Sebastian Vettel (Ferrari): Titel 2017 dank Pirelli?

Von Adam Cooper
Formel 1
​Seit Monaten hält sich im Fahrerlager hartnäckig das Gerücht: Der grosse Fortschritt von Ferrari 2017 gehe auf die Testarbeit der Italiener mit Pirelli zurück. Wir sind dieser Behauptung nachgegangen.

Ferrari hat 2017 die Lücke zu Mercedes-Benz schliessen können, Sebastian Vettel führt die Fahrer-WM für die Italiener an. Seit Monaten kursiert im Fahrerlager: Der Grundstein zur Renaissance von Ferrari war die Testarbeit mit Pirelli im vergangenen Jahr.

Wir erinnern uns: Die neuen, breiteren Reifen des Mailänder Herstellers wurden 2016 von den Top-Teams Ferrari, Mercedes-Benz und Red Bull Racing ausprobiert, mit umgebauten 2015er Autos.

Beim Blick auf die erste Saisonhälfte 2017 fällt auf: Ein erheblicher Teil der guten Ferrari-Ergebnisse geht auf die Tatsache zurück, dass Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen aus den Reifen mehr herausholen als ihre Gegner.

Der Autoverband FIA und Formel-1-Alleinausrüster Pirelli strebten zur Entwicklung der 2017 Reifen an: Kein Vorteil für einen bestimmten Rennstall, höchstmögliche Transparenz.

Das Problem von Pirelli: Sie mussten Reifen erproben für Autos, die es im Sommer 2016 nicht gab. Niemand wusste im Detail, wie viel Abtrieb mehr ein 2017er Auto aufbauen würde. Also kam Pirelli zusammen mit den Teams auf die Lösung der Übergangsfahrzeuge. Mercedes, Red Bull Racing und Ferrari bauten 2015er Chassis um auf Abtriebswerte, wie sie für 2017 erwartet wurden. Die Einladung von Pirelli, solche Fahrzeuge zu bauen, ging übrigens an alle Teams, aber nur die drei Top-Rennställe gingen darauf ein. Der Grund ist einfach: Diese Rennställe hatten genügend Ressourcen, um neben dem normalen Rennbetrieb einen weiteren Wagen einzusetzen.

Pirelli achtete sorgfältig darauf, die Arbeit zu dritteln. Die Testarbeit war blind, will heissen – nur die Techniker von Pirelli wussten jeweils, welche Experimentalwalzen am Wagen steckten. Die Fahrer konnten nur Eindrücke widergeben. Sämtliche Daten wurden allen Rennställen zur Verfügung gestellt. Die Teams wurden auch ermuntert, eigene Beobachter zum Test zu bringen.

Die FIA schrieb ferner vor: Mutmassliche Abtriebswerte von 2017 müssen mit Mitteln wie Schürzen und steiler gestellten Flügeln erreicht werden, die Entwicklung besonderer Unterböden oder neuer Flügel war untersagt. Pirelli-Formel-1-Projektleiter Mario Isola: «Die Daten lagen allen offen, sogar Werte wie Abstimmung des Autos, Gewichtsverteilung, aerodynamische Balance und so fort. Diese Daten wurden von den Rennställen dazu verwendet, um die Leistungsfähigkeit von Auto und Reifen für 2017 einzuschätzen.»

Was schnell auffiel: Kein Rennstall setzte bei der Reifenentwicklung so auf die Stammfahrer wie Ferrari. Das Signal war klar: Besonders Sebastian Vettel versprach sich von der Arbeit mit den neuen Reifen einen Vorteil für 2017. Vettel war damals auch der einzige Fahrer, der bei der Rückkehr von Pirelli in die Formel 1 das Werk in Mailand besuchte.

Mercedes hingegen setzte bei der Arbeit mit Pirelli auf Juniorfahrer Pascal Wehrlein. Die Mercedes-Stars Lewis Hamilton und Nico Rosberg waren in ihr WM-Duell vertieft und beteuerten in Interviews, sie würden in dieser Testarbeit keinen Vorteil erkennen. Letztlich probierten sie die breiteren Pirelli dann doch aus, aber die Arbeit von Rosberg wurde vom Wetter behindert, und Hamilton brach den Test ab, weil er sich nicht wohlfühlte.

Bei Red Bull Racing übernahmen die Testfahrer Pierre Gasly und Sébastien Buemi den Löwenanteil, erst zum Schluss des Programms rückten die Stammfahrer Max Verstappen und Daniel Ricciardo aus.

