Jürgen Lingg (Intact): Heftige Kritik an Cortese

Von Günther Wiesinger
Moto2
Intact-Teammanager Jürgen Lingg ist nach drei Moto2-Jahren mit Sandro Cortese enttäuscht. «Wir haben bei Sandro den Schlüssel zum Erfolg noch nicht gefunden», grübelt er.

Nach dem Gewinn der Moto3-Weltmeisterschaft im Red Bull Ajo-KTM-Team stieg Sandro Cortese vor drei Jahren im neuen Dynavolt Intact GP-Team mit hohen eigenen Erwartungen in die Moto2-WM ein.

Er nahm sich einerseits Nico Terol für 2013 als seinen Weltmeister-Vorgänger (in der 125-ccm-Klasse) als Vorbild, der in seiner ersten Moto2-Saison den elften Gesamtrang und einen Podestplatz (Platz 3 in Valencia) erreicht hatte.

Im zweiten Jahr wollten das Team und Cortese konstant um Podestplätze fighten und den Sprung ganz nach vorne schaffen. Schliesslich war auch Stefan Bradl in seiner zweiten Moto2-Saison Weltmeister geworden.

Aber die Wirklichkeit sah anders aus.

Cortese schaffte 2013 nur einen Top-Ten-Rang (Platz 10 in Aragón) und den 19. Gesamtrang. 2014 schaute der neunte Gesamtrang heraus und ein Podestplatz in Brünn (Rang 3), aber die Ansprüche waren wesentlich höher. Schliesslich war Cortese nach starken Wintertests als Quali-Zweiter in Katar in die WM gestartet. Auch nach dem Argentinien-GP 2014 war noch Platz 3 das WM-Ziel.

2015 sollte dann endlich der Durchbruch gelingen. Der inzwischen 25-jährige Berkheimer sprach ganz klar vom Titelgewinn. «Ich gehe nicht in eine WM-Saison und sage, ich möchte Zweiter oder Dritter werden. Mein Ziel ist natürlich der Titel», sagte Cortese im Februar 2015. Und: «Natürlich ist mein Traum die MotoGP-WM.»

Tatsächlich gelangen dem Kalex-Piloten in der dritten Moto2-WM-Saison acht Top-Ten-Ergebnisse, aber der Titel wurde um 262 Punkte verfehlt. Cortese sammelte 90 Punkte ein und landete auf dem elften WM-Rang.

Landsmann Jonas Folger schaffte 163 Punkte, zwei Siege und den sechsten WM-Rang. Das Intact-Team engagierte ihn als Teamkollegen für 2016. Der Bayer soll Cortese unter Druck setzen.

Teamteilhaber Jürgen Lingg agiert weiter als Technical Director, Folger und Cortese haben mit Patrick Mellauner und Lucio Nicastro neue Crew-Chiefs erhalten.

Die Teamgründer Stefan Keckeisen (Intact Batterien) und Wolfgang Kuhn (Kuhn Bau AG) machen sich keine Illusionen mehr. Durch die Verpflichtung von Jonas Folger soll das Allgäuer Moto2-Team auf den Level von Paginas Amarillas Pons, Marc VDS oder Technomag kommen.

Jürgen Lingg wirkte 2015 mehrmals ratlos und verzweifelt. Die schwankenden Ergebnisse von Cortese (er war im Sommer nur WM-17.) enttäuschten das Team und die Sponsoren des finanzstarken und technisch perfekt aufgestellten Intact-Teams.

Lingg rätselte über die Ursachen des Versagens. Sind es die Nerven? Der Druck? Zu viel Ablenkung?

Im Gespräch mit SPEEDWEEK.com sprach Jürgen Lingg offen über die insgesamt enttäuschende Saison 2015.

Jürgen, Sandro Cortese hat bisher die Erwartungen in der Moto2-WM nicht erfüllt. Manchmal wurde man in der vergangenen Saison das Gefühl nicht los, du hättest bei ihm die Hoffnung aufgegeben.

Es lag bei uns nicht am Motorrad. Du könntest dir bei uns am Motorrad einen Wolf schrauben, an den Resultaten hätte sich nichts geändert.
Sandro lässt sich zu leicht ablenken.

Cortese kümmert sich mehr um Social Media als um das Wesentliche, also um seine Performance auf der Strecke?

Das lässt sich heute bei ganz vielen Leuten beobachten. Vor allem bei vielen, die Facebook haben.
Für mich ist das Handy ein Werkzeug. Und ich bin manchmal froh, wenn ich es weglegen oder am Abend auf Flugmodus schalten kann. Aber für manche Menschen kann Social Media zur Sucht werden.

Auf der Rennstrecke entpuppt sich Sandro Cortese oft als Überraschungstüte. Erfolge und Misserfolge wechseln einander ab. Nach dem Indy-GP war nur WM-Siebzehnter. Im Winter 2014/2015 wurde ganz klar von Titelchancen und regelmässigen Podestplätzen gesprochen. Hast du noch Hoffnung, dass Sandro irgendwann konstanter wird?

Naja, gut, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber das Problem ist, dass wir bei Sandro den Schlüssel zum Erfolg bisher nicht gefunden haben. Es ist immer so, dass es bei den Übersee-Rennen ein bisschen besser läuft als in Europa. Warum auch immer...

Weniger Ablenkung?

