GP-Legende Arturo Merzario: 77 Jahre Vollgas

Von Rob La Salle
Formel 1

​​Der Italiener Arturo Merzario ist am 11. März 77 Jahre alt geworden und gibt noch immer Vollgas, auf und abseits der Rennstrecken. Der kleine Mann mit dem grossen Cowboy-Hut pfeift auf politische Korrektheit.

Die Formel-1-Statistik tut Arturo Merzario Unrecht. Dem am 11. März 1943 in Civenna bei Como geborenen Norditaliener werden 57 Formel-1-Starts zugeschrieben, aber das Timing für den kleinen Mann mit dem grossen Cowboy-Hut hat nie gestimmt – selbst dann nicht, als Merzario Ferrari-Werkspilot war.

Für den berühmtesten Rennstall der Welt reichte es 1973 in Brasilien und Argentinien zu zwei vierten Plätzen, im bewährten Modell 312 B2. Ab Monaco jedoch wurde der B3 eingesetzt, mit dem sich Arturo so schwer tat wie Team-Leader Jacky Ickx. Das Auto war –  Entschuldigung, Ferrari – eine Gurke.

Arturo Merzario tingelte bis 1979 weiter durch die Formel 1, rettete 1976 auf dem Nürburgring mit einigen Rennfahrerkollegen und Streckenposten Niki Lauda aus dem Feuer und wurde so weltberühmt. Der Kettenraucher eroberte seine grössten Siege im Sportwagen: Er triumphierte auf einigen der schwierigsten Kurse der Welt, wie in Spa-Francorchamps (die alte Version) oder bei der Targa Florio (zwei Mal).

Der heute 77jährige Merzario fährt noch immer bei Veranstaltungen mit historischen Rennwagen, wie in Goodwood oder bei der Ennstal-Classic und bleibt mit seinem strahlend weissen Hut und dem sympathischen Knautschgesicht unübersehbar. Als Ferrari im September 2019 vor dem Mailänder Dom den roten Teppich ausrollte, um 90 Jahre Rennsport zu feiern, wurde Merzario von den Fans wie ein Pop-Star empfangen. Arturo war sichtlich berührt.

Im Grunde ist es ein Wunder, dass er überhaupt 77 Jahre alt geworden ist. Viele seiner Weggefährten hat er verloren, was beim Zustand der damaligen Rennstrecken wenig verwunderlich war, wie er unserem Kollegen Michael Hintermayer im Rahmen der Ennstal-Classic erklärte. «Die Dinge neben den Strassen, wie Bäume und Ähnliches, waren das Gefährlichste. Aber die Rennfahrer haben sich relativ gut darauf einstellen können. Der Motorsport begann nun mal auf Strassen.»

«Dann sind Strecken wie der Nürburgring, Clermont-Ferrand und Monza gekommen. An sich auch gefährlich, aber die Fahrer konnten mit dem Risiko leben. Doch womit sie nicht leben konnten, war das Risiko der Technik. Das Schlimmste war die Technik, denn wenn dir eine Radaufhängung gebrochen ist, hattest du kaum eine Chance. Das grösste Problem waren mechanische Defekte, weil dadurch die meisten Racer tödlich verunglückt sind.»

Der heutige Sport macht Merzario wenig Eindruck: «Ich denke nicht, dass die heutigen Techniker und Ingenieure unglaubliche Genies sind. Die haben ein Millionen-Budget und fast unbeschränkte Mittel und Ressourcen zur Verfügung. Damals haben die Techniker und Ingenieure aus einfach Materialien und Rohren Rennautos gebaut. Daraus resultierte die Gefahr, weil das immer wieder kaputtgegangen ist. Das ist ganz wichtig im Vergleich zu heute. Heute gehst du in ein Labor und testest die Teile tausend Mal. Wir hatten das nicht. Wir haben statt dem Windkanal Wollfäden an das Auto gehängt und testeten dies auf einem Flugplatz.»

«Ich verfolge die moderne Formel 1 nur ein bisschen. Ich schlafe dabei ziemlich oft ein. Ich bin eher MotoGP-Fan. In der Formel 1 gibt es vorne eine Spitzengruppe, die interessant ist, der Rest fährt hinterher. Der grosse Unterschied ist, dass früher bis zu 35 Fahrer am Start standen, die alle im Stande waren, den anderen zu schlagen. Jeder ist mit dem Messer zwischen den Zähnen gefahren. Heute ist es so: Wenn du nicht aufpasst, wirst du überholt, fährst schlechte Resultate ein und hast bald keinen Vertrag mehr. Alles hinter der kleinen Spitze fährt nur hinterher – das ist ein Problem.»

Ein moderner GP-Renner reizt Arturo nicht. «Alte Formel-1-Wagen fahre ich schon noch, wie in Goodwood. Aber in ein neues Auto würde ich mich nicht setzen. Der Adrenalinschub und der Wille, eine Rennstrecke und dieses Biest zu beherrschen, das ist der wesentliche Unterschied zur heutigen Formel 1. Wenn man heute einen Fehler macht, rutscht man über die Auslaufzone hinaus und reiht sich vorne ohne Probleme wieder ein und fährt weiter.»

«Die modernen Formel-1-Autos gehören alle angezündet! Man muss zum Ursprung zurückkehren und wieder ganz normale Autos konstruieren. Das wird aber leider nicht passieren, weil heute der Computer die Oberhand gewonnen hat. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis wir ohne Fahrer unterwegs sind. Es ist wie früher bei den Flugzeugen, das musstest du mit Steuerknüppel noch fliegen, jetzt gibst du den Kurs in den Computer ein und bist nur mehr mit Autopilot unterwegs.»

Mehr über...

Siehe auch

Wir bitten um Verständnis, dass Sie diesen Artikel nicht kommentieren dürfen.

Seltsame Ducati-Politik: Vertreibung von Dovizioso

Günther Wiesinger
Andrea Dovizioso war dreimal Vizeweltmeister, jetzt ist er wieder WM-Zweiter. Aber die Ducati-Manager haben ihn jahrelang abschätzig behandelt. Jetzt haben sie den Salat. Ein würdiger Ersatz fehlt.
» weiterlesen
 

TV-Programm

  • Fr. 18.09., 11:00, Eurosport
    Motorsport: 24-Stunden-Rennen von Le Mans
  • Fr. 18.09., 11:15, Eurosport
    Motorsport: 24-Stunden-Rennen von Le Mans
  • Fr. 18.09., 11:15, ORF Sport+
    Schätze aus dem ORF-Archiv: Fußball EM 2016 Island - Österreich
  • Fr. 18.09., 12:00, Eurosport 2
    Motorsport: 24-Stunden-Rennen von Le Mans
  • Fr. 18.09., 13:00, ORF Sport+
    Schätze aus dem ORF-Archiv: Fußball EM 1996: Deutschland - Tschechien
  • Fr. 18.09., 13:15, Eurosport 2
    Motorsport: 24-Stunden-Rennen von Le Mans
  • Fr. 18.09., 13:20, Motorvision TV
    Classic Ride
  • Fr. 18.09., 14:00, Eurosport 2
    Motorsport: 24-Stunden-Rennen von Le Mans
  • Fr. 18.09., 14:00, Sky Sport 2
    Formel 1: Großer Preis der Toskana
  • Fr. 18.09., 15:00, Eurosport 2
    Motorsport: 24-Stunden-Rennen von Le Mans
» zum TV-Programm
8DE