Hexenjagd: Anthony West braucht professionelle Hilfe

Von Günther Wiesinger
Supersport-WM
Anthony West

Anthony West

Der zweifach verurteilte Dopingsünder Anthony West hat zum wiederholten Mal einen medialen Rundumschlag gegen FIM und Dorna platziert. Beweise legt er keine vor, die Korruptionsvorwürfe entbehren jeglicher Grundlage.

Der von der FIM bis September 2020 gesperrte Australier Anthony West ist von allen guten Geistern verlassen worden. Man würde sich wünschen, dass der ehemalige Weltklassefahrer endlich professionelle ärztliche Hilfe bekommt. Denn schon vor einem Jahr äußerte er auf Facebook Selbstmordgedanken. «Die FIM hat mein Leben zerstört. Sie haben mich in eine Depression gestürzt, sie ging so weit, dass ich mir gewünscht habe, ich würde sterben.»

West drehte endgültig durch, als ihn der Motorradweltverband FIM wegen des zweiten Dopingvergehens 2018 und 2019 auch für die von ihm bestrittenen Rennserien in Thailand und Brasilien sperrte.

Denn auch nationale Meisterschaften werden von Verbänden überwacht, die Mitglieder der FIM sind. Und ein gesperrter Rennradfahrer oder Leichtathlet darf auch in keine nationale Meisterschaft ausweichen.

Während seiner illustren Karriere, in welcher Anthony West in fast jeder WM-Klasse auf der Rundstrecke am Start war und in einigen Podestplätze eroberte, ging der Australier zweimal den Dopingfahndern der FIM ins Netz. 2012 wurden bei ihm in der Moto2-WM in Le Mans mysteriöse Nahrungsergänzungsmittel aufgespürt. Im September 2018 wurde er in der Supersport-WM erneut erwischt. Welche verbotenen Substanzen er nahm, wurde nie öffentlich gemacht – es war von Drogenmissbrauch die Rede.

West sieht in seiner Verurteilung eine Hexenjagd: «Die FIM erfindet ihre eigenen Regeln. Der Richter, der mich verurteilte, kommt aus Indien und studierte Eigentumsrecht – er hat keine Ahnung vom Sport. Er war nicht neutral und stand auf der Seite der FIM. Das ist der gleiche Richter, den ich schon 2012 hatte. Er kann nicht mal Englisch. Es ist offensichtlich, dass die FIM diesen Typen bezahlte, damit er nach ihrem Willen entscheidet. Im normalen Strafrecht ist es niemals erlaubt, dass derselbe Richter über die gleiche Person in zwei verschiedenen Verfahren urteilt.»

Dass der Schreiber dieser Zeilen kein fanatischer Anhänger der FIM ist, hat sich herumgesprochen. Aber die Vorwürfe von West gegen die FIM und die Dorna sind an den Haaren herbeigezogen. Die Funktionäre hatten weder mit dem «quick shift system» von Marc Márquez in der Moto2 im Jahr 2012 etwas zu tun, diese Ungereimtheit kam damals erst nach dem Titelgewinn von #93 ans Tageslicht, noch mit der Rossi-Reifengeschichte.Heute kann man sagen: Das Márquez-Team hat 2012 eine Lücke im Technik-Reglement ausgenützt. Ob er sich damit Vorteile verschafft hat, ist schwer zu beurteilen. Manche Experten bezweifeln es.

Mit den Michelin-Reifenlieferungen an Rossi hatten weder Dorna noch FIM irgendetwas zu tun. Michelin genoss auf dem Höhepunkt des MotoGP-Reifenkriegs gegen Bridgestone 2007 und 2008 den geografischen Vorteil, dass ihre Rennreifen mitten in Europa in Clermont-Ferrand gebacken wurden. Manchmal wurden nach dem Freitagtraining mit den Infos des ersten Trainingstages über Nacht noch neue Mischungen erzeugt und dann mit einem Kleinlaster zu erreichbaren GP-Strecken wie Assen, Le Mans, Barcelona und sogar Mugello und Jerez gekarrt. Ob irgendwann auch ein Privatflugzeug zum Einsatz kam – möglich ist es.

Aber diese neuen Reifen bekamen fürs Quali nicht nur Rossi, sondern auch die Werksfahrer von Honda und allen anderen Herstellern, die im jeweiligen Jahr von Michelin beliefert wurden.

Und: Michelin hatte 2007 zum Beispiel in Laguna Seca gegen Bridgestone fürchterliche Mühe, Rossi wurde als Vierter bester Michelin-Fahrer. Es konnten aber für Samstag oder Sonntag aus Frankreich keine neuen Reifen angeliefert werden...

Und 2008 fuhr Rossi bereits Bridgestone. Es gab also keine Luftbrücke mehr. Er wurde trotzdem Weltmeister.

Michelin hätte es sich zum Beispiel 2007 nie leisten können, den größten Motorradhersteller gegenüber Rossi zu vernachlässigen und zu brüskieren.

Ducati hatte 2005 und 2006 als einziges Werksteam einen Exklusiv-Vertrag mit Bridgestone. Die Japaner belieferten viel weniger Fahrer. Wests Landsmann Casey Stoner hatte deshalb 2007 bis zu 400 Reifen pro Wochenende zur Auswahl.

Haben das auch die angeblich korrupten FIM-Funktionäre veranlasst, lieber Anthony? Dann hätten sie womöglich auch Caseys Titelgewinn mit Ducati 2007 auf dem Gewissen?

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