Melbourne-GP: FIA und Formel 1 verlieren Poker

Von Mathias Brunner
Formel 1
Der Grosse Preis von Australien kann nicht stattfinden

Der Grosse Preis von Australien kann nicht stattfinden

​Der Australien-GP vom 15. März platzt. Fahrer und Teams haben am Donnerstag Druck auf FIA und FOM ausgeübt. Der Automobilsport-Weltverband und die Formel-1-Führung haben riskant gepokert – und verloren.

Der Formel-1-Saisonbeginn in Australien kann nicht stattfinden, der Automobilsport-Weltverband FIA und «Formula One Management» (FOM) haben es bislang nicht fertiggebracht, sich dazu offiziell zu Wort zu melden. Der Druck auf die F1-Führung und die FIA ist zu gross geworden, nachdem am Donnerstag bei einem Teammitglied von McLaren der Coronavirus nachgewiesen worden war.

Bei einer Sitzung mit FIA und FOM machten Teamchefs und eine Reihe von Fahrern klar, dass sie es für unverantwortlich halten, mit dem Rennwochenende von Melbourne fortzufahren, als sei nichts geschehen. Wo doch weltweit unzählige Sportanlässe abgesagt werden – Meisterschaften wie die NBA (Basketball) liegen auf Eis oder sind gleich beendet (wie die Eishockey-Meisterschaften in Deutschland und in der Schweiz), die Spieler von Real Madrid befinden sich in Quarantäne, die ATP macht Pause, die Champions League ebenfalls. In Ländern auf der ganzen Welt versuchen Regierungen und Gesundheitsbehörden, die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Viele Formel-1-Fans regten sich in den sozialen Netzwerken darüber auf, dass die Autosport-Königsklasse in all diesem Chaos so tat, als ginge sie die weltweiten Auswirkungen des Coronavirus nichts an. Sie forderten eine Absage des Rennens, das sei das einzig Vernünftige.

Weltmeister Sebastian Vettel bezog am Donnerstag deutlich Stellung: «Einige Menschen sind vielleicht bereits erkrankt, nur sehen wir das nicht. Ich weiss nicht, wie lange es dauert, bis sich solch eine Erkrankung bemerkbar macht. Ich hoffe, es kommt nicht so weit, dass wir schwere Fälle oder gar Tote zu beklagen haben. Das wäre dann wirklich der Punkt, an dem wir die Handbremse ziehen sollten.»

Die Formel-1-Führung und die FIA müssen sich in Sachen Krisen-Management ein schlechtes Zeugnis ausstellen lassen. Auf der ganzen Welt wird gegen die Verbreitung des Coronavirus vorgegangen, die Königsklasse hingegen reagierte träge und überheblich. Man könnte auch sagen: FIA und FOM liessen sich auf ein Spiel mit hohem Einsatz ein, nun haben wir nur Verlierer.

Entweder die Verantwortlichen in der Königsklasse waren auf die rasante Entwicklung schlecht vorbereitet, oder sie haben schlicht unterschätzt, wie schnell sich die Situation verändern kann.

McLaren erhielt in den sozialen Netzwerken viel Respekt für die Entscheidung, sich nach der Erkrankung des Mitarbeiters von der Veranstaltung zurückzuziehen. Der Rückzug ging auf den Gedanken von McLaren-Geschäftsleiter Zak Brown und Teamchef Andreas Seidl zurück, die Initiative ergreifen zu müssen.

Die Fahrer diskutierten seit Tagen über ihre WhatsApp-Gruppe, wie sie mit dem Thema Coronavirus umgehen sollen. Es war am Donnerstag im Albert-Park auffällig, wie markant Champions wie Sebastian Vettel und Lewis Hamilton Stellung bezogen.

Auf die Frage, wieso eine Veranstaltung fortgeführt wird, wo es doch die ersten Coronavirus-Verdachtsfälle gebe, spottete der Engländer: «Geld regiert die Welt. Wir leben in einer Art Blase und versuchen, so gut es geht die Kontrolle zu bewahren. Aber es stellen sich schon sehr viele Fragen. Wenn es zu weiteren Rennverschiebungen kommt, dann wird das gute Gründe haben.»

Hamilton weiter: «Ich habe am Donnerstagmorgen Jackie Stewart getroffen. Er sah fit und munter aus. Aber er ist nicht der einzige Mensch im Fahrerlager, der schon ein wenig älter ist. Wir haben Verantwortung diesen Menschen gegenüber. Ich fand das besorgniserregend.»

Mit der Verschiebung des Australien-GP lautet die naheliegende Frage: Was passiert mit dem für 22. März geplanten Geisterrennen von Bahrain, bei dem keine Zuschauer zugelassen wären? Zumal de McLaren-Mitarbeiter, die nach der Infektion ihres Kollegen freiwillig in Quarantäne gehen, kaum in wenigen Tagen in Bahrain in den Boxen stehen werden.

Niemand wird ernsthaft behaupten können, es sei unangebracht in Australien zu fahren, aber in Bahrain (195 Virus-Fälle bestätigt bisher) schon.

Der WM-Lauf von Vietnam (auf 5. April angesetzt) stand schon vor dem Chaos in Australien vor dem Aus, wie nach einem Besuch von Formel-1-CEO Chase Carey in Hanoi durchgesickert ist. In Vietnam sind bisher 39 Personen mit dem Covid-19-Virus infiziert.

Durchaus denkbar also, dass die Formel-1-Saison erst am 3. Mai in Zandvoort oder noch später beginnt. Wie sich die Coronavirus-Situation in Europa im April präsentiert, wagt niemand vorauszusagen.

Der zweite Europa-GP soll in Barcelona-Catalunya stattfinden. Aber in Spanien hat sich die Lage verschärft: Gestern 483 neue Fälle, heute kamen 782 neue Covid-19-Infektionen dazu. Spanien beklagte inzwischen total 86 Virus-Opfer, allein heute kamen 31 dazu.

Zum Vergleich: In China kamen heute nur 18 neue Coronavirus-Fälle dazu.

Es ist auch offen, wie die verschobenen Rennen (Australien, Bahrain, Vietnam, China) später eingeplant werden sollen. Eine Möglichkeit wäre, die Formel-1-Sommerpause zu streichen. Das wird die GP-Teams wenig begeistern, ebenso wenig wie die Aussicht auf eine eine zweite Saisonhälfte, die später endet und mehr Grands Prix in unmittelbarer Folge umschliesst.

Die Bedrohung namens Coronavirus war seit längerem bekannt. Die Blamage einer Verschiebung von Australien, Bahrain und Vietnam hätte verhindert werden können. Es gibt nun mal Wichtigeres im Leben als Autorennen und einträgliche Verträge.

Wer immer daran geglaubt hat, dass die Formel 1 in einem Elfenbeinturm lebt, ist jäh auf den Boden der Tatsachen gefallen.

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