Neustart im Motorsport: Grabenkämpfe verboten

Von Mathias Brunner
Formel 1
​Der Engländer Graham Stoker – stellvertretender FIA-Präsident – warnt: Wenn der Motorsport international Schwung aufnehmen soll, dann müssen die verschiedenen Rennserien auf Revierkämpfe verzichten.

Der Weg zurück zum Motorsport ist vor dem Hintergrund der Coronakatastrophe steinig und voller Hürden. In allen Rennserien werden Mittel und Wege gesucht, wie in diesem Jahr noch gefahren werden kann. Die Planung besteht aus dem Anvisieren eines beweglichen Ziels: In den meisten Ländern ist schlicht unmöglich vorherzusagen, wie sich die Corona-Situation in ein paar Monaten präsentieren wird.

Was die Rennprogramme angeht, so ist die Königsklasse normalerweise Vorreiter. Damit die Mitglieder und die Fans des Formel-1-Zirkus langfristig planen können, wird üblicherweise im Sommer ein erster Entwurf des Kalenders fürs folgende Jahr veröffentlicht, in der Regel wird dieser Plan vom so genannten Weltrat des Autosport-Weltverbands FIA Anfang Dezember abgenickt, meist mit geringfügigen oder gar keinen Änderungen.

Aber 2020 ist alles anders. Die Saison, so wie sie einst vorgesehen war, ist über den Haufen geworden, und Formel-1-CEO Chase Carey hat angedeutet: «Die Leute müssen sich darauf einstellen, dass der Kalender komplett anders aussehen wird.»

«Der Plan besteht darin, dass wir in den Monaten Juli, August und September in Europa Rennen austragen, angefangen in Österreich am 5. Juli. Im September, Oktober und November wollen wir in Eurasien, Asien und Amerika Rennen fahren, bevor die Saison im Dezember in der Golfregion zu Ende ginge, mit Bahrain und Abu Dhabi. Wir werden einen entsprechenden WM-Kalender veröffentlichen, sobald wir mehr Antworten haben.»

Wenn das Formel-1-Programm steht, planen die meisten Serien ihre Kalender um die Grands Prix herum. Das kann auch mal zu Machtkämpfen führen wie jahrelang zwischen dem früheren Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone und den Veranstaltern des 24-Stunden-Rennens von Le Mans.

Zur Erinnerung: Bernie Ecclestone krempelte im Spätsommer 2015 den Kalender um. Das Le-Mans-Wochenende vom 18./19. Juni 2016 fiel damit exakt auf die GP-Premiere von Baku. Gérard Neveu, seit 2011 Geschäftsleiter der Sportwagen-WM, witterte in diesem Timing «einen klaren Angriff gegen unser Meisterschaft». Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone zuckte hingegen nur mit den Schultern: «Ja und? Wir veranstalten keine 24-Stunden-Rennen.»

Neveu schimpfte wie ein Rohrspatz: «Bernie Ecclestone macht nie etwas in gleichgültiger Weise. Das Ganze ist eine Schande, weil es uns die Möglichkeit raubt, dass wir Formel-1-Stars im wichtigsten Autorennen der Welt haben. Wir hätten Nico Hülkenberg haben können und auch andere Formel-1-Fahrer – die Verlierer sind die Fans.»

Nach einer Terminkollision 2011 kam es zwischen dem Veranstalter des berühmten 24-Stunden-Rennens, dem Automobile Club de l'Ouest (ACO), dem Promoter WEC sowie der FIA zu einem Gentlemen’s-Abkommen, wonach man Le Mans nicht mehr auf ein GP-Wochenende legt. Das klappte bis 2016. Neveu findet: «Die FIA hätte uns schützen müssen.»

Jean Todt, Präsident des Automobil-Weltverbands, verteidigte sich damals im Rahmen des Mexiko-GP so: «Es ist nicht einfach, den Kalender für die verschiedenen Rennserien zusammen zu stellen, denn man muss 21 Formel-1-GP, zehn Formel-E-Läufe und zehn WEC-Rennen unter einen Hut bringen. Hinzu kommen noch 14 Rallyes. Es ist einfach nicht möglich, einen Kalender ohne Terminkollisionen festzulegen.»

Der Brite Graham Stoker ist stellvertretender FIA-Präsident. Meist arbeitet der gelernte Anwalt im Hintergrund, ab 2001 sass er im FIA-Berufungsgericht, heute ist er Sport-Präsident hinter Jean Todt, er sitzt dem Weltrat vor und ist auch Senatsmitglied.

In der FIA-Zeitschrift AUTO sagt Stoker: «Wenn die Saison endlich beginnen kann, dann reden wir von sehr vielen verschiedenen Serien, die für eine beschänkte Anzahl Wochenenden planen. In gewisser Weise wollen wir das ja auch, denn wir freuen uns auf die Rückkehr einer facettenreichen Rennszene.»

«Gleichzeitig jedoch müssen wir da sehr behutsam vorgehen. Wir müssen Flexibilität zeigen. Wir müssen Prioritäten setzen. Es wäre kontraproduktiv, wenn wir in Grabenkämpfe verfallen darüber, wer welche Termine erhält. Das wird nicht funktionieren.»

«Die Priorität muss darin bestehen, dass wir den Motorsport wieder in Gang bringen. Und das bedeutet, dass wir auch so genannte Super-Wochenenden haben werden, mit verschiedenen Anlässen gleichzeitig. Im Rennsport müssen wir jetzt zusammenhalten. Wir müssen ausserhalb des üblichen Schemas denken. Wir müssen zeigen, dass Motorsport relevant ist und einen positiven Einfluss haben kann.»

Formel-1-CEO Chase Carey ist klar: «Alle unsere Pläne können sich ständig ändern, denn wir müssen uns um sehr viele Hürden kümmern, und keiner von uns weiss, was beim Kampf gegen diesen Virus noch alles auf uns zukommt. Wir alle würden am liebsten zu einer Rennsportwelt zurückkehren, wie wir sie kennen und lieben, aber wir müssen uns dessen bewusst sein, dass dieser Weg zurück hart ist und nur dann beschritten werden kann, wenn wir das Richtige tun, in aller Sicherheit.»

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