22. 18. Lecuona 17. 19. Crutchlow 13. 20. Smith 11. 21. Rabat 8. 22. Pirro 4.

Konstrukteurs-WM:

1. Yamaha, 163 Punkte. 2. Ducati 126. 3. Suzuki 113. 4. KTM 109. 5. Honda 72. 6. Aprilia 30.

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