Marc Márquez: Hat Honda aus den Fehlern gelernt?

Von Günther Wiesinger
Die Karriere von Marc Márquez wurde in diesem Jahr von den Ärzten und vom Honda-Team leichtsinnig aufs Spiel gesetzt. Die Zukunft könnte beschwerlich werden.

Dr. Xavier Mir und seine Ärzte aus der Clinica Dexeus stehen gern im Mittelpunkt. Sie ließen sich im Juli in aller Öffentlichkeit medienwirksam als Helden feiern, als sie Marc Márquez nach dem Oberarmbruch vom 19. Juli wieder zusammenflickten und der MotoGP-Weltmeister sich vier Tage danach wieder auf seine Werks-Honda schwang.

Heute weiß man: Diese Ärzte haben nicht nur medizinischen Pfusch abgeliefert, den Versehrten dann viel zu früh zum Comeback (sechs Tage nach dem Crash) ermutigt und damit womöglich eine der größten Sportkarrieren der Geschichte ruiniert. Sie haben Marc Márquez somit nicht nur um Millionen-Einnahmen gebracht (er sollte bei HRC in den vier Jahren von 2021 bis 2024 jährlich 20 bis 25 Millionen Euro verdienen), sondern auch Millionen von Motorsportfans auf der ganzen Welt auf unbestimmte Zeit oder sogar für immer um seine spektakulären Auftritte betrogen.

Die betroffenen Götter in Weiß sind abgetaucht. Ihre Kollegen in Madrid versuchen jetzt zu retten, was noch zu retten ist.

Erste Spekulationen im August

Mitte August habe ich von einem verlässlichen Mitglied des Yamaha-Werksteams gehört, Marc Márquez werde 2020 gar nicht mehr fahren und womöglich nie mehr in seinem Leben.

Ich habe diese Information damals unter dem Begriff «wishful thinking» abgetan. Ich dachte: Da ist bei der jahrelang gedemütigten Konkurrenz der Wunsch Vater des Gedankens.

Anderseits erinnerte ich mich an den Spruch: «Bad news travel fast.»

Ich habe diese Information damals trotzdem nicht veröffentlicht. Ich will mir gar nicht ausmalen, welcher Sturm der Entrüstung mir damals entgegen gebrandet wäre. Denn manche Fans glauben nur das, was die Teams offiziell zugeben oder verlautbaren. Aber besonders diese Mitteilungen sind oft mit Vorsicht zu genießen.

Honda, in punkto Kommunikation sowieso nicht auf Weltklasse-Niveau, ist später mit der Wahrheit im Zusammenhang mit dem Superstar immer nur bruchstückweise herausgerückt. Meistens weil aus Spanien die beunruhigenden Neuigkeiten immer irgendwie an die Medien weitergereicht wurden, von Márquez-Manager Alzamora, vom Team, von der Familie, von den Ärzten, von Rennfahrerkollegen.

Im August kündigte Repsol-Honda an, Marc werde erst in zwei bis drei Monaten zurückkehren. Vom Trümmerbruch wurde bis heute nie gesprochen. Er passierte beim Öffnen der Terrassentüre, und auch wenn viele Fans das bis heute nicht glauben, ja, es war ein Haushaltsunfall, der zur zweiten Operation führte.

Ersatzfahrer Stefan Bradl wurde immer nur für ein Rennen aufgeboten, ein Márquez-Comeback in Catalunya Ende September oder in Aragón im Oktober wurde von HRC nie dementiert. Dabei war längst klar, dass der Katalane noch immer kein Motorrad beherschen konnte. Sogar das Rennradfahren gab er bald wieder auf.

Doch Honda schenkte der Öffentlichkeit monatelang keinen reinen Wein ein.

Ob so eine merkwürdige Vorgangsweise im Sinne des größten Motorradherstellers der Welt ist, bezweifle ich.

Statt der Nachrichtensperre hätten die Honda-Manager lieber früher der Realität ins Auge blicken, neue medizinsche Experten zu Rate ziehen und die dritte Operation zwei Monate früher ansetzen sollen. In der Saison 2020 war sowieso nichts mehr zu holen.

