Der Grand-Prix-Kalender: Die falsche Richtung?

Von Thoralf Abgarjan
Motocross-WM MXGP
Der Talkessel soll in diesem Jahr nicht brodeln

Der Talkessel soll in diesem Jahr nicht brodeln

Der von Serienvermarkter 'Infront Moto Racing' vorgelegte Kalender wirft Fragen auf. Statt die Kosten zu senken, stehen für Teams und Fahrer weiterhin kostenintensive Überseerennen auf dem Plan.

WM-Vermarkter 'Infront Moto Racing' hatte die Situation während der Corona-Krise mehrfach erklärt: Grands-Prix als Geisterveranstaltungen ohne Zuschauer seien nicht durchführbar, weil im Motocross keine anderen Einnahmen wie zum Beispiel aus TV-Rechten erzielt würden. Zwar werden die Streams bei mxgp-tv.com sehr wohl zum Preis von ca. 100€ pro Abo und Saison verkauft und nicht verschenkt, aber dieses unwesentliche Detail soll an dieser Stelle einmal keine Rolle spielen. Auch die Antrittsgelder der Fahrer in Höhe von ca. 1.000 € pro Rennen - geschenkt. Dass der Promoter weder Preisgelder zahlt noch Fahrtkosten übernimmt, daran haben sich sowieso alle Beteiligten gewöhnt. Es sei nur noch einmal daran erinnert und erwähnt, wer in diesem Sport wem was zahlt.

- Die Fahrer zahlen Antrittsgebühren (ca. 1000,- pro Fahrer und Rennen) an den Promoter
- Die Organisatoren zahlen eine Antrittsgebühr im sechsstelligen Bereich an den Promoter
- Die Zuschauer zahlen Eintrittsgelder an die Organisatoren, die damit die vom Vermarkter erhobenen Antrittsgebühren erwirtschaften
- Lokale Sponsoren und/oder staatliche Förderprogramme zahlen an die Organisatoren, die damit die Antrittsgebühren des Vermarkters gegenfinanzieren
- Der Promoter finanziert die TV-Produktion und verkauft Livstream-Abos über das Portal MXGP-TV.com (ca. 100,- pro Abo und Saison)
- Der Promoter überträgt nach eigenen Angaben die TV-Rechte den TV-Sendern nicht kostendeckend
- Der Promoter finanziert die mobile Infrastruktur wie Boxengasse, Skybox, Streckenbegrenzungen, Zeitnahme usw.

Ins wirtschaftliche Risiko gehen bei diesem Konstrukt allein die Organisatoren und die Teams, denn der Promoter erhält seine Antrittsgebühren (Organisator, Fahrer, Teams), sobald das Rennen überhaupt nur stattfindet. Kommen keine Zuschauer, entsteht die Finanzierungslücke beim Organisator. Fällt ein Teamfahrer verletzt aus, fällt die für die ganze Saison zu zahlende Antrittsgebühr dennoch an.

In Kegums sind nach eigenen Angaben des Vermarkters aber nur 1.000 Zuschauer pro Rennen zugelassen. Rechnen wir großzügig mit 100€ pro Zuschauer am Rennwochenende, kommt man mit der Finanzierung des WM-Rennens nun aber ganz offensichtlich nicht hin.

Noch deutlicher ist die Situation in der Türkei, die ihren Platz im neuen Kalender behalten hat. Hier braucht es keine Zuschauerbegrenzung, denn dort kommen auch ohne Corona keine Zuschauer an die Strecke. In guter Erinnerung sind schließlich auch die 'Geisterrennen' von Katar geblieben, wenn es auch den Begriff 'Geisterrennen' damals noch nicht gab.

