MotoGP: Kündigung als Befreiungsschlag?

Geht Pol Espargaró zu Repsol? Dafür Dovizioso zu KTM?

Von Günther Wiesinger
Während sich Teams, Werke und Fahrer auf den Saisonstart vorbereiten, könnten sich in der MotoGP-Klasse zwei Sensations-Transfers anbahnen.

Als vor ungefähr vier Wochen erstmals das Gerücht aufkam, Repsol-Honda sei für 2021 hinter Pol Espargaró her, betonte KTM-Motorsport-Direktor Pit Beirer noch einmal, was der KTM-Vorstandsvorsitzende Stefan Pierer bereits beim Valencia-GP im November 2019 angekündigt hatte: «Wir suchen für 2021 keinen MotoGP-Fahrer. Wir wollen mit unserem Quartett Espargaró, Binder, Oliveira und Lecuona weitermachen.

Pierer bezeichnete damals die Verpflichtung von Johann Zarco für 2019 als Fehler. KTM wollte deshalb künftig auf Eigengewächse setzen – wie Binder, Oliveira und Lecuona, die mit dem Stahlrahmen-Konzept und der WP Suspension groß geworden sind.

Zu Pol Espargaró, der zwölf der 21 KTM-Top-Ten-Plätze in der MotoGP-WM errungen hat, sagte Pierer: «Wir möchten Pol am liebsten bis zum Karriere-Ende behalten und nachher als KTM-Botschafter beschäftigen.»

Als in der ersten Mai-Woche die Kontakte zwischen Repsol-Honda-Teamprinzipal Alberto Puig und Pol Espargaró ans Tageslicht kamen, zeigte sich Pit Beirer nicht verwundert.

«Wir haben sehr gute Fahrer, bei denen die Konkurrenzteams auch sehen, dass sie schlagkräftig sind. Und solange wir keine unterschriebenen Verträge haben, sind sie erst einmal für 2021 nicht sicher bei uns», ist dem ehemaligen 250-ccm-Notocross-Vizeweltmeister bewusst. «Aber wir haben mit allen vier Fahrern freundschaftliche Verhältnisse, sie fahren teilweise seit mehr als fünf Jahren für uns. Ich sehe keine ganz große Gefahr, dass uns jetzt sofort einer abhanden kommt. Aber natürlich sind andere Teams auf dem Markt genauso in Bewegung und werden unsere Fahrer in Betracht ziehen und ihnen eventuell Angebote machen. Ich hoffe, dass unsere Fahrer gut genug sind, dass auch andere Teams ein Auge auf sie werfen. Wenn das nicht der Fall wäre, hätten wir ja keine optimale Fahrerwahl getroffen.»

Nachsatz des ehemalige Motocross-Vizeweltmeisters: «Wir wollen aber keinen Fahrer zwingen, bei uns zu bleiben. Sie sollen freiwillig die neuen Verträge unterschreiben, die wir ihnen vorlegen. Darauf bereiten wir uns gerade vor.»

Doch die Teamführung von Red Bull KTM musste beim Spielberg-Test am 27. und 28. Mai erkennen, dass Teamleader Pol Espargaró einen Wechsel zu HRC ernsthaft in Betracht zieht.

Der 28-jährige Spanier hatte schon im November die Diskussionen um die Lorenzo-Nachfolge sehr aufmerksam verfolgt. «Mein Tipp ist Nakagami», meinte er. Und vor dem Transfer von Zarco zu LCR-Honda vor den letzten drei Rennen 2019 meinte Pol: «Ich bin sehr an Zarcos Eindrücken von der Honda interessiert.» Denn der Franzose agierte 2019 bei Red Bull-KTM bis zum Misano-GP als sein Teamkollege bei KTM, dann wurde sein Vertrag mit sofortiger Wirkung aufgelöst.

Alberto Puig stellte dem aktuellen Moto2-Weltmeister Alex Márquez, der nachher im Herbst das Rennen um den zweiten Platz bei Repsol gegen Crutchlow, Nakagami und Zarco machte, die Rute ins Fenster. «Wir haben Alex diese Chance gegeben, weil wir es für richtig hielten. Jetzt muss er sich beweisen.»

Gut möglich, dass die Bewährungsfrist des zweifachen Weltmeisters (Alex gewann die Moto3-WM auf Honda 2013) schon vor dem ersten MotoGP-Rennen 2020 abläuft.

Denn in Spanien und Italien verdichteten sich in den letzten Tagen die Gerüchte, dass Pol Espargaró tatsächlich bei Repsol-Honda landen könnte. Für Co-Sponsor Red Bull wäre er dort wegen der gemeinsamen Vergangenheit und Gegenwart ein vielversprechender Kandidat.

