Superbike-WM: Was Toprak über Stoppies sagt

Razgatlioglu & BMW: Ist der Vertrag das Papier wert?

Kolumne von Ivo Schützbach
Toprak Razgatlioglu (li.) und BMW-Rennchef Marc Bongers: Noch feiern sie zusammen

Toprak Razgatlioglu (li.) und BMW-Rennchef Marc Bongers: Noch feiern sie zusammen

Die Äußerungen von Toprak Razgatlioglus Manager Kenan Sofuoglu auf SPEEDWEEK.com haben die Motorrad-Rennsportwelt in Aufregung versetzt. Bei BMW schrillen die Alarmglocken.

Als Manager Kenan Sofuoglu im Mai 2023 den Deal mit BMW einfädelte und Toprak Razgatlioglu von Yamaha zum deutschen Hersteller transferierte, fielen die Reaktionen bei Fans wie Experten sehr unterschiedlich aus. Während die einen die beiden Türken für verrückt erklärten und eine sportliche Bruchlandung prophezeiten, überwog bei anderen die Hoffnung, dass sich die Propellermarke mit dem Ausnahmetalent in nie dagewesene Höhen aufschwingt.

Razgatlioglu unterschrieb einen Zweijahresvertrag bis Ende 2025. Da dessen Inhalt der Verschwiegenheitspflicht unterliegt, wissen nur die betroffenen Parteien, ob es Klauseln gibt, die eine vorzeitige Trennung zulassen.

Es ist nicht unüblich in der Superbike- oder auch Moto2-WM, dass Spitzenfahrer eine MotoGP-Klausel haben, welche es ihnen erlaubt, aus einem gültigen Vertrag auszusteigen, wenn sie in der Königsklasse fahren können.

Doch ich frage mich, weshalb BMW einen solchen Paragrafen bei der Vertragsaufsetzung im Mai 2023 hätte akzeptieren sollen?

Denn Razgatlioglu und Sofuoglu reden seit Jahren davon, dass die MotoGP-Klasse das finale Ziel ist. Die Gefahr, dass Publikumsliebling Toprak der Superbike-WM den Rücken kehrt, ist real.

Als erste Hürde vor dem Umstieg definierte Sofuoglu den Gewinn der seriennahen Weltmeisterschaft – diese nahm Toprak 2021 mit Yamaha.

Im Vorjahr testete der inzwischen 27-Jährige die MotoGP-Maschine von Yamaha, der japanische Hersteller hatte sich für den Test aber nicht besonders gut vorbereitet – nicht einmal die Ergonomie der M1 wurde ordentlich angepasst.

Razgatlioglu und Sofuoglu empfanden das als respektlos.

«Jeder sagte mir, ich solle in die MotoGP-WM gehen», sagte Toprak gegenüber SPEEDWEEK.com vor einem Jahr. «Ich überlegte die ganze Zeit, ob ich Superbike oder MotoGP fahren soll.»

Für Razgatlioglu waren zwei Dinge ausschlaggebend, in der Superbike-WM zu bleiben und zu BMW zu wechseln: «Nach meinem Test habe ich über MotoGP anders gedacht, weil mir keine gute Rundenzeit gelang. Ich hatte während der zwei Tage auch kein gutes Gefühl auf dem Motorrad. Im MotoGP-Paddock gab es nicht viele Sitze. Es gab Plätze, ich wollte aber in ein Werksteam. Ich wäre der erste türkische MotoGP-Fahrer. Das stand für mich aber nicht im Vordergrund. Das Wichtigste für mich ist, dass ich um Siege kämpfen und in der Meisterschaft vorne fahren kann. Zudem brauchte ich frische Motivation.»

Niemand hat erwartet, dass der Motorradvirtuose mit der Startnummer 54 mit BMW so schnell Erfolg haben würde – auch er selbst und Sofuoglu nicht. Toprak hat die Hälfte der ersten zwölf Rennen des Jahres gewonnen, zuletzt alle drei an einem Wochenende in Misano. Mit neun Podestplätzen und 179 Punkten hat der WM-Leader 21 Zähler Vorsprung auf seinen nächsten Verfolger, Superbike-Rookie Nicolo Bulega (Aruba.it Ducati).

Besonders beeindruckend: Razgatlioglu zeigte diese Leistungen auf Strecken, die weder zu seinen liebsten noch den besten von BMW zählen – Phillip Island, Barcelona, Assen und Misano. Seine Vorzeigepisten Donington Park, Most und Magny-Cours, auf welchen er 19 seiner 45 Siege feierte, kommen erst noch.

Ohne Zweifel: Für BMW ist Toprak der Heilsbringer. Verliert die Premiummarke dieses Fahrgenie, fällt für die Weiß-Blauen die Sonne vom Himmel.

Die Platzierungen der vier BMW-Fahrer in der Weltmeisterschaft sagen alles über deren momentane Leistungsfähigkeit:

1. Toprak Razgatlioglu, 179 Punkte, 9 Podestplätze, 6 Siege
8. Michael van der Mark, 66 Punkte, 9 x Top-10
13. Garrett Gerloff, 33 Punkte, 3 x Top-10
18. Scott Redding, 23 Punkte, 2 x Top-10

Am Freitagmorgen versetzte Sofuoglu mit seinen Äußerungen auf SPEEDWEEK.com die Motorrad-Rennsportwelt in helle Aufregung. «Ich habe BMW bereits informiert, dass wir die Superbike-WM zum Ende dieses Jahres verlassen und in die MotoGP wechseln wollen», sagte der fünffache Supersport-Champion. «Ich habe ihnen erklärt, dass das der Wunsch von Toprak ist. Wir müssen eine Einigung mit BMW erzielen.»

Dass der 39-Jährige seine Worte so wählte, ist entweder seiner Höflichkeit geschuldet, oder es legt die Vermutung nahe, dass es keine MotoGP-Klausel im Vertrag gibt und Razgatlioglu bei dessen Auflösung auf das Entgegenkommen von BMW angewiesen ist.

Beispiele, dass selbst wasserdichte Verträge manchmal das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden, gibt es zu Genüge. In jüngerer Vergangenheit sind uns die Vertragsauflösungen von Marc Marquez und Honda sowie Jonathan Rea und Kawasaki in lebhafter Erinnerung geblieben. Beide Multiweltmeister wollten einen Markenwechsel, obwohl sie vertraglich noch ein Jahr gebunden waren. Reisende soll man nicht aufhalten, lautet eine Redewendung – Honda und Kawasaki akzeptierten den Wunsch ihrer Champions. Schließlich wünscht sich kein Hersteller einen Fahrer, der lieber woanders wäre.

Bereits während des Misano-Wochenendes war zu hören, dass Razgatlioglu ein Angebot der Honda Racing Corporation für die MotoGP habe. In den Werksteams von Yamaha und Aprilia gibt es ebenfalls noch freie Plätze.

Wie ernst BMW die mögliche Abtrünnigkeit seiner Galionsfigur nimmt, lässt sich von außen schwer beurteilen. Auch nicht, wie mit den Abwanderungswünschen umgegangen wird. Die Reaktion auf die Anfrage von SPEEDWEEK.com fiel erwartungsgemäß aus: «Wir freuen uns mit und über die aktuellen Erfolge von Toprak mit uns in der WorldSBK. Wir haben einen bestehenden Vertrag für diese und nächste Saison und beteiligen uns nicht an weiteren Spekulationen.»


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