Auf den Spuren der großen Brüder: Fluch oder Segen?

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Repsol-Honda-Rookie Alex Márquez trat mit zwei MotoGP-Podestplätzen in Le Mans und Aragón endlich aus dem Schatten von Bruder Marc. Aber nicht nur die Márquez-Brüder fallen 2020 auf.

Neben vielen anderen merkwürdigen Dingen ist 2020 nicht nur das Jahr der Rookies, sondern auch das Jahr der Brüder.

Anders gesagt: Um im Motorrad-GP-Zirkus erfolgreich zu sein, scheint ein Bruder mit derselben Zielsetzung von Vorteil zu sein. Aber idealerweise will man ihn doch ein bisschen auf Abstand halten.

Die Brüderlichkeit ist ein Erklärungsansatz für die außergewöhnlichen Podestplätze von Alex Márquez in Le Mans und beim ersten Aragón-GP. Dieses Verwandtschaftsverhältnis wird gleichzeitig immer wieder ins Feld geführt, wenn es um die Frage geht, warum gerade Alex im Top-Team von Honda gelandet ist. Auch wenn er den Moto2-Titel gewonnen hat, ein Rookie war nicht unbedingt die logische Nachbesetzung für einen der renommiertesten Plätze in der Königsklasse der Motorrad-WM.

Sein Weg war deshalb aber nicht zwangsläufig bequem, ganz im Gegenteil. Der frühere Zimmergenosse des (leider immer noch abwesenden) aktuell besten Fahrers der Welt litt im Schatten von Marc jahrelang. Schon seit seinem Moto3-Debüt 2012 wird ihm genau auf die Finger geschaut. Damals erzielte Alex in seiner Rookie-Saison nur zwei Top-10-Ergebnisse und erreichte damit Marcs Benchmark – sechs Top-10-Platzierungen und ein Podium – nicht.

Aber spätestens mit seinem zweiten MotoGP-Podestplatz trat Alex aus diesem Schatten. Anschließend stellte er in der Pressekonferenz klar: «Ich stand auf dem Podium, ich will nicht mein ganzes Leben nach Marc gefragt werden. Vergesst ihn ein kleines bisschen – und ich konzentriere mich auf mich.»

Schon sein Premieren-Podium im Regenrennen war eine feine Leistung, immerhin landeten beim Frankreich-GP Routiniers wie Rossi und Crutchlow (und nicht nur sie) im Kiesbett. Alex war zuvor nur zweimal ein MotoGP-Bike auf nasser Strecke gefahren: Beim Valencia-Test 2019 und im FP1 von Le Mans, als er auf Platz 12 landete, eine ganze Sekunde hinter der an der Spitze vorgegebenen Pace.

Die Márquez-Jungs waren 2014 schon die ersten Brüder, die am selben Tag einen Grand Prix gewannen. In derselben Saison bezwang der Jüngere im Kampf um den Moto3-Titel Jack Miller, während sich Marc seine zweite MotoGP-Krone sicherte. 2019 war die Márquez-Familie sogar vier Mal am selben GP-Wochenende siegreich, was ihnen am Ende wieder zwei Titel einbrachte.

Tatsächlich hat Alex mit seinen 24 Jahren die Anzahl der Titelgewinne des um drei Jahre älteren Marc in den kleineren Klassen eingestellt. Allerdings brauchte er dafür deutlich länger, denn Marc hatte mit 24 schon vier MotoGP-Titel in der Tasche.

Zugegeben: Alles andere, als an dieser Vorgabe zu scheitern, wäre für Alex auch schwierig gewesen, die Messlatte lag einfach zu hoch. Und das ist auch jetzt der Fall: Marc sammelte in seinem ersten MotoGP-Jahr sechs Siege und als Draufgabe den Titel. Die Performance von Alex, auf derselben Werks-Honda, war zwar nicht kläglich – er stürzte selten und zeigte insgesamt stetige Fortschritte in einem höchst konkurrenzfähigen Feld – aber vor Le Mans war seine Bestleistung nur ein siebter Rang.

Gute Arbeit. Aber weit weg von «schneller als Marc in seinem Alter», was Márquez-Papa Julià einst erzählte.

Die Márquez sind aber nicht das einzige siegreiche Brüderpaar: Red Bull-KTM-Werksfahrer Brad Binder (25) triumphierte als MotoGP-Rookie in Brünn und unterstrich damit eindrucksvoll, was sein Moto3-Titel sowie der am Ende nur knapp verpasste Moto2-Titel erahnen ließen. Dann feierte sein kleiner Bruder Darryn (22) beim Catalunya-GP seinen ersten GP-Sieg in der Moto3-WM. Beide haben ihren ersten Sieg in der kleinsten Klasse übrigens nach fünf Jahren geschafft – bisher hält Darryn also mit Brad mit.

Dann wären da noch die Espargaró-Brüder: Der Jüngere, Pol, ist mit 15 GP-Siegen und einem Moto2-Titel deutlich erfolgreicher als Aleix. Aber auch er hat schon eine Weile nicht mehr gewonnen. Vor den offensichtlichen Fortschritten von KTM in der laufenden Saison saßen beide noch auf Motorrädern, die nicht unbedingt als siegfähig galten – was sicher zu ihrem herzlichen Verhältnis beigetragen hat. Aber ich erinnere mich auch daran, wie Pol mit mir über seine gemischten Gefühle sprach, bevor er zu Aleix in die Königsklasse kam: «Du willst deinen Bruder schlagen, aber du willst ihm im Vergleich zu anderen Fahrern auch immer ein bisschen Extra-Platz lassen.»

Das wird auch Luca Marini nicht anders gehen, wenn er 2021 aller Voraussicht nach in der MotoGP-Klasse auf seinen Halbbruder und neunfachen Weltmeister Valentino Rossi trifft.

Denken Sie darüber nach. Natürlich wünscht man sich, dass sein Bruder gut ist. Aber doch nicht ganz so gut wie man selbst. Das Konzept der brüderlichen Rivalität ist nicht erfunden.

Das Bruder-Thema bringt uns zu interessanten Fragen: Werden Rennfahrer geboren oder gemacht? Liegt Talent im Blut? Oder ist es eine Wissenschaft, die man lernen und anwenden kann?

Ich kann das nicht beantworten, aber ich kann Ihnen einen anderen Gedanken anvertrauen.

Wenn Sie einen Bruder haben und verhindern wollen, dass Sie wünschten, er wäre nicht besser als Sie, dann stellen Sie sicher, dass er in einer anderen Meisterschaft antritt.

Das ist das, was der einzige Bruder, der in den vergangenen drei Grand Prix gewonnen hat, vorbildlich geschafft hat: Sam Lowes fährt in der Motorrad-WM und ist nun erster Titelanwärter in der Moto2-Klasse. Sein (ihm sehr ähnlicher) Zwillingsbruder Alex ist Reas Kawasaki-Teamkollege in der Superbike-WM – und dort in den Top-6. Beide können sich ehrlich mit dem Bruder mitfreuen – so geschehen am Sonntag in Aragón.

Gute Taktik, Sam und Alex.

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