MotoGP-WM 2020: Wann geht es weiter? Und wie?

Von Günther Wiesinger
MotoGP

Mit Spannung und Neugier warten die Fans in aller Welt auf den Neustart der MotoGP-WM. IRTA-Präsident Hervé Poncharal gibt einen exklusiven Einblick in die Sorgen der Teams.

Bei allen Motorrad-GP-Teams stehen momentan neben der Bewahrung der eigenen Gesundheit und des finanziellen Überlebens wie in allen anderen. Sportarten und Rennserien auch folgende Fragen im Vordergrund: Wann werden die strengen Maßnahmen gelockert? Und wann können wieder Großveranstaltungen abgehalten werden?

Mit Grand Prix-Events im Mai und Juni rechnet niemand mehr. Denn die wichtigen Nationen Italien, Spanien und Frankreich sind schwer von der Coronakrise betroffen. Bis dort nähere Informationen und faktenbasierte Berechnungen vorliegen, wird wohl der ganze April und ein Teil des Monats Mai vergehen.

Das ist keine pessimistische Einschätzung, sondern eine, die namhafte Immunologen und Virologen anhand der Erfahrungen von China, Südkorea und Singapur getroffen haben. Dort ist die Kurve der Neuninfizierten erst nach acht bis zehn Wochen abgeflacht, obwohl die Vorschriften viel rigoroser waren als in vielen europäischen Ländern.

Wenn wir vom momentan realistischen Szenario ausgehen, dass die MotoGP-WM erst im August 2020 beginnen kann, wird die Dorna noch ein halbwegs anständiges Rumpfprogramm durchziehen können.

Von einer kompletten Saison, von der manche Teamchefs noch träumen, kann keine Rede mehr sein. Denn Länder wie Amerika trifft die Seuche mit geraumer Verspätung, auch Australien und Brasilien, deshalb werden in manchen Übersee-Ländern die Reiseverbote noch deutlich länger aufrecht bleiben als bei uns.

Notfalls wird man die restliche GP-Saison zur Gänze in Europa abwickeln, und das ist meiner Ansicht nach nicht einmal das «worst case»-Szenario.

Niemand kann bisher beurteilen, wie die Grand Prix dann abgewickelt werden. Vielleicht ohne Zuschauer. Vielleicht an jeweils nur zwei Tagen. Vielleicht von Donnerstag bis Sonntag mit Rennen am Samstag und am Sonntag, also zwei Grand Prix auf derselben Strecke. Aber wie lässt sich das mit den TV-Verträgen vereinbaren? Wie kann vermeiden werden, dass pausenlos Terminkollisionen zwischen MotoGP und Formel 1 stattfinden, zumindest in gleichen Zeitzonen?

Fragen über Fragen, deren Beantwortung wir weder heute noch morgen erwarten können.

Vielleicht werden im GP-Sport 2020 keine Hospitalitys erlaubt, weil der Auf- und Abbau zu lange dauert. Oder nur eine reduzierte Anzahl von Verpflegungsstationen, immer eine Hälfte auf jenem Schauplatz und die andere am nächsten. Man wird sich vielleicht zu Mittag mit Sandwiches behelfen müssen und am Abend im Hotel essen – wie vor der Zeit der Gastronomie-Burgen.

Wenn es ganz dramatisch wird, wird vielleicht bei einem Grand Prix die Moto2-Klasse fehlen und beim nächsten die Moto3. Man sah ja in der jüngsten Vergangenheit oft, dass bei Verschiebungen wie in Sepang, Silverstone, Doha oder Phillip Island beim neuen Zeitplan immer die «premier class» Vorrang hatte.

Der MotoE-Weltcup und der Red Bull Rookies-Cup werden vermutlich keine Priorität genießen. Vielleicht wird dort das Programm grob zusammengestrichen – niemand weiß es.

«Heute kann man überhaupt nichts festlegen und gleichzeitig kann man kein Szenario ausschließen», ist sich Red Bull-KTM-Tech3-Teambesitzer Hervé Poncharal bewusst. «Denn Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta wird dauernd mit neuen Entwicklungen konfrontiert.»

Poncharal ist seit 2006 auch Präsident der Teamvereinigung IRTA. Er vertritt also gegenüber der Dorna und IRTA die Interessen aller 42 GP-Teams. Er verhandelt mit der Dorna unter anderem über einen finanziellen Rettungsschirm für alle Rennställe.

