Weltmeisterlich: Wie Aprilia Martins Karriere rettete
Platz 4 beim Großen Preis von Ungarn – der Auftritt von Jorge Martin auf dem neuen Balaton Park Circuit war dem eines Weltmeisters würdig. Kein anderer MotoGP-Pilot überrumpelte in dem 26-Runden-Match auf dem außergewöhnlich kompakten Rennkurs mehr Kontrahenten. Jorge Martin trat von Startplatz 16 den Beweis an, dass hier auch in der Königsklasse Aufholjagden möglich sind.
Nach dem Rennen zeigte sich die Startnummer 1 gleichermaßen zufrieden und erleichtert. Selbstbewusst, aber ohne Arroganz sprach Martin über den Meilenstein in Ungarn: «Ich kann sagen, dass ich jetzt bei Aprilia angekommen bin. Wir haben jetzt ein schon sehr gutes Basis-Set-Up geschaffen. Noch ist das Gefühl für das nicht bei 100 Prozent, aber es ging wieder nach oben – dank der immensen Arbeit von Aprilia. Für uns alle bedeutet Platz eine weitere große Motivation.»
Die Wiedereingliederung des Weltmeisters in die MotoGP-Gesellschaft ab dem Brünn-GP kann auch ohne Triumph auf der Piste als Sieg bezeichnet werden. Mit der konstanten Spitzenleistung von Marco Bezzecchi, die das Potenzial der Aprilia RS-GP dokumentiert, und der bemerkenswerten Aufwärtsbewegung des Champions, erscheint der erste Sieg nicht unrealistisch.
Bei allem Applaus für die jüngsten Darbietungen auf der MotoGP-Aprilia, darf der Hersteller aus Noale nicht unerwähnt bleiben. Auch Jorge Martin hat längst realisiert, wie wertvoll das Verhalten seines Arbeitgebers für seinen Verbleib im Fahrerlager war. Auch wenn es zu der Einsicht etwas Nachhilfe, in letzter Instanz von MotoGP-Mastermind Carmelo Ezpeleta brauchte. Der Dorna-CEO hatte Martin inmitten der Eskalation um den eingeleiteten Absprung aus dem Aprilia-Lager, die Konsequenzen vor Augen geführt.
Doch auch als dem Madrilenen bewusst war, dass es nicht nur um ein Comeback 2025, sondern um seine gesamte Laufbahn ging, stärkte Aprilia dem Piloten den Rücken. Mehrfach betonte das Management, «man habe volles Verständnis für die Ängste Jorge Martins.»
Unter der Regie von Rennsport-Chef Massimo Rivola behielt das MotoGP-Projekt bei massivem medialen Beschuss aus Südeuropa die Übersicht. Teilweise wurden speziell über die sozialen Medien infame Gerüchte gestreut. Doch jede Abteilung arbeitete für sich professionell weiter.
Während Ingenieur Fabiano Sterlacchini die technische Entwicklung über Test-Ass Lorenzo Savadori und den bestens ausgebildeten Marco Bezzecchi auch in Abwesenheit des Weltmeisters vorantrieb und Platz 2 in der Konstrukteurs-WM eroberte, nahm Kommunikationschef Antonio Boselli den Spanier an die Hand.
Die Mannschaft aus Noale trat geschlossen hinter Jorge Martin an, als die Nummer 1 ihren Verbleib verkündete. Nicht ein schlechtes Wort über den aus Aprilia-Sicht kurzzeitig entgleisten Piloten. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Das Team aus Noale kann nachvollziehen, was mental mit einem Spitzensportler passiert, wenn gravierende Verletzungen den angedachten Karrierefahrplan außer Kraft setzen.
Sicher ist: In einer Disziplin wie der MotoGP kann der bedingungslose Rückhalt durch die eigene Mannschaft mehr bewirken als manches Entwicklungsteil. Mit der Erfahrung aus den letzten Monaten, kann mit Jorge Martin mehr denn je gerechnet werden. Nicht zu vergessen ist, dass Ducati den «Martinator» auf dem Weg zu seiner sportlichen Krönung fallen ließ. Eine Revanche mit einer bedingungslos als Einheit funktionierenden Mannschaft – so das klare Motiv, wenn Martin die Startnummer 1 wieder gegen die 89 tauschen wird.
Ein weiterer Nebeneffekt: Auch Marco Bezzecchi geht aus «Martin-Krise» gestärkt hervor. Der Italiener hat die Sicherheit, sich sowohl auf eine kompetente Technik-Mannschaft als auch auf ein souveränes Management verlassen zu können. Tutto bene.