Für KTM wäre der Weggang des Teamleader ein schwerer Verlust. Daraus macht Pit Beirer kein Geheimnis: «Pol Espargaró hat durch seine Euphorie und seinen Einsatz in den letzten drei Jahren bei uns so viele Highlights gesetzt.» Zum Beispiel Platz 3 beim Regen-GP in Valencia 2018, als er Marc Márquez Paroli bot, und beim zweiten Startplatz in Misano 2019. Und das mit einer KTM RC16, die erst drei Jahre in der WM mitwirkt und noch ihre Schwächen hat.

Gut informierte italienische GP-Berichterstatter sind inzwischen davon überzeugt, dass KTM in Ermangelung eines gleichwertigen Ersatzes im eigenen Haus eine Abkehr von der Inhouse-Fahrer-Politik in Erwägung zieht, zumal Moto2-Pilot Jorge Martin zu Pramac-Ducati geht und KTM ohnedies nicht mit drei MotoGP-Rookies (Binder, Lecuona und zum Beispiel Nagashima) in die Saison 2021 starten könnte, zumal auch Miguel Oliveira aus dem Red Bull KTM-Tech3-Team erst eine MotoGP-Saison hinter sich hat.

Deshalb können sich ernstzunehmende Ducati-Kenner eine Verpflichtung des dreifachen MotoGP-Vizeweltmeisters Andrea Dovizioso durch Red Bull KTM durchaus vorstellen, falls Pol Espargaró keinen neuen Vertrag unterzeichnet. Am 20. Mai bekannte Pit Beirer: «Ich bin ein großer Fan von Andrea Dovizioso. Ich liebe aber auch unsere vier MotoGP-Jungs.»

Dovizioso und Dall'Igna: Verhältnis zerrüttet

Seit dem Sachsenring-GP 2018 ist das Verhältnis zwischen «Dovi» und Ducati-General-Manager Gigi Dall‘Igna zerrüttet. Damals hatte der inzwischen 14-fache MotoGP-Sieger Kritik am Motorrad geübt.

Und seit Dall’Igna für insgesamt 25 Millionen Euro Gage einen Zwei-Jahres-Vertrag mit Lorenzo (für 2017 und 2018) abgeschlossen hat, während «Dovi» damals ca. 1 bis 1,5 Millionen verdient und den Spanier dauernd in den Schatten gestellt hat, ist die Situation sowieso kompliziert. Dass Dovizioso-Manager Simone Battistella den schnellen Spanier Álvaro Bautista nach der Saison 2019 von Ducati ins Honda-Werksteam transferiert hat, rieb noch mehr Salz in die Ducati-Wunde.

Dovizioso ist heute 34 Jahre alt. Er hat schon sieben Ducati-Jahre hinter sich, 2020 ist sein achtes. Er bestritt die MotoGP-WM von 2008 bis 2012 für Honda, er hat schon 215 MotoGP-Starts absolviert, sein Erfahrungsschatz wäre für KTM wertvoll. Der Siegfahrer und Márquez-Erzrivale könnte die Lücke von Pol Espargaró füllen, falls dieser zu HRC abspringt.

«Dovi» ist seit 2018 wieder Red Bull-Athlet und würde auch deshalb zu KTM passen.

«Ich bin ein großer Fan von Andrea», erzählte der KTM-Rennchef Pit Beirer kürzlich im Interview mit «moto.it». «Ich kann auch verraten, dass in unserer Box Beifall gespendet wird, wenn Dovi ein Überholmanöver gelingt. Er hat die Sympathiepunkte in unserem Unternehmen.»

Beirer lässt sich nicht gern in die Karten schauen. «Für mich ist eine Verpflichtung von 'Dovi' kein realistisches Szenario», lautete sein Standpunkt bisher. «In unserer aktuellen Position versuchen wir, die vier Fahrer zu halten, die wir jetzt haben. Wir haben gesagt, dieses Corona-Jahr ist dramatisch für alle und wir versuchen, die Familie zusammenzuhalten. Ich sehe es also nicht als ein sehr realistisches Szenario, auch wenn da viele Emotionen dahinter stecken würden.»

Für Pol Espargaró wäre es ein wehmütiger Abschied. Er stand beim KTM-Debüt in Katar 2017 in der letzten Startreihe und hat seither viele kostbare Entwicklungsschritte vorangetrieben und miterlebt. Der 15-fache GP-Sieger, der übrigens die 125er-WM 2010 erst im Finish gegen Marc Márquez verlor, ist zu einer KTM-Ikone geworden.

Repsol-Honda bietet Pol mit der RC213V ein Sieger-Motorrad an. In diesem Paket ist aber auch Weltmeister Marc Márquez enthalten, neben dem bisher kein Rennfahrer als Teamkollege gut ausgesehen hat. Nicht einmal der fünffache World Champion und 68-fache GP-Sieger Jorge Lorenzo.

Die MotoGP-WM bleibt also auch auf dem Transfermarkt weiter spannend und abwechslungsreich.

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