«Wir als Teambesitzer müssen flexibel bleiben und uns an alles anpassen, was von unseren umsichtigen WM-Promoter Dorna beschlossen wird», sagt der Franzose im Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «Wir können uns an jede Lösung adaptieren, die uns die Möglichkeit zum finanziellen Überleben vermittelt. Wir müssen dem Promoter helfen, wir müssen dem Rennsport helfen, den Sponsoren eine Gegenleistung bieten und den TV-Stationen Feedback liefern. Aber alle Entscheidungen werden von der Dorna getroffen.»

Kann sich Poncharal Zwei-Tage-Events bei den Grand Prix vorstellen, wie sie in der Formel 1 bereits diskutiert werden?

Poncharal: «Wir sollten nicht unter Druck agieren. All diese Ideen müssen diskutiert werden, sobald sich die Rückkehr zur Normalität abzeichnet. Im Moment beschäftigen uns andere Fragen: Wie lange können die Teams überleben? Wie lange wird die GP-Zwangspause dauern? Können Dorna, FIM, IRTA und das Hersteller-Bündnis MSMA gemeinsam eine Lösung fürs Überleben der Meisterschaft finden? Jetzt ist nicht der passende Zeitpunkt, um über die restlichen Fragen zu diskutieren. Die Formel 1 kann tun, was sie will. Die MotoGP-WM sucht ihre eigenen Wege.»

Können zwei Grand Prix in vier Tage gequetscht werden? Könnte man notfalls die Hospitalitys verbieten oder deren Anzahl einschränken?

«Das wird sich alles zeigen. Ich wünsche mir, dass wir aus dieser schwierigen Situation alle stärker und mit einem noch innigeren Zusammengehörigkeitsgefühl herauskommen. Wir müssen ein positives Image bewahren. Deshalb beschäftigen wir uns jetzt noch nicht mit einer groben System-Umstellung und der Möglichkeit eines völlig aus den Fugen geratenen Kalenders. Wir kämpfen um andere Dinge. Vorläufig bleiben wir brav daheim und kümmern uns gleichzeitig ums finanzielle Überleben der Teams. Nur dann können wir eines Tages wieder das tun, was wir alle am liebsten machen, nämlich auf die Rennstrecken zurückkehren. Der Rest ist Politik. Jetzt ist aber nicht der richtige Zeitpunkt für Politik», betont Krisenmanager Poncharal. «Wichtiger ist, dass wir uns auf ‘stand by‘ halten und dann möglichst bald wieder Rennsport betreiben können.»

Der aktuelle Motorrad-GP-Kalender 2020

08. März: Doha/Q (ohne MotoGP
03. Mai: Jerez/E
17. Mai: Le Mans/F
31. Mai: Mugello/I
07. Juni: Barcelona/E
21. Juni: Sachsenring/D
28. Juni: Assen/NL
12. Juli: KymiRing/SF
09. August: Brünn/CZ
16. August: Red Bull Ring/A
30. August: Silverstone/GB
13. September: Misano/I
27. September: Aragón/E
04. Oktober: Buriram/TH
18. Oktober: Motegi/J
25. Oktober: Phillip Island/AUS
01. November: Sepang/MAL
15. November: Texas/USA
22. November: Las Termas
29. November: Valencia/E

siehe auch

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Ferrari und Sebastian Vettel: Vertrauen verloren

Mathias Brunner
​Es wird 2021 keine sechste gemeinsame Saison geben mit Ferrari und Sebastian Vettel: Auf den ersten Blick geht’s ums Geld. Aber der tiefergehende Grund dürfte sein – das gegenseitige Vertrauen ist weg.
» weiterlesen
 

TV-Programm

Sa. 30.05., 12:25, Motorvision TV
Bike World
Sa. 30.05., 12:35, Motorvision TV
Bike World Sport
Sa. 30.05., 13:20, Motorvision TV
FIM Superenduro World Championship
Sa. 30.05., 13:20, History Channel
Tuning Extrem - Truck-Makeover
Sa. 30.05., 13:30, Kinderkanal
Ella und das große Rennen
Sa. 30.05., 13:45, Motorvision TV
FIM X-Trial World Championship
Sa. 30.05., 14:15, Sport1
Motorsport - Monster Jam
Sa. 30.05., 14:40, Motorvision TV
FIM World Motocross Champiomship
Sa. 30.05., 14:45, Sport1
Motorsport - Monster Jam
Sa. 30.05., 15:00, ORF Sport+
Schätze aus dem ORF-Archiv: Fußball EM 2004: Griechenland - Portugal
» zum TV-Programm