Zurückgelegte Kilometer

Pascal Wehrlein, Mercedes, 3248 km
Pierre Gasly, Red Bull Racing, 2494
Sebastian Vettel, Ferrari, 2228
Sébastien Buemi, Red Bull Racing 1190
Kimi Räikkönen, Ferrari, 1054
Max Verstappen, Red Bull Racing, 517
Esteban Gutiérrez, Ferrari, 480
Antonio Fuoco, Ferrari, 478
Nico Rosberg, Mercedes, 209
Daniel Ricciardo, Red Bull Racing, 200
Lewis Hamilton, Mercedes, 50

Ferrari 4240
Red Bull Racing 4401
Mercedes 3507

In der Saison 2017 ist klar: Ferrari hat die Arbeit mit den Pirelli-Reifen am besten im Griff. Es fällt Vettel und Räikkönen leichter, die Walzen in den optimalen Betriebsbereich zu bringen und sie auch dort zu halten. Aber wie hätte Ferrari bei der Testarbeit einen Vorteil gewinnen können?

Einfache Antwort: Die Italiener haben die treffsichersten Schlüsse aus dem Betrieb des Übergangsfahrzeugs gezogen. Sie konnten die Erkenntnisse vom umgebauten 2015er Renner am besten auf das 2017er Auto übertragen. Es spielt hier auch eine Rolle, dass Mercedes und Red Bull Racing Mühe hatten, die Werte aus der Flussdynamikberechnung, aus dem Windkanal und von der Rennstrecke in Einklang zu bringen. Ferrari hatte mit der Deckungsgleichheit dieser Werte weniger Schwierigkeiten.

Und selbst Mario Isola gibt zu: «Während es wahr ist, dass die Fahrer nie wussten, welche Mischungen und Konstruktionen genau am Wagen waren, so konnten Vettel und Räikkönen doch ein gewisses Gefühl für die neuen Reifen aufbauen. Sie merkten beispielsweise sofort, dass sie mit der neuen Reifengeneration viel länger attackieren können. Sie merkten, dass die Reifen weniger zum Überhitzen neigen und dass sie sich nach einigen Runden langsamerer Fahrt wieder erholen, sollten die Walzen dann doch einmal zu heiss geworden sein. Den Fahrern ist in Fleisch und Blut übergangenen, in welche Richtung wir mit den neuen Reifen gehen wollten.»

Und wenn Vettel sowie Räikkönen den Weg mit den neuen Reifen von Anfang an mitgegangen sind, dann bedeutet das eben auch, dass sie mit ihren Eindrücken zur Entwicklung beigetragen haben. Ohne gegenüber Wehrlein oder Gasly respektlos sein zu wollen. Aber wenn Sie ein Pirelli-Techniker sind, auf wen hören Sie dann – auf Vettel oder Wehrlein?

Mario Isola: «Die Erfahrung eines vierfachen Weltmeisters ist für uns von unschätzbarem Wert. Das geht vor allem auf Erfahrung zurück. Denn Wehrlein hat hervorragende Arbeit geleistet und war mit seinen Aussagen überaus präzise. Doch ein Fahrer wie Vettel hat einen ungleich grösseren Erfahrungsschatz.»

Christian Horner von Red Bull Racing glaubt: «Vielleicht hat uns der Einsatz des Übergangsfahrzeugs in gewisser Weise geschadet. Wir legten uns auf eine Entwicklungsrichtung fest, die nicht dem fertigen Produkt entsprach. Aber das darf keine Ausrede sein. Mercedes und Ferrari haben die Regeln einfach besser interpretiert.»

Mercedes-Teamchef Toto Wolff: «Es war klar, dass Hamilton und Rosberg angesichts ihres WM-Duells keine Lust auf Entwicklungsarbeit hatten. Rückblickend hätten wir das vielleicht anders anpacken sollen. Da ist von mir nur eine Annahme, aber ich kann mir schon vorstellen, dass die Glaubwürdigkeit von Vettel und seine Aussagen Auswirkungen gehabt haben. Natürlich verlässt sich da Pirelli eher auf die Eindrücke eines Weltmeisters. Aber nochmals: Es gibt keine Daten, welche diese Hypothese untermauern.»

Die bisherige Saison 2017 deutet an: Im WM-Kampf kommt es auf jedes Detail an. Bei einem so intensiven Duell wie zwischen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton macht am Ende vielleicht genau die unermüdliche Arbeit mit Pirelli den entscheidenden Unterschied aus.

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