BMW fast Superbike-Weltmeister: Selbst-Sabotage 2012

Von Ivo Schützbach
Neun der zwölf Siege von BMW in der Superbike-WM eroberte Marco Melandri, 2012 war der Titel zum Greifen nahe. Diesen hat der damalige BMW-Geschäftsführer Stephan Schaller mit beispiellosem Dilettantismus vergeigt.

2011 absolvierte Marco Melandri nach 13 Jahren im Grand-Prix-Sport seine erste Saison in der Superbike-WM und wurde mit Yamaha auf Anhieb Vizeweltmeister – nur von Carlos Checa und Ducati besiegt.

2009 trat BMW erstmals mit der damals neuen S1000RR in der Superbike-WM an, in der vierten Saison kämpften die Bayern mit dem Italiener aus Ravenna um den WM-Titel.

Melandri verspielte seine Chance auf den WM-Titel 2012 mit einer Sturzserie, beginnend ausgerechnet beim Heimrennen auf dem Nürburgring, zu dem er als WM-Führender angereist war. «Ich weiß auch heute noch nicht, was ich hätte anders machen sollen», dachte der inzwischen 38-jährige und im Sommer 2020 zurückgetretene 22-fache Laufsieger nach. «Sicher, einige Stürze waren meine Schuld. Meine Stürze begannen, als sich im Team alles veränderte. Das war eine sehr kritische Zeit für mich. Die Atmosphäre im Team wechselte, ich sollte aber weiterhin an die Meisterschaft denken und mich auf die Rennen konzentrieren. Ich fühlte keinen direkten Druck, die WM gewinnen zu müssen. Aber die gesamte Atmosphäre erschuf Druck bei mir.»

«Wenn ich meine Fehler betrachte, muss ich sagen, dass ich die Weltmeisterschaft 2012 verloren habe», sagte Melandri. «Ich verlor sie aber nicht alleine. In Imola, Assen, Monza – wir ließen bei vielen Rennen Punkte liegen, weil wir verschiedene Probleme hatten. Max Biaggi dagegen hatte Glück: In Monza hatte er einen Motorschaden als abgebrochen wurde, einen Neustart gab es nicht. Aber man braucht eben auch etwas Glück in den Rennen, um eine WM zu gewinnen.»

Viel entscheidender war aber das nicht vorhandene Einfühlungsvermögen und die katastrophale Kommunikation des damaligen Geschäftsführers von BMW Motorrad, Stephan Schaller, dem Team gegenüber. «Während des Events auf dem Nürburgring kam Herr Schaller, er war damals der neue Chef», erinnerte sich Melandri im Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «Am Samstag fuhren wir in die erste Startreihe, anschließend sagte er uns, dass wir im Jahr darauf alle keinen Job mehr haben würden. Das war drei Events vor Saisonende und wir führten die Meisterschaft an. Wie sollst du einen Titel gewinnen, wenn du in so eine Situation gebracht wirst?»

Max Biaggi wurde 2012 auf Aprilia zum zweiten Mal Superbike-Champion, einen halben Punkt vor Tom Sykes (Kawasaki). Melandri holte in den letzten sechs Rennläufen nur 20 Punkte, zum WM-Titel fehlten dem Italiener am Schluss 29,5 Punkte.

«Schaller sagte damals, Motorsport würde nur Kosten verursachen und hätte keinen Marketingnutzen – also weg damit», so Melandri. «Damals hatten aber viele Leute einen Zwei-Jahres-Vertrag, sie konnten also nicht einfach zusperren und es ging 2013 bei BMW Italia weiter. Deren damaliger Chef Andrea Buzzoni sagte, dass er sich um die Chassis-Entwicklung kümmern und BMW dadurch Geld sparen würde. Er war der Auffassung, man könne auch mit dem Serienchassis fahren, aber das funktionierte nicht. BMW lieferte die Motoren, Elektronik und steuerte Geld bei, um den Rest kümmerte sich BMW Italien. An dem Motorrad war alles anders als im Jahr zuvor: Die Gabelbrücken, die Schwinge, alles was man ändern konnte, war anders.»

Melandri und sein damaliger BMW-Teamkollege Chaz Davies belegten die WM-Ränge 4 und 5. Anschließend verschwand die bayerische Motorrad-Manufaktur werksseitig aus der Superbike-WM und kehrte erst 2019 zurück. In den ersten beiden Jahren mit der neuen S1000RR eroberte Tom Sykes vier Podestplätze, kam aber nur auf die WM-Ränge 8 und 12.

Für 2021 hat BMW mit der M1000RR erstmals ein Motorrad, das speziell für den Rennsport entworfen wurde. Neben dem Werksteam mit Sykes und Michael van der Mark sehen wir die Satelliten-Teams Bonovo MGM mit Jonas Folger und RC Squadra Corse mit Eugene Laverty.

Zumindest dem Papierformat nach war BMW noch nie so stark aufgestellt.

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