Hans-Georg Bürger: Die Formel 1 war schon geplant

Von Rainer Braun
Formel 1

​Drei Monate nach Markus Höttinger in Hockenheim verunglückte auch dessen Freund Hans-Georg Bürger beim Formel 2-EM-Lauf in Zandvoort 1980 tödlich. Erinnerungen zum 40. Todestag eines Supertalents.

Zwei Freunde, ein Schicksal. Die Parallelen der tödlichen Unfälle von Hans-Georg Bürger und Markus Höttinger sind erschreckend. Beide starben innerhalb von drei Monaten als Formel 2-Piloten, beide Helme brachen, beide hatten fast identische Kopfverletzungen. Und bei beiden wurde die gleiche Verschleierungstaktik über den tatsächlichen Zustand nach dem Unfall praktiziert. Ein Drama, wie es schlimmer kaum sein konnte.

Am 20. Juli 1980 verunglückte das Supertalent Hans-Georg Bürger mit seinem Tiga-BMW im morgendlichen Warm-up des Formel 2-EM-Laufs in Zandvoort schwer; einen Tag später, am 21. Juli, gab die Spezialklinik in Amsterdam offiziell den Tod des 28 Jahre alten Rennfahrers aus dem Eifeldorf Welschbillig bekannt.

Es hätte so ein schönes Wochenende an der Nordsee werden können. Norbert Haug, damals noch beim Stuttgarter Fachblatt «sport auto», Dieter Glemser und ich hatten anlässlich des Formel 2-Rennens in Zandvoort schon länger ein Spass-Weekend verabredet. Gemeinsam fuhren wir bester Laune gen Zandvoort, zogen abends durch die Discos. Norbert beendete den fröhlichen Samstag weit nach Mitternacht, in dem er auf dem hoteleigenen Klavier eine Konzerteinlage gab – was nicht alle bereits schlafenden Gäste lustig fanden. Soweit der fröhliche Auftakt.

Sonntag früh, es ist windig und kalt. Wir warten vorm Hotel noch auf den Vater von Manfred Winkelhock, der wie Bürger in der Formel 2 um Punkte kämpft. Nur hat bis zu diesem Wochenende im Juli weder der eine noch der andere einen EM-Punkt ergattern können, weil es zu viele Ausfälle und nur ein paar Zielankünfte außerhalb der Top 6 gab.

Für das Warm-up suchen wir uns einen Platz auf der Pressetribüne der Hugenholtz-Bocht, jener engen Bergab/Bergauf-Linkskurve schräg gegenüber Start und Ziel. Es ist weiter ungemütlich kalt und nass. Norbert betätigt sich als privater Zeitnehmer und vermeldet zwischendurch, dass unsere beiden Schützlinge nahezu gleich schnell sind.

Plötzlich rote Flagge, Abbruch, die Autos rollen langsam in die Boxengasse, einer nach dem anderen, nur Bürger fehlt als einziger. «Nichts Besonderes passiert, ein kleiner Unfall, der Fahrer ist nur in den Fangzaun gerutscht und ein bisschen benommen» – so der Streckensprecher und später auch die Rennleitung auf Nachfrage.

Die grausame Wahrheit

Erst nach und nach sickert die grausame Wahrheit durch: Bürger ist auf der rutschigen Piste in einer der schnellen Kurven des hinteren Streckenteils in den Fangzaun gerutscht, was an sich noch kein Drama wäre. Aber ein Holzpfosten des Fangzauns hat ihn beim Aufprall so unglücklich am Kopf getroffen, dass sein rot-weiß lackierter Simpson-Helm in zwei Teile zerbricht.

Der bewusstlose Pilot wird in die erbärmliche Sanitäts-Bretterbude im Fahrerlager gebracht. Weil das medizinische Personal mit dem Patienten völlig überfordert ist, wird er im Krankenwagen (wieder mal war kein Hubschrauber da!) zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus nach Haarlem transportiert. Dort erkennt man sofort den Ernst der Lage und veranlasst unverzüglich eine Verlegung in eine Spezialklinik nach Amsterdam.

In Zandvoort irrt derweil Anni Bürger, eine kleine, grazile Frau, zusammen mit Biggi Briel, Freundin und heutige Ehefrau von Sportmanager Werner Heinz, durchs Fahrerlager, um Genaueres über den Zustand ihres Schorsch in Erfahrung zu bringen. Erst nach mehrmaliger Intervention von Norbert Haug und mir bequemt sich die Rennleitung widerwillig, der Ehefrau eine geschönte Version über den Zustand ihres Mannes zu übermitteln. Die Auskunft lautet sinngemäß so, dass ihr Mann sicherheitshalber zur Untersuchung ins Krankenhaus nach Haarlem gebracht wurde und sie sich dort über Einzelheiten erkundigen möge.

Biggi, wie Anni aus Trier, fährt mit ihr ins Hospital, zunächst nach Haarlem, dann nach Amsterdam. Als ich wenig später nachkomme, ist Hans-Georgs Schicksal bereits besiegelt – er wird nur noch von Maschinen am Leben gehalten. Anni fragt mit leerem Gesichtsausdruck: «Warum haben mich alle belogen?» Ein furchtbarer Moment auch für mich.

