MotoGP-Titelkampf 2022: Entscheidet Stallorder?

Von Günther Wiesinger
Drei Rennen vor Schluss liegen in der MotoGP-WM-Tabelle nur zwei Punkte zwischen Yamaha-Einzelkämpfer Fabio Quartararo und Ducati-Hoffnungsträger Pecco Bagnaia. Das Thema Stallorder drängt sich auf.

Eigentlich waren die ersten 17 Motorrad-Grand Prix in zwei Klassen bisher Zeit- und Geldverschwendung. Denn in der Moto2-Tabelle führt Augusto Fernández (Red Bull KTM Ajo Team) nach 17 von 20 Rennen nur 1,5 Punkte vor seinem Verfolger Ai Ogura. Und in der MotoGP-Fahrer-WM hat Pecco Bagnaia beim Thailand-GP in Buriram seinen Rückstand auf WM-Leader Fabio Quartararo mit einem Schlag von 18 auf 2 Punkte reduziert.

Es besteht also die Chance, dass die Weltmeister in den Klassen Moto2 und MotoGP in dieser Saison erst beim Finale in Valencia gekürt werden. Eine wohltuende Abwechslung gegenüber den Jahren der eklatanten Vorherrschaft von Marc Márquez, der 2019 schon beim fünftletzten WM-Lauf in Buriram als neuer World Champion gefeiert wurde.

Die MotoGP-Saison 2022 lässt an Abwechslung und Spannung nichts zu wünschen übrig. Vier Hersteller haben bisher Rennen gewonnen, nur Suzuki und Honda nicht. Ducati hat die Konstrukteurs-WM zum dritten Mal in Serie für sich entschieden. Acht Fahrer setzen die Italiener ein, sieben von ihnen haben bereits Pole-Positions errungen, sogar die zwei Rookies Marco Bezzecchi und Di Giannantonio, das gab es noch nie.

Die europäischen Hersteller haben den Japanern (Yamaha, Honda, Suzuki) klar den Rang abgelaufen. In der Marken-WM liegen die drei Europäer (Ducati, Aprilia und KTM) auf den Rängen 1, 2 und 4, die Österreicher sind Yamaha (3. Rang) dicht auf den Fersen.

Die Werke aus Europa haben 14 von 17 Saisonrennen gewonnen: Ducati hat elf Siege erobert (Bagnaia 6x, Bastainini 4x, Miller 1x), KTM zwei (jeweils mit Oliveira), Aprilia einen (Aleix Espargaró).

Fabio Quartararo sorgte für die drei Yamaha-Erfolge – in Portimão, Catalunya und auf dem Sachsenring. Doch seit dem Deutschland-GP hat er in sieben Wettkämpfen nur einen Podestplatz erreicht – mit Platz 2 in Spielberg.

Deshalb hat Bagnaia seit dem Sachsenring den Rückstand mit einer unfassbaren Aufholjagd von 91 auf 2 Punkte reduziert!

Unfairer Wettbewerbsvorteil für Ducati?

Jetzt wird heftig diskutiert, ob Ducati einen unfairen Wettbewerbsvorteil besitzt, weil sie acht Desmosedici-Piloten ins Gefecht schicken, während Suzuki und Aprilia über gar kein Kundenteam verfügen und das von WithU-RNF-Yamaha (Cal Crutchlow, Darryn Binder) zu schwach ist.

Naja, Neid muss man sich erkaufen. Denn Ducati kämpft seit 2016 um den Fahrer-WM-Titel, hat das Motorrad immer weiter verbessert und sich dadurch das Vertrauen der neuen Kundenteams Gresini Racing und Mooney VR46 gesichert. Die Zusammenarbeit mit Pramac (Fahrer 2022: Zarco & Martin) besteht bereits seit 2005 zur vollsten Zufriedenheit beider Partner.

Ducati hat Honda (zum Beispiel Aspar bis 2018) und Aprilia (Gresini nach 2021) Teams weggeschnappt und dazu Rossis VR46-Truppe gewonnen, weil Yamaha für 2022 kein drittes Team neben Monster und WithU-RNF ausrüsten wollte.

