Sprint-Crash von Spielberg: Ziemlich beste Rivalen

Kolumne von Michael Scott
Der Startunfall im MotoGP-Sprint und die damit verbundenen Reaktionen sorgten beim Österreich-GP in Spielberg für Aufregung. SPEEDWEEK.com-Kolumnist Michael Scott beleuchtet die Hintergründe.

Einige Beobachter und Beteiligte vertreten die Ansicht, Jorge Martin sei nicht so sehr der heimtückische Auslöser der Massenkollision beim Sprint-Start auf dem Red Bull Ring von Spielberg gewesen, sondern eher ein weiteres unschuldiges Opfer.

Am vehementesten verteidigte sich Martin selbst, dem im harten Nahkampf in die erste Kurve hinein der Platz ausging. Erster Verfechter der gegnerischen Fraktion war Marco Bezzecchi, der von den insgesamt sechs in den Unfall verwickelten Fahrern am spektakulärsten abflog.

Ein Zwischenfall, zu dem im Übrigen auch die Streckenführung beiträgt, weil es nach dem Start mit hohem Speed in eine spitze Rechtskurve geht. Die Entstehung des Massensturzes ist aber komplex und hängt auch davon ab, wer die Geschichte erzählt.

Laut Martin, der von der vierten Startreihe aus versuchte, innen nach vorne zu preschen, kam es zum ersten Kontakt, als Quartararo Viñales touchierte. Denn der Aprilia-Pilot versuchte seinerseits, nach einem schlechten Start aus Reihe 1 scharf einzulenken und nicht noch mehr Plätze zu verlieren. So kam es zum Zusammenprall mit Quartararo, was wiederum der Auslöser für eine Kettenreaktion war.

Bezzecchi vollführte in der Folge einen angsteinflößenden Frontflip; Martins Teamkollege Johann Zarco und Pechvogel Miguel Oliveira stürzten ebenfalls; Quartararo, Viñales und Enea Bastianini mussten einen großen Umweg nehmen, um dem Gemetzel zu entgegen, was gleichzeitig ihre Chancen im kurzen und intensiven 14-Runden-Sprint ruinierte.

Martins größte Schuld war vielleicht, in dem ganzen Chaos auf seiner Pramac-Ducati sitzen zu bleiben und von Startplatz 12 sechs Plätze gutzumachen. Wobei auch seine schlechte Startposition das Ergebnis einer Sanktion war, weil er im Qualifying in seiner schnellsten Runde auf das Grün geraten war – ein marginales Vergehen, das Erinnerungen an sein «track limits»-Malheur im Moto2-Rennen des Steiermark-GP 2020 weckte. Nutznießer war damals ausgerechnet Marco Bezzecchi, der nach Martins Bestrafung seinen ersten Sieg in der Klasse feierte. So funktioniert Ironie.

Im MotoGP-Sprint des Motorrad Grand Prix von Österreich 2023 holte sich Martin Platz 3. Erst Stunden nach der Zieldurchfahrt entschied das FIM MotoGP Stewards Panel, den Spanier doch noch zu bestrafen. Dabei verhängten sie den Long-Lap-Penalty allerdings für das GP-Rennen am folgenden Tag, anstatt die üblichere Drei-Sekunden-Strafe auf seine Sprint-Gesamtzeit zu addieren, was am Endergebnis nichts geändert hätte («Deshalb habe ich so hart gepusht, um einen Drei-Sekunden-Gap herauszuholen»).

Besonders unfair war die Tatsache, dass jeder Positionsverlust am Sonntag noch kostspieliger ist, weil über die volle Distanz im Gegensatz zum Sprint auch die vollen Punkte vergeben werden.

«Es ging nur darum, dass jemand bestraft wird. Und dafür wählten sie den einfachen Weg», klagte Martin.

Immerhin entging der WM-Zweite im Sprint einer Bestrafung für das harte Überholmanöver gegen Luca Marini im Kampf um Platz 3, als der Italiener stürzte. Martin hatte sich nicht gerade unerwartet angeschlichen und das wurde fairerweise als «Rennunfall» gewertet: Es war keine Strafe erforderlich.

Bezzecchi, der sich glücklicherweise nicht ernsthaft verletzte, war noch wütender als der gekränkte Spanier. Das Wochenende des Mooney-VR46-Ducati-Piloten hatte mit einem All-Time-Lap-Record am Freitag so gut begonnen.

Als zweifacher GP-Sieger – im Vergleich zu Martins einzigem Saisonsieg – strahlt «Bez» als der nächste große Hoffnungsträger der italienischen Rossi-Gang. Der 24-jährige Lockenkopf, 2022 noch bester Rookie des Jahres, ist sowohl Erbe als auch Herausforderer von Weltmeister Bagnaia.

Bezzecchi hatte aber auch ein enttäuschendes Qualifying mit Platz 7 hinter sich, darauf folgte das Sprint-Desaster. Der Sonntag verlief versöhnlicher mit Platz 3, während Martin nach der Long-Lap-Schleife mit Platz 7 vorliebnehmen musste.

Eine Form von Gerechtigkeit, dass das Duo – derzeit auf den WM-Rängen 2 und 3 – am Ende dieselbe Punkteausbeute aus Österreich mitnahm? Martin liegt nun 62 Punkte hinter Bagnaia, Bezzecchi folgt nur sechs weitere Zähler dahinter.

Francesco «Pecco» Bagnaia scheint angesichts seiner aktuellen Form außer Reichweite, wenn nichts Unvorhersehbares mehr passiert. Aber das kann immer der Fall sein, wie sich schon in der Vergangenheit gezeigt hat. Und obwohl mehr als 60 Punkte nach einem ziemlich großen Vorsprung aussehen, ist doch erst die Hälfte der Saison absolviert. Das heißt im Umkehrschluss: Noch bis zu 370 Punkte sind zu haben.

Unterdessen schleicht sich Brad Binder genauso heran, wie die KTM der Ducati näherkommt. Dem Südafrikaner fehlen nur 23 Punkte auf Bezzecchi, aber er ist ein Außenseiter. Martin und Bezzecchi sind sehr aufeinander fokussiert.

Es ist ein persönlicher Fight, der schon einige Jahre zurückreicht – noch bevor sie um den Moto3-Titel 2018 kämpften (Martin wurde Weltmeister, Bezzecchi Dritter). Dann kam es in der Moto2 zum Aufeinandertreffen und jetzt in der Königsklasse.

Freunde waren die beiden Ducati-Jungstars noch nie. Aber sind es nicht gerade diese Rivalitäten, die – im Kontrast zur inzwischen weit verbreiteten Herangehensweise «Rivalen auf der Strecke, beste Freunde abseits davon» – den PR-Leuten der Dorna Freude bereiten und gleichzeitig dem Rennsport Tiefe verleihen?

Wird es die beiden 2023 ans Ziel bringen?

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