Sebastian Vettel: Droht jetzt ein unwürdiger Abgang?

Von Andreas Reiners
Formel 1
Sebastian Vettel

Sebastian Vettel

Ferrari erlebte beim zweiten Formel-1-Rennen in Spielberg ein Debakel. Sebastian Vettel droht nun eine desaströse Abschiedstour.

Die Szene war symptomatisch, denn Mattia Binotto suchte und suchte. Der Ferrari-Teamchef ging in den ersten Container, dann in den zweiten.

Dann zuckte er mit den Schultern und gab die Suche nach seinen beiden Fahrern auf. Sebastian Vettel und Charles Leclerc erklärten da gerade das peinliche Doppelaus beim zweiten Formel-1-Saisonrennen in Spielberg.

Während Vettel nach Leclercs Rammstoß auf große Vorwürfe verzichtete und der Teamkollege die Schuld auf sich nahm, fielen Binotto nur Durchhalteparolen ein.

«Jetzt geht es darum, zusammenzuhalten und zu reagieren. Wir müssen nach vorne blicken und ich bin mir sicher, dass wir in Maranello die richtigen Leute haben, um das Auto bald zu verbessern.»

Medienrunde abgesagt

Dass Ferrari als unrühmlichen Schlusspunkt auch noch die übliche Medienrunde absagte, passte ebenfalls ins Bild. Binotto bewies einmal mehr: Er mag vielleicht ein guter Ingenieur sein, ein guter Teamchef ist er schon länger nicht mehr. Klar ist: Ferrari fehlt eine Führungsfigur. Jetzt, wo das Team orientierungslos herumtaumelt, wird das endgültig offensichtlich.

Noch ein Beispiel: «Ich denke, es ist klar, wer die Verantwortung dafür trägt, aber jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen», sagte Binotto. Vor einer Woche, als Vettel ein Fehler unterlief, war Binotto schnell dabei, das Kind beim Namen zu nennen.

Es ist ein jämmerliches und dilettantisches Bild, das Anlass zur Sorge gibt, ob der einst so stolze Rennstall die Kurve noch bekommt. Die Scuderia 2020: nur noch ein Scherzartikel. Ein Mythos als Mysterium, denn der SF1000 ist nicht konkurrenzfähig, und Lösungen sind nicht in Sicht, nachdem sich erste Updates als nicht hilfreich erwiesen. Chaos statt Kult, Lachnummer statt Legende.

Bei Vettel wächst so vor allem die Sorge, dass sich der 33-Jährige sang- und klanglos aus der Königsklasse verabschieden muss. Denn während Ferrari in eine dicke Krise schlittert, weil man sportlich nicht in der Lage ist, vorne mitzufahren und Binotto es nicht hinbekommt, den Laden auf Kurs zu bringen, muss Vettel zugleich einsehen: Seine Optionen für 2021 sind sowieso sehr dünn. Es droht der Abstieg in die sportliche Bedeutungslosigkeit, während das Karriereende ein immer realistischeres Szenario wird. Es wäre ein unwürdiges Ende einer erfolgreichen Karriere.

Es ist ein Teufelskreis, denn inmitten des Ferrari-Chaos wird es schwierig, noch einmal Duftmarken zu setzen, zu zeigen, was er noch kann. Die Bewerbungsfahrt droht zum Debakel zu werden.

«Wir müssen sicherstellen, dass wir uns nicht zu sehr runterziehen, damit uns das Aufstehen nicht so schwer fällt», meinte Vettel. Doch gleichzeitig handelt er sich eine Absage nach der anderen ein. Mercedes schob einem Wechsel einen Riegel vor, will auf Weltmeister Lewis Hamilton und Valtteri Bottas setzen.

Absage von Red Bull Racing

Vettels Flirt mit seinem Ex-Arbeitgeber Red Bull, mit dem er zwischen 2010 und 2013 seine vier Titel holte, endete abrupt mit einer Absage. Das einstige Weltmeisterteam vertraut neben Max Verstappen auch auf Nachwuchsmann Alex Albon.

Gespräche mit Renault wurden nie wirklich konkret, denn Vettel will ein Sieger-Cockpit, will 2021 nicht einfach nur dabei sein, sondern mittendrin. Da gibt es in der Formel 1 per se kaum Möglichkeiten.

Racing Point vielleicht noch, die im kommenden Jahr zum Aston-Martin-Werksteam werden. Teamchef Otmar Szafnauer: «Wir haben langfristige Verträge mit unseren beiden Fahrern, daher wäre es nur logisch, dass wir keinen Platz haben.» Wäre? Selbst ein Konjunktiv muss inzwischen als Hoffnungsschimmer herhalten.

Und was sagt Vettel? Vorzeitig flüchten wird er nicht. «Nein, das glaube ich nicht. Ich lauf nicht einfach davon. Ich habe noch Einiges zu beweisen, vor allem mir selber gegenüber. Und deshalb bin ich hier», sagte er: «Ich glaube, die nächsten Wochen und Monate werden sowieso Aufschluss geben, was vieles angeht. Und dann wird sich zeigen, ob's was wird oder nicht.»

Er setzt sich bei der Suche nicht unter Druck. Er hat allerdings auch längst keine Wahl mehr.


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