Montags kommt aus der Klinik die offizielle Todesnachricht. Ich rufe BMW-Sportchef Dieter Stappert zu Hause an und sage ihm nur drei Worte – es ist aus.

Hans-Georg, wie sein Kumpel Höttinger ein Riesentalent mit besten Perspektiven, wurde nur 28 Jahre alt.

Bei der Beerdigung hatte das kleine Eifeldörfchen Welschbillig den größten Menschenauflauf seiner Geschichte zu verkraften – weit über 1000 Trauergäste begleiteten ihn auf seinem letzten Weg.

Ehrgeiz, Energie, Talent

Hans-Georg, seit August 1979 stolzer Papa eines Sohnes, hatte sich mit Ehrgeiz, Energie und seinem angeborenen Fahrtalent innerhalb von vier Jahren im Gleichschritt mit Kumpel Höttinger nach oben durchgekämpft: Renault 5-Cup-Frontrunner, Formel 3-DM im Schäfer-Ralt, Rennsportmeisterschaft im BMW 320, Procar-Serie im BMW M1, BMW-Werksvertrag, Formel 2-EM in Tim Schenkens Tiga-Team.

Als nächste Schritte waren das Aufrücken ins March-BMW F2-Werksteam 1981 und Formel 1-Testfahrten geplant. Bürgers größter Förderer und Fan war BMW-Sportchef Dieter Stappert, der in dem jungen Mann aus der Eifel «viele Wesenszüge von Jo Siffert» wiederzuerkennen glaubte.

Die Art, wie Bürger 1979 bei seinem Procar-Debüt im M1 in Hockenheim den Formel-1-Stars die Pole entriss und anschließend im Rennen mit Pironi, Lauda, Stuck & Co umsprang, hat auch die letzten Skeptiker restlos überzeugt. Stappert war damals fest davon überzeugt, «dass Bürgers Weg genauso wie der von Höttinger zwangsläufig in die Formel 1 geführt hätte».

Dazu war der aus einfachsten Verhältnissen stammende Heizungstechniker ein stets freundlicher und fröhlicher Mensch. Dass er auch äußerst sensibel sein konnte, zeigte seine Reaktion nach dem Horror-Überschlag seines F2-Kollegen Manfred Winkelhock beim Eifelrennen am Nürburgring im April 1980.

Als dessen direkter Verfolger auf Rang 3 hatte er einen Logenplatz, als der gelbe March am Flugplatz-Sprunghügel wie ein Jet aufstieg und sich furchterregend und endlos überschlug. Was Bürger da zwei Wochen nach Höttingers Tod mit ansehen musste, war für ihn wie ein Dolchstoß. «Ich konnte vor Schreck und Angst um Manfred kaum noch weiterfahren und war heilfroh, dass ich danach mit Motorschaden ausgefallen bin. Wenn dem Manfred etwas Schlimmes passiert wäre, hätte ich sofort mit der Rennerei aufgehört, definitiv.»

Schon nach dem Höttinger-Drama in Hockenheim konnte Schorsch nur mit Mühe von Freunden und Vertragspartnern überredet werden, nicht auf der Stelle alles hinzuwerfen. Dabei waren Winkelhock und Bürger sicher keine Freunde, schon deshalb nicht, weil sich jeder bei BMW in die bessere Position für einen Formel 1-Platz bringen wollte. Anfangs haben beide sogar kein Wort miteinander geredet.

Wiederholt hat sich Schorsch bei mir beklagt, «dass mich der Manfred immer so böse anguckt und grußlos an mir vorbeigeht». Aber Manfred kam zur Beerdigung und flüsterte mir beim Gang von der Kirche zum Friedhof ins Ohr: «Ich glaube, manchmal hab‘ ich dem Schorsch Unrecht getan. Erst nachdem er sich am Ring so um mich gesorgt hat, hab‘ ich gemerkt, was für ein lieber Kerl er ist.»

Nach seinem Tod habe ich übrigens oft diese Aussage gehört: «Der Schorsch war viel zu nett, ehrlich und anständig für den Rennfahrer-Job.»

Trotz des tragischen Todes von Hans-Georg ist der Name Bürger im Rennsport präsent geblieben. Hans-Georgs Brüder Klaus (62) und Friedhelm «Beppo» (57) haben lange in Bertram Schäfers Formel 3-Team geschraubt. Danach ist Klaus erst in die F3 Euro-Serie zum Midland F3-Team, dann zum Bongers F3-Team und später als Langzeit-Mitglied zum Team von Colin Kolles gestoßen. Beppo Bürger wechselte schon 1994 zur Service-Crew des Yokohama-Renndienstes, wo er heute noch die Kundschaft berät und versorgt.

Hans-Georgs Witwe Anni verließ die Eifel, zog um nach Bad Kreuznach und kehrte wieder in ihren Beruf als Kindergarten-Leiterin zurück.

«Glücklicherweise hatte unser Sohn Thomas keine Rennfahrer-Ambitionen», gibt sich die leidgeprüfte Mama erleichtert, «nachdem er vor acht Jahren mal richtig vom Motorrad geflogen ist und sich das Bein gebrochen hat, ist das Thema durch.» Thomas Bürger ist inzwischen 40 Jahre alt und Abteilungsleiter einer Personal-Agentur in Düsseldorf.

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