Titelchance für Bagnaia: Zeit für Ducati-Teamorder

Kolumne von Michael Scott
Pecco Bagnaia und Enea Bastianini: Ducati-interes Duell in Motegi

Pecco Bagnaia und Enea Bastianini: Ducati-interes Duell in Motegi

Die MotoGP-WM 2022 befindet sich im Schlussspurt: Ducati-Star Pecco Bagnaia bleiben vier Rennen, um Titelverteidiger Quartararo noch abzufangen. SPEEDWEEK.com-Kolumnist Michael Scott über die Rolle von Bastianini und Co.

Alles kann passieren. Das ist eine alte Weisheit im Sport, die in der MotoGP-WM 2022 umso mehr gilt, nachdem Pecco Bagnaia den Rückstand auf Fabio Quartararo in den fünf Rennen vor dem Japan-GP von 91 (!) auf zehn Punkte reduziert hat. In Assen, Silverstone, Spielberg, Misano und Aragón sammelte der Vizeweltmeister des Vorjahres ganze 120 Punkte ein, Titelverteidiger Quartararo – inzwischen erschöpft von den übermenschlichen Anstrengungen auf der M1 – in derselben Zeit nur 39. Das stellte den Meisterschaftsverlauf auf den Kopf.

Ein – angefangen beim Zeitplan – merkwürdiger Grand Prix am vergangenen Wochenende im neu benannten Mobility Resort Motegi ändert daran nicht viel, auch wenn Bagnaia in der letzten Runde eine Handvoll Punkte in das Kiesbett warf. Mit Sicherheit änderte sich nichts am einzigen Haar in der Suppe des sechsfachen Saisonsiegers: Allzu oft ist er in diesem Jahr nicht der schnellste Mann auf einer Ducati.

Das zeigte nicht nur der dominante Sieg seines Teamkollegen Jack Miller in Japan, es war auch schon eine Woche zuvor in Aragón passiert. Enea Bastianini, der auf der letztjährigen Maschine sitzt, mit der Bagnaia beim Aragón-GP 2021 gegen Márquez seinen ersten MotoGP-Sieg fixiert hatte, holte seinerseits seinen vierten Sieg der Saison, nach einer weiteren meisterhaften Performance, wobei er seine beste Pace dann zeigt, wenn es wirklich darauf ankommt – in der Schlussphase.

Schon in Misano hatte Bastianini seinen künftigen Lenovo-Teamkollegen bis zur Ziellinie gejagt, dort fehlten ihm nur 0,034 sec. Nicht zu vergessen Le Mans, wo ein unter Druck gesetzter Bagnaia beim Versuch, an der «Bestia» dranzubleiben, stürzte.

Bastianini feierte seinen ersten MotoGP-Sieg beim Saisonauftakt in Katar, den zweiten drei Rennen später in Texas. Der dritte Streich folgte in Le Mans, wo er schon einen Weg an den zuvor lange führenden Bagnaia vorbeigefunden hatte, als dieser den kostspieligen, unerzwungenen Fehler beging.

Dieser und andere frühe Fehler (Stürze in Katar und Deutschland) schien Bagnaia weit hinter sich gelassen zu haben. Er ging mit nur zehn Punkten Rückstand in die Übersee-Tour. Selbst nach dem Patzer in der letzten Runde des Japan-GP liegt er nur überschaubare 18 Punkte zurück.

Aleix Espargaró ist trotz des Eco-Mapping-Malheurs mit 25 Punkten auch noch ein glaubwürdiger Herausforderer – bei vier ausstehenden Rennen und damit 100 noch zu vergebenen Punkten. Die großen Anwärter sind aber Bagnaia und Quartararo.

Zwei Ausfälle stehen fünf Nullnummern gegenüber

Der Assen-Clash war allein Quartararos schuld, in Aragón hatte der WM-Leader einfach Pech: Er hatte in der engen Startphase keine Chance auszuweichen, als Márquez dicht vor ihm nach einem Hinterradrutscher plötzlich langsamer wurde.

Dass die Repsol-Honda überhaupt vor ihm lag, war an sich schon bemerkenswert. Marc hatte bei seinem Comeback auf Anhieb mit einem Save und einem Sturz für Schlagzeilen gesorgt. Er fuhr von Startplatz 13 los, Quartararo von Startplatz 6 – und nach gerade einmal 250 m lag der Spanier bereits vor dem Yamaha-Star.

Eine freundliche Erinnerung daran, dass Quartararo (und Joan Mir vor ihm) nur in seiner Abwesenheit Weltmeister wurden. Weil Marc Márquez die halbe Saison verpasst hat, ist er im Moment aber kein Faktor.