Natürlich bitten die Ducati-Verantwortlichen die schnellen Markenkollegen von Titelanwärter Pecco Bagnaia seit Wochen um Rücksichtnahme auf der Rennstrecke.

Aber viele Punkte bekam der Italiener bisher nicht geschenkt, denn Jorge Martin hat ihn in Katar zu einem ungestümen Manöver verleitet, auch Enea Bastianini hat ihn öfter provoziert. Sogar Kumpel Miller hat ihm in Buriram vier Punkte weggenommen.

Immerhin hat ihn Johann Zarco am Sonntag in Thailand in Frieden gelassen, obwohl er schneller war, denn der Franzose weiß, wer ihm die Butter aufs Baguette schmiert und wer nach der Trennung von KTM nach 2019 seine MotoGP-Karriere gerettet hat.

Außerdem lautet der Auftrag von Ducati an die Bagnaia-Kollegen sinngemäß: «Passt in der Anfangsphase auf, bei einer Siegchance dürfte ihr sie wahren, aber wenn’s zum Beispiel um Platz 5 geht, schenkt Pecco diesen Punkt.»

Natürlich hat Pecco auf der Strecke im Notfall sieben Ducati-Kollegen, die ihm das Leben nicht allzu schwer machen werden, wenn's eng wird. Vielleicht erinnern wir uns an den Beatles-Song «With a Little Help of my Friends», wenn Bagnaia Weltmeister wird.

Aber Quartararo wird den Titel nicht wegen der Ducati-Stallorder verspielt haben, falls er ihn nicht gewinnt. Denn er galt bis zum Österreich-GP zwar als bester Fahrer der Saison, aber jetzt hat er in drei WM-Rennen nur acht Punkte ergattert, in den letzten sieben Wettbewerben sogar nur 47, Bagnaia hingegen 136.

Als der Druck stieg, patzten Yamaha und Fabio Quartararo öfter als Bagnaia und Ducati, wobei man dem Franzosen zugutehalten muss: Er hat das wesentlich langsamere Motorrad, er muss extrem viel riskieren. Deshalb blieb er in Aragón in der Startphase so dicht hinter Marc Márquez und krachte ihm dann aufs Hinterrad. 

Während Bagnaia nur 37 Punkte mehr als sein aufsässiger Markenkollege Enea Bastianini eingesammelt hat, liegt «El Diablo» unfassbare 188 Punkte vor seinem Teamkollegen Frankie Morbidelli, dem zweitbesten Yamaha-Piloten.

Ducati jagt seit 2007 (Casey Stoner) vergeblich dem zweiten Fahrer-WM-Titel nach. Und natürlich werden wir bei den letzten drei Grand Prix immer wieder Anzeichen von Stallorder sehen.

Wie 2017 in Sepang, als Jorge Lorenzo dem Titelanwärter Andrea Dovizioso den Sieg überlassen musste. Gigi Dall’Igna, der General Manager von Ducati Corse, leugnete damals die Stallorder nicht.

«Wir taten, was wir tun mussten», lautete seine kryptische Antwort auf die Nachfrage von SPEEDWEEK.com bezüglich Teamorder.

Lorenzo fuhr in Malaysia 0,7 Sekunden hinter «Dovi» über den Zielstrich. So wurde die Entscheidung bis zum Finale in Valencia vertagt. Marc Márquez wurde trotzdem Weltmeister. 

Aleix Espargaró als Lachender Dritter?

Aber Pecco Bagnaia darf nicht auf die Schützenhilfe von Ducati allein vertrauen. Denn Ducati-Lenovo-Werksfahrer Jack Miller wird sich beim Heim-GP auf Phillip Island am 16. Oktober nicht zurückpfeifen lassen. Er will den «Aussies» zehn Jahre nach Stoner unbedingt den nächsten Heimsieg bescheren.

