KTM 2022 in Nöten: Ist die neue Aerodynamik ein Flop?

Von Günther Wiesinger
Die Vorwürfe, der neue KTM-Technical-Director Sterlacchini habe die Aerodynamik seines Ex-Arbeitgebers Ducati kopiert, sind nicht nachvollziehbar. Ing. Risse von KTM erklärt die Ursachen der schwachen RC16-Performance.

Das Red Bull KTM Factory Racing Team ist dank Platz 2 durch Brad Binder in Doha und des Sieges von Miguel Oliveira im Regen von Mandalika furios in die MotoGP-Saison 2022 gestartet. Aber Brad Binder ist inzwischen vom zweiten auf den achten WM-Rang zurückgefallen, und Miguel Oliveira hat seit der Dutch-TT in Assen Ende Juni 2021 erst einen Top-Ten-Platz im Trockenen eingefahren: Im April in Portimão mit dem starken fünften Rang. Er hält sich in der Fahrer-WM nur an elfter Position. Und die beiden Rookies Remy Gardner und Raúl Fernández haben bei den ersten sieben Grand Prix erst drei Punkte erbeutet.

Mit dieser Bilanz nach dem ersten Saisondrittel ist in Munderfing und Mattighofen niemand zufrieden. Denn der KTM-Vorstandsvorsitzende Stefan Pierer und Vorstand Hubert Trunkenpolz haben sich bereits nach dem fünften WM-Rang von Pol Espargaró 2020 gewünscht, dass die KTM-Fahrer 2021 um den WM-Titel kämpfen sollten.

Aber schon seit dem Sommer 2021 lassen vor allem die Startpositionen der KTM-Asse meist zu wünschen übrig.

Oliveira schaffte 2022 in den letzten fünf Qualfyings folgende Grid Positions: 16., 20., 11., 21. und 17. Die Rennergebnisse des Portugiesen nach dem Indonesien-GP: 13., 18., 5., 12. und dazu am Sonntag der Crash in Le Mans. Oliveira hat bisher in diesem Jahr 43 WM-Punkte eingesammelt, aber allein 25 in Mandalika.

Bei Brad Binder sieht die Bilanz 2022 etwas besser aus. Er schaffte bei den letzten fünf Rennen die Startplätze 12, 17, 12, 15 und 18. In den letzten fünf Rennen gelangen dem Südafrikaner folgende Ergebnisse: 6., 12., Sturz in Portimão, 10. und 8.

Jetzt wird bei KTM gerätselt, warum nach den ersten zwei Grand Prix die Performance von Binder und Oliveira schwächer wurde, in den Qualifyings noch stärker als in den Rennen.

Am Fahrkönnen kann es nicht liegen, denn Binder hat bisher zwei MotoGP-Siege errungen, Oliveira vier.

Zuletzt wurde in spanischen und italienischen Medien der Verdacht geäußert, der neue KTM MotoGP Technical Director Fabiano Sterlacchini, er kam im Sommer 2021 von Ducati Corse, habe die Desmosedici-Aerodynamik der Ducati GP21 für die KTM RC16 des Jahrgangs 2022 kopiert – und dieser Plan sei schief gegangen.

Ing. Sebastian Risse, Technical Coordinator MotoGP bei KTM Factory Racing, sieht keine Ähnlichkeiten bei den Aero Bodys von Ducati 2021 und KTM 2022.

«Wir haben in den Wintertest versucht, das Set-up mehr für die Aerodynamik abzustimmen, statt eine Aerodynamik für das bestehende Set-up zu entwickeln», erklärte Risse auf Anfrage von SPEEDWEEK.com. «Mit einem anderen Hersteller hat das nichts zu tun. Die beiden Tests in Sepang und Mandalika und die ersten beiden Rennen haben gezeigt, dass unser Paket gut funktioniert hat.»

Tatsächlich versicherte Brad Binder nach dem Mandalika-Test: «Wir sind zehnmal besser auf den Katar-GP vorbereitet als vor einem Jahr.»

Doch bereits in Las Termas und Texas erlebte die KTM-Mannschaft Enttäuschungen.

«Wir sind dann auf Strecken gestossen, auf denen wir viel Zeit investieren mussten, um den Vorderreifen zum Arbeiten zu bekommen, besonders wenn wir relativ weiche Vorderreifen fahren mussten. Wenn man dann am Freitag zwei Sessions lang im Hintertreffen ist, wird es schwierig, das Wochenende noch herumzureissen und zu einem guten Ende zu bringen. Das ist eine Lernkurve; wir arbeiten hart daran, diese Phase so bald wie möglich abzuschliessen», betont Ing. Risse.

