Ventil-Skandal: So vermasselte Yamaha den Titelgewinn

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Titelanwärter Fabio Quartararo: Der Ventil-Skandal bremste ihn ein

Titelanwärter Fabio Quartararo: Der Ventil-Skandal bremste ihn ein

Yamaha hat in Jerez unerlaubterweise nicht homologierte Ventil-Typen eingesetzt. So wurde aus den haushohen Titelfavoriten ein arg gedemütigter Hersteller mit einem ramponierten Ruf.

Yamaha Motor hat durch den Ventil-Schwindel nicht nur die Chancen auf den ersten MotoGP-Fahrer-WM-Titel und den Gewinn der Konstrukteurs-WM verloren, die seit 2015 immer von Honda dominiert wurde, sondern sich vermutlich auch viel Ärger mit den vier Fahrern und deren Managern eingeheimst. Denn durch die Schlamperei mit den unterschiedlichen Ventilen gingen den Piloten viele Punkte und dadurch Erfolgsprämien durch die Lappen.

Yamaha hat sich in dieser Angelegenheit ungeschickt verhalten. Im Nachhinein wäre es schlauer gewesen, mit Hinweis auf das laufende Verfahren im August gar nichts zu sagen und auch jetzt beim Valencia-GP auf Abklärungen in Japan zu verweisen, um Zeit zu gewinnen.

Stattdessen musste Lin Jarvis, Managing Director von Yamaha Motor Racing, den Kopf für die verantwortlichen japanischen Techniker hinhalten. Er gab dann einige irreführende Statements ab.

Jarvis: «Unser üblicher Ventil-Lieferant, den wir 2019 verwendet haben, hat uns während der Planung für die Saison 2020 im Juli 2019 mitgeteilt, dass er die Produktion der von uns verwendeten Ventil-Typen stoppen werde. Deshalb hat Yamaha Japan bei einem anderen Hersteller Ventile mit identischem Design und identischer Spezifikation eingekauft. Die Yamaha Motor Company war der Ansicht, diese Ventile würden dem Reglement entsprechen.»

Bei der Überprüfung der unterschiedlichen Ventile in Padua, deren Ergebnisse am Mittwoch letzter Woche eintrafen, wurde diese Ansicht als schwerwiegender Irrtum entlarvt. Deshalb kam es zu den Strafen und empfindlichen Punkteabzügen in der Marken- und Team-WM.

Tatsache ist: Yamaha baute in den Motoren die Ventile des neuen «suppliers-2» ein, in der homologierten «sample engine» steckten die Ventile von «supplier-1» mit der 2019-Specification.

Yamaha betont, diese Ventile hätten keine Performance-Steigerung bewirkt. Das wirkt plausibel. Denn mit den homologierten und legalen Ventilen feierte Yamaha eine Woche später beim zweiten Jerez-GP einen Dreifach-Erfolg mit Quartararo, Viñales und Rossi. Und später siegten Morbidelli, Viñales und Quartararo damit.

Aber mit den Ventilen von «supplier-2» platzten beim Spanien-GP am 18./19. Juli drei Motoren.

Deshalb baute Yamaha für Jerez-2 in die neu versiegelten Motoren das Kontingent mit den bewährten Ventilen der bisherigen Bauart ein, das eigentlich für die zweite Saisonhälfte vorgesehen war. Die noch funktionsfähigen versiegelten Motoren wurden zur Seite geräumt.

Gleichzeitig brauchte man die Erlaubnis, in diesen noch nicht geplatzten Motoren die standfesten Ventile von «supplier-1» einzupflanzen. Dazu mussten die Plomben geöffnet werden, und dazu brauchte man die Erlaubnis der anderen fünf Hersteller, die allerdings hellhörig geworden waren.

Beim Steiermark-GP im August erfuhr das Hersteller-Bündnis MSMA dann von den zwei unterschiedlichen Ventil-Lieferanten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Yamaha-Titelanwärter Quartararo und Viñales drei miserable Ergebnisse eingefahren. Beim ersten und zweiten Jerez-GP hatten sie für einen Doppelsieg gesorgt.

Die Vermutung: Yamaha hatte nach Jerez eine Drehzahlsenkung um ca. 500/min verordnet, um notfalls mit drei Motoren durch die restliche Saison zu kommen.

Yamaha: Ohne böse Absicht gehandelt?