Das Duell Bagnaia gegen Quartararo wird zu einer Nervenschlacht. Fabio ist in Buriram vom vierten Startplatz im Handumdrehen auf Platz 18 zurückgefallen. Doch in Australien kann sich das Blatt schon wieder wenden.

In dieser verrückten Saison ist auch nicht ausgeschlossen, dass Aleix Espargaró und Aprilia (nur 20 Punkte zurück) am Ende als Lachende Dritte dastehen.

MotoGP-Ergebnis, Buriram (2.10.):

1. Oliveira, KTM, 25 Rdn in 41:44,503 min
2. Miller, Ducati, + 0,730 sec
3. Bagnaia, Ducati, + 1,968
4. Zarco, Ducati, + 2,490
5. Marc Márquez, Honda, + 2,958
6. Bastianini, Ducati, + 13,257
7. Viñales, Aprilia, + 14,566
8. Alex Márquez, Honda, + 14,861
9. Martin, Ducati, + 15,365
10. Brad Binder, KTM, + 18,097
11. Aleix Espargaró, Aprilia, + 19,041
12. Rins, Suzuki, + 19,659
13. Morbidelli*, Yamaha, + 22,439
14. Pol Espargaró, Honda, + 23,646
15. Raúl Fernández, KTM, + 30,483
16. Bezzecchi, Ducati, + 33,466
17. Quartararo, Yamaha, + 34,072
18. Di Giannantonio, Ducati, + 36,203
19. Crutchlow, Yamaha, + 36,532
20. Petrucci, Suzuki, + 42,508
21. Darryn Binder, Yamaha, + 49,992
22. Nagashima, Honda, + 51,346
23. Marini, Ducati, 2 Runden zurück
– Remy Gardner, KTM, 14 Runden zurück

*= 3-Sekunden-Penalty (wegen «track limits»)

MotoGP-WM-Stand (nach 17 von 20 Rennen):

1. Quartararo 219 Punkte. 2. Bagnaia 217. 3. Aleix Espargaró 199. 4. Bastianini 180. 5. Miller 179. 6. Brad Binder 154. 7. Zarco 151. 8. Oliveira 131. 9. Martin 127. 10. Viñales 122. 11. Rins 112. 12. Marini 101. 13. Marc Márquez 84. 14. Bezzecchi 80. 15. Mir 77. 16. Alex Márquez 50. 17. Pol Espargaró 49. 18. Nakagami 46. 19. Morbidelli 31. 20. Di Giannantonio 23. 21. Dovizioso 15. 22. Darryn Binder 10. 23. Gardner 9. 24. Raúl Fernández 9. 25. Crutchlow 3. 26. Bradl 2.

Konstrukteurs-WM:

1. Ducati 391 Punkte (Titelgewinner). 2. Aprilia 235. 3. Yamaha 224. 4. KTM 206. 5. Suzuki 138. 6. Honda 124.

Team-WM:

1. Ducati Lenovo Team 396 Punkte. 2. Aprilia Racing 321. 3. Red Bull KTM Factory 285. 4. Prima Pramac Racing 278. 5. Monster Energy Yamaha 250. 6. Gresini Racing 203. 7. Suzuki Ecstar 189. 8. Mooney VR46 Racing 181. 9. Repsol Honda 135. 10. LCR Honda 96. 11. WithU Yamaha RNF 28. 12. Tech3 KTM Factory 18.

Diesen Artikel teilen auf...

Mehr über...

Siehe auch

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Ferrari: Wer soll auf dem Schleudersitz Platz nehmen?

Mathias Brunner
Es ist einer der reizvollsten Posten in der Königsklasse, aber ein Job mit Stress-Garantie: Teamchef bei Ferrari. Mattia Binotto hatte davon die Nase voll, aber wer soll folgen? Erneut gibt’s bei Ferrari viel Unruhe.
» weiterlesen
 

TV-Programm

  • Sa.. 03.12., 06:00, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:09, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:17, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:24, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:33, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:37, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:44, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:48, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 06:52, ORF Sport+
    silent sports +
  • Sa.. 03.12., 07:16, ORF Sport+
    silent sports +
» zum TV-Programm
4