Es gab also in der WM durchaus schon Geisterrennen, aber niemand hat sich beklagt, dass keine Zuschauer an der Strecke standen. Warum war das so? Die europäischen Veranstalter brauchen die Einnahmen aus Ticketverkäufen zwingend, um die happigen Antrittsgebühren zu erwirtschaften. In der Türkei aber wird ein Grand-Prix als politische Werbemaßnahme von Recep Tayyip Erdoğan instrumentalisiert und dem entsprechend alimentiert. Das geschieht in einer Weise, wie es in anderen Sportarten undenkbar wäre. «Unser Präsident lädt Sie persönlich ein», hieß es schon im letzten Jahr. Woanders wäre hier längst eine Ethikkommission am Werke, die eine unzulässige Verknüpfung zwischen Politik und Sport aufzuklären hätte. Immerhin braucht der Vermarkter in Hinblick auf die Zuschauerzahlen jetzt keine Fantasien mehr zu entwickeln, denn Motocross spielt dort sowieso keine Rolle und hat auch keinerlei Basis. Im Gegensatz dazu gibt es in Deutschland, Tschechien, Schweden und Finnland nicht nur eine breite Basis, sondern all diese Länder haben über die Jahrzehnte hinweg große Sportler und Champions hervorgebracht.

Dass nun ausgerechnet die Fans dieser Länder in diesem Jahr leer ausgehen, ist nicht allein der Tragik der Corona-Pandemie geschuldet. Es ist vielmehr ein grundsätzliches Problem des Systems: Für den Vermarkter gibt es während und nach der Krise nur das eine Motto: «Weiter so». Hoffnungen einer Rückbesinnung auf die Essenz, die Wurzeln und die Werte des Sports, wurden mit diesem Kalender leider enttäuscht. Es sind keinerlei Vorschläge erkennbar, die Kosten für die Beteiligten zu senken. Es gibt keine Idee, wie man unter den geltenden Bestimmungen Rennen durchführen kann. Dass das aber sehr wohl funktionieren kann, zeigen gerade eindrucksvoll die tschechischen Meisterschaften, auch wenn die Konzepte durchaus noch ausbaufähig sind. Hier sind viele clevere Ansätze erkennbar, die hochkarätige internationale Rennen in Europa unter den strengen Corona-Bestimmungen überhaupt erst möglich gemacht haben.

Herausgekommen sind übrigens sehr gute Rennen. Eine Erklärung, warum ausgerechnet auch der tschechische Grand-Prix in Loket dem Rotstift des letzten Kalenderupdates zum Opfer fiel, gibt es selbstverständlich nicht.

In der Motocross-WM wurden leider nur Ideen aus den USA abgekupfert, wo man in der Supercross-WM mittwochs und sonntags für TV-Bilder Rennen fuhr, was dort auch funktionierte.

Nun mag man sagen: Besser so als vielleicht gar keine WM zu fahren. Stimmt, aber ist denn in diesem Kalender noch so etwas wie sportliche Ausgewogenheit gewährleistet? Mit Lommel und Kegums sind allein 2 Dreitagesveranstaltungen im Sand vertreten, also 6 WM-Läufe. Die Sandspezialisten werden sich darüber freuen, aber eine Motocross-WM bedeutet eben auch Vielfalt und Vielseitigkeit in Hinblick auf Streckenverhältnisse. Natürlich sind die Bedingungen für alle Teilnehmer gleich, aber etwas mehr Ideenreichtum wäre auch an dieser Stelle wünschenswert gewesen.

Worüber jammert 'Infront Moto Racing' ständig? «Uns kauft die TV-Bilder niemand ab», heißt es immer wieder. Und woran liegt das? In der WM sind ja zweifellos die besten Piloten des Planeten am Start. Am sportlichen Niveau kann es also nicht liegen. Das Problem liegt woanders. In der Türkei standen 2019 in der Europameisterschaftsklasse gerade einmal 6 Piloten am Startgatter. TV-Bilder brauchen nun aber Quoten. Quoten gibt es nicht für brillante Rundenzeiten, sondern für spannende Rennen, für Emotionen und für ein mitreißendes TV-Erlebnis. Ist  denn tatsächlich noch niemandem aufgefallen, dass Rennen mit einem Dutzend Fahrern am Start das genaue Gegenteil davon sind?