Nach Jerez hatte es so ausgesehen, also würden die Yamaha-Asse den Titel unter sich ausmachen. Doch bei den nächsten drei Rennen siegten Binder (KTM), Dovizioso (Ducati) und Oliveira (KTM). Yamaha schaffte nur einen Podestplatz durch Morbidelli (Rang 2 in Brünn), der aber damals nicht als Titelanwärter galt!

Es wird von Yamaha immerhin eingeräumt, man habe es tatsächlich unterlassen, die Zustimmung der anderen MSMA-Mitglieder einzuholen, damit die Ventile von zwei unterschiedlichen Lieferanten verwendet werden können.

Die Yamaha-Ingenieure mögen ohne böse Absicht gehandelt haben, als sie die nicht homologierten und illegalen Ventile in Jerez eingebaut haben. Das Gegenteil lässt sich nicht beweisen. Also: Im Zweifel für den Angeklagten.

Aber dann hat die Krisen-Kommunikation versagt, gegenüber den gegnerischen Herstellern und gegenüber den Medien.

Es wurde nicht mit offenen Karten gespielt, mit der Wahrheit wurde sparsam ugegangen.

Beispiel 1: «Die beiden Ventil-Typen sind identisch. Nur der Lieferant war unterschiedlich.» (Das ist nachweislich falsch).

Beispiel 2: «Die nicht homologierten Ventile wurden nur beim ersten Jerez-GP eingesetzt.» (Falsch. Ein illegaler Motor wurde von Viñales auch im Training zum Steiermark-GP gefahren).

Beispiel 3: «Es gab eine schadhafte Ventil-Lieferung. Deshalb kam es zu dem Motorschäden. Wir müssen die Ventile tauschen.» (Von einem zweiten Supplier, dessen Erzeugnisse nicht in der «sample engine» steckten, war da noch nicht die Rede). 

Beispiel 4: «Wir müssen die Ventile nicht tauschen. Wir können die Standfestigkeit durch andere Settings sicherstellen.» (Diese Aussage hatte mit der Wahrheit keine Bewandtnis. Denn die Motoren mit den «supplier-2»-Ventilen verliessen fortan mit einer Ausnahme die Boxengasse nicht mehr).

Jetzt weiß man nach einer Untersuchung in einer unabhängigen Prüfanstalt: Es bestehen Unterschiede in der Beschaffenheit der Titan-Aluminium-Zusammensetzung und der Härte der Ventile. Die in Jerez-1 verwendeten Ventile waren deutlich weicher als die homologierten, es ist von einem Unterschied von 50 Prozent die Rede.

Bei Yamaha war in Valencia auch zu hören, die illegalen Ventile seinen nur beim ersten Jerez-GP verwendet worden. In Wirklichkeit fuhr Viñales beim Training zum Steiermark-GP noch einmal damit.

Yamaha räumte also manche Verfehlungen erst dann etappenweise ein, als diese umstrittenen Behauptungen nicht mehr aufrecht zu halten waren, weil die Gegner hellhörig geworden waren oder weil die Universität in Padua festgestellt hatte: Die beiden unterschiedlichen Ventil-Typen können nicht als identisch bezeichnet werden.»

Yamaha: Nicht mit offenen Karten gespielt

Man kann sich ausmalen, dass bei Yamaha in Japan nach dieser Saison einige Köpfe rollen werden.

Yamaha genießt im Paddock als zweitgrößter Hersteller im Gegensatz zu Honda viele Sympathien. Aber wer in einer Krisensituation nicht mit offenen Karten spielt, verliert seine Glaubwürdigkeit.

Bisher wurde auch die Frage nicht geklärt, warum Morbidelli beim zweiten Jerez-GP einen Motorschaden hatte, als an seiner M1-Yamaha mutmasslich die legalen Ventile eingebaut waren.

Die Medien bemühten sich um Aufklärung, aber es gab lange Zeit keine handfesten Informationen. Es wurde immer nur das zugegeben, was sich nicht mehr vertuschen ließ.

Ein alter Hut: Wo die Nachrichten fehlen, wachsen die Gerüchte und Spekulationen.

Die Berichterstatter sind nicht fehlerlos. Sie sind mit viel Geheimniskrämerei und Vertuschungsmanövern konfrontiert. Sie sind jedoch nur die Überbringer der Nachrichten, nicht die Übeltäter.

Aber schon in der griechischen Mythologie wurden die Überbringer der schlechten Botschaften geköpft, nicht die Verursacher.

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