Technik erklärt: Geheimnisse der MotoGP-Lederkombis
Wer MotoGP schaut, sieht sie ständig. Wer selbst Motorrad fährt, hatte bestimmt schon mal eine an: Die Lederkombis der Fahrer der MotoGP-Profis. Sie sind aber nicht nur einfache Kleidungsstücke, sondern wahre Technologiemonster. SPEEDWEEK.com war bei Alpinestars und Dainese in den Servicetrucks an der Rennstrecke vor Ort, hat sich die Technologie hinter der zweiten schützenden Haut für die Piloten erklären lassen.
Jeder MotoGP-Fahrer hat meist um die fünf Kombis in Benutzung, mindestens vier komplett funktionsfähige und einsatzbereite Kombis sind für jedes Wochenende dabei. Stürzt der Fahrer, muss geflickt oder ausgetauscht werden. Die Kombis können nach einem Sturz im Servicetruck an der Strecke und zwischen den Sessions repariert werden – sofern die Schäden nicht zu groß sind. Sicherheit geht in jedem Fall vor.
Bei den Europarennen fährt ein großer, zweistöckiger LKW mit integrierten Arbeitsbereichen für jeden Hersteller mit. Bei Überseerennen sind Container mit identischer Einrichtung vor Ort, die um die Welt geschifft werden. Allerlei Werkszeug und Trockenkammern sind an Bord sowie Leder-Patches und Zubehör. Lesen Sie hier mehr über die Reparatur von Lederkombis am Beispiel von Marc Marquez‘ Anzug in Brünn.
Woraus besteht so eine MotoGP-Kombi? Die Lederanzüge werden aus Känguru-Leder hergestellt. Chris Hillard, Medien- und Kommunikationsmanager bei Alpinestars, erklärt: «Känguruleder ist der Standard, weil es die beste Kombination aus geschmeidig und abriebfest ist. Es ist ähnlich leistungsfähig wie Kuhleder, muss aber weniger eingetragen werden und ist daher bequemer.»
Kombis mit identischem Standard kann auch Ottonormal erwerben: Das Profimodell wie in der MotoGP kostet bei Alpinestars rund 3500 Euro, bei Dainese bis zu 4500 Euro (jeweils ohne Aufbag). Die Technologie im Onlineshop ist identisch. Die Besonderheit in der MotoGP aber: Die Designs sind hier individuell – und die Kombis werden maßgeschneidert. Dafür kommen die Piloten zum Ausmessen. Es werden 36 Maße genommen, daraus werden Papierschablonen angefertigt, aus denen die Kombis dann jeweils neu gefertigt werden. Teil des maßgeschneiderten und individuellen Designs können auch besondere Features sein, zum Beispiel Material, das an bestimmten Stellen beim Grip auf dem Motorrad hilft. Wenn ein Fahrer sein Training umstellt oder seine Ernährung verändert, dann muss gegebenenfalls nachgemessen werden – und die Schablonen angepasst. Die Hersteller stehen dafür im ständigen Dialog mit den Fahrern.
In diesem Dialog entstehen immer mal wieder auch Innovationen, die es auf den Markt schaffen. Marc Marquez (Ducati) ist bekannt für seinen Fahrstil, bei dem er das Motorrad auch mal viel mit dem Arm abstützt. Beim Reiben über den Asphalt wird Hitze generiert – und die spürt der Fahrer in diesem Fall. Auf Anregung von Marquez entwickelte sein Ausstatter Alpinestars eine Technologie, bei der eine Schicht des sogenannten Kevlar – eine hitzebeständige Aramid-Kunstfaser – zwischen zwei Schichten Känguru-Leder gelegt wird, um den Hitzetransfer zu verhindern. Inzwischen ist diese Entwicklung auch in den freiverkäuflichen Kombis an mehreren Stellen eingebaut.
Normalerweise dauert die Anfertigung eines maßgeschneiderten Kombis drei Arbeitstage. Drängt die Zeit (zum Beispiel, weil ein Ersatzfahrer spontan einspringt und dringend ein neues Modell benötigt), ist es auch mal binnen weniger Stunden möglich. Die Kombi selbst wiegt ungefähr 3 bis 3,5 Kilogramm. Kombi und Airbag liegen zwischen 5,5 und 6 Kilo. Zusammen mit Airbag-System, Helm, Schuhen und Handschuhen liegt das Gewicht der Schutzausrüstung bei ungefähr 10 bis 12 Kilo. Die Schutzausrüstung sieht kompliziert aus, ist aber recht schnell, binnen weniger Minuten, an- und wieder auszuziehen – notfalls auch teilweise, also zum Beispiel für Toilettenpausen vor dem Rennen.
Die Hersteller unterscheiden sich in Teilen in ihren Technologien, aber auch im Schnitt: Bei Alpinestars gehören höhere Schuhe dazu, bei Dainese sind die Schuhe flacher und ein Teil der Hose mit Klettverschluss über den Schuhen. Fahrer bleiben ihrem Hersteller meist über Jahre treu. Marc Marquez ist bei Alpinestars, Valentino Rossi wurde während seiner aktiven Karriere von Dainese ausgestattet.
Übrigens: Obwohl die Alpinestars-Anzüge für MotoGP und Formel 1 in derselben Werkstatt hergestellt werden, sind die Modelle komplett unterschiedlich. In der Formel 1 geht es bei den Rennanzügen vor allem um Schutz vor Feuer. Das ist in der MotoGP kein Thema. Die Priorität hat hier der Schutz bei längerem Rutschen über den Asphalt. Sensible Körperteile wie die Ellbogen sind zusätzlich mit Protektoren geschützt. Damit der Reißverschluss nicht aufspringt, ist er nach oben hin besonders geschützt und rastet, kann also nicht einfach aufrutschen. Mit jedem Rennen und jedem Unfall lernen die Hersteller dazu und entwickeln weiter.
Morgen in Teil 2: So funktioniert ein MotoGP-Airbag