Fans zum Narren gehalten

Die HRC-Manager haben bis heute nicht begriffen, dass erstens das Geld für ihren Motorsportbetrieb im Tagesgeschäft durch den Verkauf von motorisierten Zweirädern erwirtschaftet wird. Und sie haben nicht begriffen, das sich die Medien und Fans nicht gern dauerhaft zum Narren halten lassen und ihre Vorgehensweise für alle Importeure und Händler geschäftsschädigend ist.

Vom fehlenden sportlichen Erfolg will ich gar nicht sprechen.

Jahrelang war jedem halbwegs aufgeweckten Menschen klar, dass die Fahrerpolitik von HRC völlig auf Marc Márquez ausgerichtet war. Cal Crutchlow verlor 2019 als zweitbester Honda-Fahrer mit identischem Material 287 Punkte auf den World Champion.

Doch vor lauter Siegen und Titelgewinnen wurde die Tatsache vernachlässigt, dass die MotoGP-Nachwuchsförderung versagt hat, obwohl Honda noch 2018 zwei Kundenteams (Marc VDS und LCR) betrieb. Aber Bradl, Morbidelli, Miller und auch Nakagami (in den ersten zwei Jahren) konnten sich bei HRC nicht richtig entfalten.

Das lag nicht nur an den Piloten, sondern auch an den Bikes.

Durch die missglückte Talentförderung gingen HRC Talente wie Joan Mir, Alex Rins und Maverick Viñales durch die Lappen. Sie wollten entweder nicht zu Honda oder Honda unterschätzte ihr Können.

Statt eines Talents wurde für 2019 der fünffache Weltmeister Jorge Lorenzo engagiert und nach einem Jahr wieder entlassen. Alex Márquez wurde dann ins Repsol-Team befördert, aber bereits vor dem ersten Rennen wieder brüskiert und für die kommenden zwei Jahre durch Pol Espargaró ersetzt.

Doch Marc Márquez übertünchte alle diese Verfehlungen, Kritik war nicht erwünscht. Sie wurde als Majestätsbeleidigung empfunden.

Beim zweiten Jerez-GP im Juli wurde Teammanager Alberto Puig gefragt, ob sich Honda bisher nicht zu stark auf Márquez konzentriert und sich deshalb nie die Mühe gemacht habe, die RC213V auch für andere Fahrer beherrschbar zu machen. Er entgegnet zornig sinngemäß, man habe alles richtig gemacht. «Wir haben in sieben Jahren sieben Fahrer-Titel gewonnen, also haben wir das beste Motorrad. Mehr gibt es nicht zu sagen.»

Er verbat sich solche Fragen und vergaß in der Aufregung sogar den Titelgewinn von Yamaha 2015.

Im September posaunte der genervte Puig, nachdem mehrmals keine 2020-Werks-Honda in die Top-Ten gefahren war: «Wir haben kein Problem mit dem Motorrad. Unser einziges Problem ist, dass uns Marc Márquez fehlt.»

Mittlerweile möchte man nicht mehr in der Haut der HRC-Manager stecken. Repsol möchte zum Beispiel Alex Márquez weiter im Werksteam statt bei LCR sehen. Man darf bei den MotoGP-Verantwortlichen mit einem Köpferollen rechnen.

Denn Marc Márquez wird vielleicht bis zum Saisonstart einigermassen fit sein. Aber ob er je wieder die dominierende Rolle spielen wird, die er bis zum Jerez-Crash eingenommen hat, ist zu bezweifeln. Es wird wohl eine geraume Weile dauern.

Denn die Gegner haben Top-Material. Dazu haben die Fahrer wie Mir, Rins, Morbidelli, Quartararo, Miller, Binder und Oliveira viel Selbstvertrauen gewonnen; das gilt auch für Nakagami und Alex Márquez.

Und ob die überheblichen Honda-Manager aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben, wird sich zeigen.

Es ist zu befürchten, dass gleich beim Comeback wieder auf die überirdischen Kräfte von Marc Márquez und die Schlagkraft der Honda RC213V vertraut wird.

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