KTM-Nachwuchsförderung weckt Neid bei der Konkurrenz

Von Günther Wiesinger
KTM und Red Bull bilden mehr GP-Talente aus als jedes andere Werk und jeder andere Sponsor. Manche Neider sprechen jetzt von einem unfairen Wettbewerbsvorteil wegen des Rookies-Cups.

In den letzten Wochen regte sich bei manchen Teams und Herstellern Widerstand gegen die seit Jahren vorbildliche Nachwuchsförderung von Red Bull und KTM, die im Red Bull Rookies-Cup (13 bis 17 Jahre) beginnt und über die Moto3 und Moto2-WM in der MotoGP-WM ihren Höhepunkt findet.

Mit Hilfe der Teams von Red Bull KTM Ajo und Red Bull KTM Tech3 wurde von den österreichischen Firmen die KTM MotoGP Academy gegründet, die Eigenbau-Fahrer bis in die höchste Klasse fördern soll. Dieses erfolgreiche System weckt jetzt bei einige Herstellen Neidgefühle. Ducati-Teamkoordinator Davide Tardozzi beklagte sich zuletzt sogar, KTM habe durch den Rookies-Cup einen unfairen Wettbewerbsvorteil, weil KTM dadurch die jungen Fahrer fünf Jahre lang ans Werk binde und die Supertalente wie Pedro Acosta und Raúl Fernández für alle anderen Herstellern unantastbar bleiben.

Das ist barer Unsinn.

Denn KTM macht keine Verträge mit den Teilnehmern des Rookies-Cups, sondern nur Red Bull, und zwar nicht mit den minderjährigen Fahrern, sondern mit deren Eltern. Und deren Unterschriften haben nach der Volljährigkeit der Piloten vor Gericht ohnedies keine Gültigkeit.

Außerdem gibt es zahlreiche Beispiele von namhaften Fahrern und sogar Cup-Gesamtsiegern, die nach dem Rookies-Cup in ein 125-ccm- oder Moto3-Team von Aprilia, Derbi, Mahindra oder Honda wechselten, wenn auch meist mit persönlicher Red Bull-Sponsorship. Zum Beispiel Johann Zarco, Jorge Martin, Fabio Di Giannantonio, Stefano Manzi, Lorenzo Baldassarri, Joan Mir, Darryn Binder, Toprak Ratgatlioglu oder Can Öncü, um ein paar namhafte abtrünnig gewordene Talente hervorzuheben.

Es ist auch völlig aus der Luft gegriffen, wenn Fahrer wie Brad Binder und Miguel Oliveira quasi als Leibeigene von KTM dargestellt werden.

Denn die beiden MotoGP-Sieger von KTM haben zwar den Rookies-Cup bestritten, doch Oliveira nahm 2011 an der 125er-WM mit einer Aprilia teil, ehe er in der neuen Moto3-Viertaktklasse 2012 eine Suter-Honda des Estrella Galicia 0,0-Teams steuerte und dann dann 2013 und 2014 zum Mahinda-Moto3-Werksfahrer aufstieg. Er kam erst von dort 2015 ins Red Bull Ajo-KTM-Moto3-Team, wo er auf Anhieb Moto3-Vizeweltmeister wurde.

Auch Brad Binder bestritt die ersten Jahre nach dem Rookies-Cup im Caponera-Team, 2012 auf einer Kalex-KTM. «2013 bin ich zuerst ein halbes Jahr eine Suter-Honda gefahren. Dann ist das Team mitten in der Saison auf Mahindra umgesattelt, auch 2015 bin ich auf Mahindra gefahren», schilderte der Südafrikaner im Gespräch mit SPEEDWEEK.com. Erst 2015 trat Brad erstmals bei Red Bull Ajo-KTM an, wurde dort 2016 Moto3-Weltmeister wurde und blieb fortan gern bei KTM.

Als Binder nach dem Rookies-Cup zu Mahindra ging, war er ein so genannter «free agent», also vertraglich nicht an KTM gebunden, wie die meisten Cup-Teilnehmer, es sei denn, Teamchef Aki Ajo setzte sie gemeinsam mit Red Bull und KTM parallel auch in der Junioren-WM ein. «Ohne Caponera hätte ich mach dem Rookies-Cup wieder nach Südafrika heimkehren müssen», vermutet Brad.

Oliveira schaffte 2015 bei Red Bull KTM-Ajo den zweiten Platz in der Moto3-WM hinter Danny Kent und bildete 2016 mit Kent das neue Leopard-Kiefer-Kalex-Moto2-Team. «Es war mein übelstes Jahr in der WM», erzählte der Portugiese später im Interview mit SPEEDWEEK.com. «Ich habe dann Pit Beirer von KTM in der Sommerpause angefleht, mir für 2017 einen Platz im KTM-Moto2-Team zu geben. Er hat eingewilligt. Das werde ich ihm nie vergessen.»

Rookies-Cup existiert seit 2007

Red Bull und KTM veranstalten den Rookies-Cup mit den 250-ccm-Moto3-Production-Racern seit 2007, bis Ende 2013 wurde er mit den 125-ccm-Zweitaktern von KTM bestritten. Auch wenn keine Kosten kommuniziert werden: Die Durchführung des Cups kostet mehr als 2 Millionen Euro im Jahr. Die Fahrer müssen jeweils nur die Anreise und die Unterkunft bezahlen, alles andere wird kostenlos zur Verfügung gestellt, sogar die Verpflegung am Rennwochenende.