Und an dieser Stelle wäre tatsächlich ein Blick in die USA hilfreich gewesen. Dort gelingt es nämlich seit Jahrzehnten, selbst die nationalen Motocrossmeisterschaften über TV-Sender wie NBCSN mit Einschaltquoten zu vermarkten. Diese sind am Ende des Tages sogar noch gewinnbringend. Dort stehen bei jedem Rennen aber auch 40 Fahrer am Startgatter! Allein deshalb ist dort an jedem Wochenende bei jedem Rennen in jeder Sekunde etwas los. Dass die lokalen Fahrer mehrere Sekunden langsamer als in der WM sind, spielt in diesem Zusammenhang übrigens absolut keine Rolle. Hauptsache, es gibt spannende Rennen, dann gibt es Quote und dann lässt sich in diesen Slots auch Werbung verkaufen.

Ein WM-Kalender ohne Strecken wie Loket, Uddevalla oder Talkessel ist einseitig und unvollständig. Mit Afyonkarahisar (Türkei), Neuquen (Argentinien) und vielleicht noch Orlyonok (Russland) sind dafür aber 3 Rennen mit hohem Logistikaufwand und erheblichen Kosten für Teams und Fahrer enthalten, was in der derzeitigen Situation kontraproduktiv und völlig unlogisch ist.

Kostenreduktion wäre das Gebot der Stunde gewesen. Wie Jacky Martens zuletzt erklärte, kann man statt eines Überseerennens vier Rennen in Europa finanzieren. Das wären also mindestens 8 Rennen in Europa gewesen. Strecken gibt es wahrlich genug.

Für das Saisonfinale in Argentinien sind die Vorzeichen deshalb auch nicht rosig. Ein WM-Finale mit vielleicht nur noch ein paar WM-Fahrern am Start, notdürftig aufgefüllt mit einigen lokalen Wildcardpiloten, ist wahrlich keine gute Aussicht und wäre erneut keine gute Werbung für diesen Sport.

Die Corona-Krise ist längst nicht überstanden. Am 9. August soll die WM in Kegums fortgesetzt werden. Das ist zwar irgendwie eine Perspektive, aber insgesamt ist dieser Kalender kein großer Wurf. Er ist einfallslos und genau genommen sogar schädlich für den Sport. Dass es sehr wohl anders geht, wird in den offenen tschechischen Motocrossmeisterschaften gerade demonstriert. Max Nagl, der in der tschechischen Meisterschaft führt, kann sich gerade vor Sponsorenterminen nicht retten und sogar der Münchner Merkur berichtet über seine Erfolge dort. Das ist doch eine Entwicklung, wie man sie sich wünscht, dass jemand wie Max Nagl sagt: «Mir geht es richtig gut.» Aber er hat eben auch etwas dafür getan. Statt zu hadern, hat er neue Wege beschritten und die Zeit effektiv genutzt, sich mit seinem Trainingsprogramm und seinen Partnern komplett neu aufzustellen. Eine Krise kann durchaus auch eine Chance sein.

GP-Kalender 2020 (Stand: 2.7.2020)
01.03.2020 - Großbritannien, Matterley Basin, EMX125, WMX
08.03.2020 - Niederlande, Valkenswaard, EMX250, WMX
09.08.2020 - Lettland, Kegums, EMX250, EMXOpen
12.08.2020 - Lettland, Kegums, EMX250, EMXOpen
16.08.2020 - Lettland, Kegums, EMX250, EMXOpen
06.09.2020 - Türkei, Afyonkarahisar, EMX125, WMX
16.09.2020 - Italien, Faenza, EMX125, EMX2t
20.09.2020 - Italien, Faenza, EMX125, EMX2t
27.09.2020 - Großbritannien, Matterley Basin
04.10.2020 - Italien, Mantova, EMX250, WMX
11.10.2020 - Spanien, Xanadu, EMX125, EMX125
18.10.2020 - Belgien, Lommel, EMX125, EMX250
21.10.2020 - Belgien, Lommel, EMX125, EMX250
25.10.2020 - Belgien, Lommel, EMX125, EMX250
01.11.2020 - Italien, Pietramurata, EMX OPEN, EMX2t
22.11.2020 - Argentinien, Neuquen
TBC - Russland
TBC - Portugal

MXoN:
27. 09. - MXoN, Großbritannien, Matterley Basin

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