Jetzt wird bei KTM emsig an einem Aero-Body-Update gearbeitet, es soll beim Montag-Test nach dem Catalunya-GP von den Stammfahrern ausprobiert werden. Zur Erinnerung: Nur ein Aero-Update pro Saison und Fahrer ist erlaubt.

«Wir müssen geduldig sein und die Ingenieure arbeiten lassen», stellte Miguel Oliveira nach dem Le-Mans-GP fest. «Unser Problem: Wir müssen uns beim Motorrad entscheiden, ob wir eines fahren, das gut bremst, oder eine andere Version, mit dem man gut einlenken kann. Aber wenn wir das Set-up so bauen, dass wir beim Bremsen stark sind, wird das Bike schwerfällig. Wenn wir ein agileres Set-up nehmen, haben wir beim Bremsen Probleme.»

Die Vermutung, KTM habe für die Aerodynamik 2022 Anleihen bei Ducati genommen, lässt sich durch einen Foto-Vergleich entkräften. 

Fakt ist aber: Das Aero-Paket 2022 liefert bei KTM nicht die gewünschten Ergebnisse.

«Natürlich arbeiten wir am Aero-Update», bestätigt Ing. Risse. «Aber ich glaube, wenn wir mehr Erfahrung mit dem aktuellen Paket und Set-up sammeln, kann auch die aktuelle Aero-Homologation auf unterschiedlicheren Strecken schnell sein. Wir werden auch mit Update kein Bike bauen, das überall ’out of the box’ funktioniert. Wir benötigen Rezepte, die wir anwenden können, wenn bestimmte Probleme auftauchen. Die hatten wir in dieser Saison anfangs nicht, weil das Paket so anders ist; die alten Rezepte funktionierten dadurch nicht mehr. Wenn man sich solche Rezepte an einem einzelnen Rennwochenende erarbeiten will, kostet es Zeit. Wenn man diese Zeit investiert, wird die Aufgabe beim folgenden Rennen leichter. Das ist unser Job im Team, während das Aero-Update entwickelt wird.»

MotoGP-Ergebnis, Le Mans (15. Mai):

1. Bastianini, Ducati, 27 Rdn in 41:34,613 min
2. Miller, Ducati, + 2,718 sec
3. Aleix Espargaró, Aprilia, + 4,182
4. Quartararo, Yamaha, + 4,288
5. Zarco, Ducati, + 11,139
6. Marc Márquez, Honda, + 15,155
7. Nakagami, Honda, + 16,680
8. Brad Binder, KTM, + 18,459
9. Marini, Ducati, + 20,541
10. Viñales, Aprilia, + 21,486
11. Pol Espargaró, Honda, + 22,707
12. Bezzecchi, Ducati, + 23,408
13. Di Giannantonio, Ducati, + 26,432
14. Alex Márquez, Honda, + 28,710
15. Morbidelli, Yamaha, + 29,433
16. Dovizioso, Yamaha, + 38,149
17. Darryn Binder, Yamaha, + 59,748
– Oliveira, KTM, 3 Runden zurück
– Bagnaia, Ducati, 7 Runden zurück
– Martin, Ducati, 11 Runden zurück
– Mir, Suzuki, 14 Runden zurück
– Fernández, KTM, 21 Runden zurück
– Rins, Suzuki, 22 Runden zurück
– Gardner, KTM, 24 Runden zurück

WM-Stand nach 7 von 21 Grand Prix:

1. Quartararo 102 Punkte. 2. Aleix Espargaró 98. 3. Bastianini 94. 4. Rins 69. 5. Miller 62. 6. Zarco 62. 7. Bagnaia 56. 8. Brad Binder 56. 9. Mir 56. 10. Marc Márquez 54. 11. Oliveira 43. 12. Pol Espargaró 40. 13. Viñales 33. 14. Nakagami 30. 15. Martin 28. 16. Marini 21. 17. Morbidelli 19. 18. Bezzecchi 19. 19. Alex Márquez 18. 20. Dovizioso 8. 21. Darryn Binder 6. 22. Di Giannantonio 3. 23. Gardner 3.

Konstrukteurs-WM:

1. Ducati 156 Punkte. 2. Yamaha 102. 3. Aprilia 99. 4. KTM 84. 5. Suzuki 80. 6. Honda 67.

Team-WM:

1. Aprilia Racing 131 Punkte. 2. Suzuki Ecstar 125. 3. Monster Energy Yamaha 121. 4. Ducati Lenovo 118. 5. Red Bull KTM Factory 99. 6. Gresini Racing MotoGP 97. 7. Repsol Honda 94. 8. Pramac Racing 90. 9. LCR Honda 48. 10. Mooney VR46 Racing 40. 11. WithU Yamaha RNF 14. 12. Tech3 KTM Factory 3.


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