Das weiss ich nicht... Motegi 2015 war mit Platz 3 ein Ausreisser, denke ich. Es war nicht der Durchbruch, auf den wir gewartet haben. Ich habe das nicht geglaubt, ehrlich gesagt. In Japan hat halt alles gepasst. Sandro ist ein super Rennen gefahren, daran gibt es nichts zu rütteln. Wir wissen aber natürlich auch, dass in Japan besondere Umstände geherrscht haben, dadurch sind Shah und Syahrin auf den Plätzen 4 und 5 gelandet. Wir können aber Motegi nicht als Durchbruch bezeichnen. Sicher nicht. Ich hoffe trotzdem auf eine Steigerung. Ich erwarte auch, dass sich die Situation 2016 durch den neuen Teamkollegen Jonas Folger bessert. Wir werden dann viel mehr Referenzdaten haben, die wir vergleichen können. Vielleicht werden wir dadurch beim Analysieren noch ein bisschen besser.
Es will natürlich kein Fahrer die Nr. 2 im Team sein. Das war ja letztendlich auch der Grund, warum wir das Team auf zwei Fahrer aufgestockt haben.

Dass Sandro Cortese schnell Motorradfahren kann, hat er oft bewiesen. Aber er stürzt zu oft und bringt nie fünf konstant gute Ergebnisse hintereinander zustande.

Es lag zum Beispiel 2015 nicht an der Fitness. Das ist eine Kopfsache. Sandro ist einfach blockiert. Deshalb hoffte ich, dass ihm der dritte Platz in Motegi gut getan hat. Aber es ging nicht auf diesem Niveau weiter.

Du warst im Vorjahr und auch in dieser Saison manchmal der Verzweiflung nahe. Wenn man als Fahrer im Winter vom Titel redet und bei WM-Halbzeit WM-17. ist, kann niemand zufrieden sein?

Das ist eigentlich eine Katastrophe. Das geht eigentlich gar nicht. Da brauchen wir gar nicht drum rum schwätzen. Was wir da abgeliefert haben mit dieser professionellen Infrastruktur, das geht gar nicht. Da brauchen wir nicht drüber zu diskutieren.
Und das darf sich auch nicht wiederholen.
Es wird beim Sandro nächstes Jahr um die Wurst gehen. Noch einmal so eine Saison, das steht kein Sponsor mehr durch.

Muss sich das Intact-Team bei Cortese nach drei nicht gerade mitreissenden Moto2-Jahren von irgendwelchen Hoffnungen auf Wunder verabschieden und kleine Brötchen backen? Sollte man im Winter lieber nicht mehr von Siegen und konstantem Podestplätzen träumen? Oder kann es auch bei ihm ähnlich wie bei Zarco plötzlich einen Kick geben, der ihn zum Titelanwärter macht?

Ich glaube, von heute auf morgen geht es nicht. Es wird vielleicht das eine oder andere Highlight kommen. Aber dass man jetzt sagt, über den Winter wird alles anders, das kann ich mir nicht vorstellen.
Auf den Sandro kommt viel Arbeit zu.
Man hat es in den kleinen Klassen gesehen, da hat es auch lange gedauert, bis ihm der Durchbruch gelungen ist. Das heisst aber noch lange nicht, dass er es in der Moto2 nicht auch schaffen kann. Aber im Moment würde ich den Jonas stärker einschätzen. Das sieht man ja an den Rennergebnissen 2015.

Du hast Cortese schon 2011 in der 125er-WM betreut, als er zwei GP-Siege gefeiert hat. Jetzt betreust du ihn das dritte Jahr in der Moto2-Klasse. Du hast bisher kein Erfolgsrezept für ihn gefunden. Ist es eine Nervensache? Macht er sich zu viel Druck?

Es ist eine Kopfsache. Er ist blockiert; er ist einfach zu viel runtergeflogen. Es sind halt zu viele Sachen schief gegangen. Man hat sich zu viel vorgenommen, was den Druck noch erhöht hat. Das spielt sich im Kopf ab. Motorradfahren kann der Sandro schon.
Das ist eine reine Einstellungssache. Es liegt nicht an seinem Fahrstil oder an seinem Talent.

Du hast dich oft geärgert, weil Sandro bei Fehlern oft Ausreden aufgetischt hat. Hat sich das gebessert?

Das ist auf jeden Fall besser geworden. Das ist der Hebel, an dem wir ansetzen müssen. Man kann Probleme nur beheben, wenn man sie sieht und wahrnimmt. Wenn man sie von sich wegschiebt, wird sich nichts ändern.
Ich habe das Gefühl, dass er das langsam auch realisiert.

Vor dem Australien-GP sagte Sandro Cortese, er sei lieber in der ersten Startreihe, weil er dann nach einem Fehler in der Startrunde immer noch Fünfter sein könnte. Andere Fahrer knallen in der ersten Runde vom neunten auf den vierten Platz vor.

Ja, das ist aber genau das Problem. Denn wenn ich diese Idee nicht im Kopf habe, dann setze ich sie natürlich auch nicht um.
Bei solchen Aussagen sieht man, wie eingeschüchtert er im Moment ist. Das muss halt weg. Das geht nur über ein paar gute Ergebnisse in Folge. Dann kommt das Selbstvertrauen.
Und dann darf man natürlich nicht leichtsinnig werden, sondern man muss auf dem Boden bleiben.

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