Glücklicherweise kam Quartararo mit oberflächlichen Verletzungen davon, nachdem die Reißverschlusszähne an seiner Lederkombi unter der außergewöhnlichen Belastung nachgegeben hatten.

Es war erst sein zweiter Nuller der Saison. Bagnaia dagegen schrieb schon fünf Mal nicht an.

Dennoch ist es schwierig vorherzusagen, wie der Titelkampf ausgehen wird, besonders weil drei der vier ausstehenden Rennen – Thailand, Australien und Malaysia – in den vergangenen zwei Jahren genauso wie Japan nicht im Kalender standen.

2019 waren die Hauptrivalen für den Titel beide noch in ihrem Rookie-Jahr – und Quartararo war stärker: Er war damals Zweiter in Motegi und Buriram, Siebter in Sepang; Bagnaia hatte einen vierten Platz auf Phillip Island als einziges Top-10-Ergebnis vorzuweisen.

Seither hat sich viel verändert, vor allem wenn man bedenkt, wie stark sich die Ducati entwickelt hat, während bei Quartararos Yamaha das Gegenteil der Fall war. «El Diablo» liefert in diesem Jahr eine außergewöhnliche Performance auf einem Motorrad ab, welches in Sachen Top-Speed und Beschleunigung weit hinterher hinkt, was sich in Thailand deutlich bemerkbar machen wird. Er ist aber auch dazu in der Lage, den Kurvenspeed auszunutzen, was das Ganze in Malaysia ausgleichen, ihm vor allem aber in Australien entgegenkommen sollte.

Ducatis zweischneidiges Schwert

Die Ducati-Stärke liegt darin, über mindestens drei sehr starke Fahrer zu verfügen. Deshalb fixierten sie die dritte Konstrukteurs-Krone in Serie auch schon in Aragón.

Dieser Umstand ist gleichzeitig aber auch ein Nachteil, wenn sich die Fahrer gegenseitig Punkte – und Siege – stehlen.

Ducati-Sportdirektor Paolo Ciabatti blieb bei der Frage nach einer möglichen Stallorder, die bisher nicht ausgesprochen wurde, zwar vage. Er räumte aber auch ein: «Es ist an der Zeit anzufangen, an den Fahrer-Titel zu denken.» Schließlich wartet der Hersteller aus Borgo Panigale seit 2007 auf den zweiten WM-Triumph.

Bagnaia hielt mit dem stolz eines Sportlers öffentlich fest, dass er keine Hilfe wolle. Nein danke.

Bastianinis Position ist komplizierter. Nur wenige Tage vor dem Duell in Misano erhielt er die Nachricht, auf die er seit Monaten gewartet hatte. Im nächsten Jahr wird er neben Bagnaia den zweiten Platz im Werksteam der Roten einnehmen, nachdem er den zunächst bevorzugten Kandidaten Jorge Martin ausgestochen hat.

Falls Bastianini den Titel nicht selbst gewinnen sollte – unwahrscheinlich, wenn auch aus mathematischer Sicht noch möglich – würde es eine ungemütliche Partnerschaft werden, wenn er ausgerechnet seinen künftigen Teamkollegen daran hindern würde, Weltmeister zu werden.

MotoGP-WM-Stand (nach 16 von 20 Rennen):

1.Quartararo 219 Punkte. 2. Bagnaia 201. 3. Aleix Espargaró 194. 4. Bastianini 170. 5. Miller 159. 6. Brad Binder 148. 7. Zarco 138. 8. Martin 120. 9. Viñales 113. 10. Rins 108. 11. Oliveira 106. 12. Marini 101. 13. Bezzecchi 80. 14. Mir 77. 15. Marc Márquez 73. 16. Pol Espargaró 47. 17. Nakagami 46. 18. 18. Alex Márquez 42. 19. Morbidelli 28. 20. Di Giannantonio 23. 21. Dovizioso 15. 22. Darryn Binder 10. 23. Gardner 9. 24. Raúl Fernández 8. 25. Crutchlow 3. 26. Bradl 2.

Konstrukteurs-WM:
1. Ducati 371 Punkte (Titelgewinner). 2. Aprilia 226. 3. Yamaha 221. 4. KTM 181. 5. Suzuki 134. 6. Honda 113.

Team-WM:
1. Ducati Lenovo Team 360 Punkte. 2. Aprilia Racing 307. 3. Prima Pramac Racing 258. 4. Red Bull KTM Factory 254. 5. Monster Energy Yamaha 247. 6. Gresini Racing 193. 7. Suzuki Ecstar 185. 8. Mooney VR46 Racing 181. 9. Repsol Honda 122. 10. LCR Honda 88. 11. WithU Yamaha RNF 28. 12. Tech3 KTM Factory 17.

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