«Wir machen mit den Rookies langfristige Verträge, weil wir über Jahre signifikant in diese Talente investieren. Die Verträge sind an Red Bull gebunden, weil wir als Ausrichter hinter dem Rookies-Cup stehen. Die Besten wollen wir natürlich in unseren Teams haben. Es wäre ja unlogisch, wenn es anders wäre», ist aus Red Bull-Kreisen zu hören. «Wir zerstören keine Karrieren, sondern wir machen sie erst möglich. Wir geben Talenten mit den unterschiedlichsten Backgrounds aus allen Ecken der Welt die Möglichkeit, sich im Motorradrennsport auf einem hohen Level mit gleichaltrigen Kollegen mit identischem Material zu messen.»

Der Erfolg des Rookies-Cup ist unbestritten: Von bisher 185 Teilnehmern haben nicht weniger als 90 den Sprung in den GP-Sport geschafft.

Die Diskussion um die KTM-Talente war aufgeflammt, als der Moto2-WM-Zweite und fünffache Saisonsieger Raúl Fernández im Sommer ein Angebot von Petronas-Yamaha bekam. Die Malaysier wollten ihm 500.000 Euro und mehr bezahlen, um ihn aus dem gültigen KTM-Vertrag rauszukaufen.

«Ich kenne die Summe nicht. Denn wir haben nichts zu verkaufen», erklärte ein verärgerter KTM-Motorsport-Direktor Pit Beirer.

Rául Fernandez war 2019 vom Red Bull-Ajo-.KTM-Team für die Moto3-WM engagiert worden. Damals interessierte sich kein MotoGP-Hersteller für ihn. Auf KTM hatte er 2016 bereits Platz 3 im Rookies-Cup geschafft!

KTM baut natürlich Optionen in die Verträge ein, damit die Fahrer bei entsprechenden Erfolgen nicht das Fabrikat wechseln können. Das machen alle anderen Werke auch. 

Trotz eines solchen Vertrags ließ KTM vor einem Jahr Jorge Martin zu Ducati wechseln. «Wir halten niemanden gewaltsam zurück, wenn er gehen will», sagte Pit Beirer damals.  

Übrigens: Einige Berichterstatter verstanden eine Aussage von Fernández im Sommer falsch. Nachdem er für das KTM-Tech3-Team einen MotoGP-Vertrag unterschrieben hatte, fragte ihn ein DAZN-Reporter, ob er jetzt im gewünschten Team sei. Der 20-jährige Spanier verneinte. Aber nicht, weil er lieber bei Petronas-Yamaha fahren würde, sondern weil er am liebsten ins Red Bull-Factory-Team von KTM aufgestiegen wäre. Das ist aber mit Binder und Oliveira schon besetzt.

«Aber wir werden deshalb das Tech3-Team weiter upgraden und es zu einem vollwertigen zweiten KTM-Werksteam ausbauen», versicherte KTM-Firmenchef Stefan Pierer im August im Gespräch mit SPEEDWEEK.com.

Denn auch Ducati hat das Pramac-Team in den letzten Jahren stark aufgewertet – wie die beachtlichen Erfolge von Jorge Martin und Johann Zarco zeigen. 

Erfolgreiche Rookies im GP-Sport

Pit Beirer wundert sich über die unsachgemäße Kritik am erfolgreichen Nachwuchsförderungsprogramm von KTM. «Als wir noch kein MotoGP-Team gehabt haben, hat sich niemand beschwert, dass wir den Rookies-Cup zehn Jahre lang gemeinsam mit Red Bull finanziert haben», erinnert sich der 250-ccm-Motocross-Vizeweltmeister von 1999.

Übrigens: Am vergangenen Wochenende standen in Aragón wieder einmal in allen drei GP-Klassen andere Ex-Rookies auf dem Podium: Zum Beispiel Sasaki, Öncü, Raúl Fernandez und Joan Mir.

Natürlich existieren auch anderswo ehrgeizige Nachwuchsprojekte. Valentino Rossi hat mit der VR 46 Riders Academy schon Morbidelli, Bagnaia und Marini in die MotoGP gebracht und zweimal die Moto2-WM (2017 mit Morbidelli, 2018 mit Bagnaia) gewonnen.

Aber niemand außer KTM und Red Bull veranstalten eine eigene Rennserie für die Talente – und noch dazu im attraktiven Schaufenster der Europa-GP. 

Und niemand hat hat so starke Teams in den kleinen Klassen wie Red Bull und KTM: In Aragón fuhren die Red Bull-Tech3-KTM-Asse Deniz Öncü und Ayumu Sasaki auf die Plätze 2 und 3. In der Moto2 sicherten sich die Red-Bull-KTM-Ajo-Schützlinge Remy Gardner und Rául Fernández die Ränge 1 und 2. 

Mit Joan Mir gewann 2020 erstmals ein Ex-Rookie die MotoGP-WM. Und momentan halten sich die Ex-Rookies Pedro Acosta, Rául Fernández und Joan Mir in den GP-Klassen Moto3, Moto2 und MotoGP auf den Plätzen 1, 2 und 2.

Die beiden österreichischen Firmen haben sich den Neid und die Missgunst der Konkurrenz über viele Jahre hinweg teuer erkauft. 

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