Pit Beirer: «WM geht auch mit weniger Marschgepäck»

Von Günther Wiesinger
Motocross-WM MXGP
Der neunfache Weltmeister Tony Cairoli von KTM

Der neunfache Weltmeister Tony Cairoli von KTM

KTM-Rennchef Pit Beirer ist zur Rettung der Cross-WM 2020 zu einigen Kompromissen bereit. Notfalls muss man in andere Länder ausweichen, nur in Europa fahren und die pompösen Trucks daheim lassen.

Die ersten beiden Motocross-WM-Events 2020 für die Klassen MXGP und MX2 wurden durch die Covid-19-Epidemie nicht stark beeinträchtigt. Aber nach Matterley Basin/GB (1. März) und Valkenswaard/NL (8. März) hat WM-Promoter und Serienvermarkter «Infront Moto Racing» die WM-Läufe in Argentinien/Neuquén (22. März), im Trentino/Arco di Trento (5. April), in Spanien/Xanadú-Arroyomolinos (19. April), Portugal/Águeda (26. April), Frankreich/Saint-Jean-d'Angély (10. Mai.), Italien/Maggiora (17. Mai) und Deutschland/Teutschenthal (24. Mai) wegen der Pandemie verschoben.

Pit Beirer, Motorsport-Direktor bei KTM, wartet jetzt sehnsüchtig auf Neuigkeiten bezüglich der Terminplanung. «Die Probleme, die wir bei KTM in der MotoGP-Klasse mit der Pandemie haben, kannst du 1:1 in die Cross-WM rüberspiegeln», ist sich Beirer bewusst. «Auch in der MXGP wurde zu Beginn der Krise von sehr vielen Rennen in der zweiten Saisonhälfte gesprochen. Das habe ich vorerst gar nicht kommentiert, weil in den Ländern mit Motocross-GP-Schauplätzen die gleichen Gesetze gelten und die gleichen Probleme vorhanden sind wie in den Ländern, in denen wir Straßensport betreiben. Wir müssen uns jetzt in beiden Meisterschaften bemühen, eine Restsaison zu sichern.»

«Rein vom Ablauf her waren die Jungs gut vorbereitet, sie haben inzwischen zwei Grand Prix bestritten. Es steht also schon ein bisschen was auf der Ergebnisliste», hält der KTM-Stratege fest. «Aber die Planung für die restlichen Events wird sehr zeitgleich mit MotoGP passieren. Es muss irgendwann versucht werden, durch ein paar Länder in Europa durchzureisen und dort Rennen zu absolvieren. Aber man muss sich bewusst sein, dass allein wegen der TV-Rechte ein Problem entstehen kann, wenn an einem Wochenende zu viele Events in der Formel 1, MotoGP, Superbike-WM oder Cross-WM stattfinden. Solche Terminkollisionen werden sich leider nicht vermeiden lassen. Denn sobald wir wieder losstarten können, werden alle Meisterschaften gleichzeitig loslegen. Jeder Serie muss sich dann wieder bewegen. Wir werden und bei den Terminen nicht an jedem Wochenende aus dem Weg gehen können. Es muss dann jeder Serien-Promoter schauen, dass jede Rennserie wieder läuft.»

«Ein Motocross-GP ist inzwischen auch eine Großveranstaltung mit vielen Zuschauern auf engstem Raum am gleichen Ort. Das wird am Angang schwierig sein. Übersee-Reisen werden schwierig sein», grübelt Beirer. «Es wird einige Zeit dauern, bis die Reiseverbote aufgehoben werden. Ich rechne damit, dass die ersten Motocross-GP in Fahrdistanz in Europa stattfinden. Wie gesagt: In den nächsten drei Monaten wird nicht viel passieren. Im besten Fall können wir im Juli wieder losmarschieren. Das ist nach wie vor mein großes Ziel: Dass wir Ende Juni unsere Pferde satteln und im Juli auf der Rennstrecke sind. Das gilt für alle Sportarten.»

Wird der Neustart in der Cross-WM-Szene einfacher sein als in der MotoGP-WM? «Im Motocross wird es ein bisschen einfacher», vermutet Pit Beirer. «Weil dort der Finanzierungsbedarf auch nicht so gewaltig ist.»

«Eine Motocross-GP-Veranstaltung zu organisieren wird sicher weniger Kosten verursachen als die Ausrichtung eines MotoGP-Events für bis zu fünf Rennserien. In der Cross-WM könnte man schneller reagieren und sich relativ schnell verständigen. Man könnte mit Hilfe des lokalen Veranstalters innerhalb von vier Wochen einen Grand Prix organisieren. In der Cross-WM wird von Infront sehr viel mobil aufgebaut. Die haben viele Sattelschlepper, mit denen die Infrastruktur von Ort zu Ort gekarrt wird. Man braucht keine Straßen-GP-Anlage mit allen Schikanen. Somit kann man im Motocross die Termine flexibler und schneller umplanen. Aber auch für so eine Veranstaltung brauchst du viele ehrenamtliche Helfer. Also muss man zuerst mal schauen: Wer hat nach dieser Misere noch freie Wochenenden, Urlaub, Lust, Freizeit? Es geht nicht nur um die Rennfahrer und die Teammitglieder. Es geht auch um die ganze Organisation», ist sich Beirer bewusst.

Da ein erheblicher Teil der Teams in Italien, Spanien und Frankreich stationiert ist, könnte die unbeschwerte Reisefreiheit noch einige Zeit auf sich warten lassen.

«In der zweiten Jahreshälfte kommt noch eine Mammutaufgabe auf uns zu», ist Pit Beirer überzeugt.

Vielleicht muss auch nach neuen Austragungsländern Ausschau gehalten werden. Womöglich kommen dann Länder wie die Schweiz oder Schweden zum Zug, die bisher auf der WM-Landkarte 2020 fehlen. Beirer: «Schweden ist ein Land mit sehr ausgeprägter Motocross-Tradition. Man sollte darüber nachdenken, ob man dort einen Event hinkriegen kann, da dort der Virus nicht stark verbreitet ist. Dann müssen wir uns halt damit anfreunden, dass wir keine so riesigen Fahrerlager und so große asphaltierte Flächen haben. Dann muss man halt zur Abwechslung wieder einmal mit dem kleineren Marschgepäck zu den Grand Prix fahren. Denn Motocross kann ich auch mit einem Mercedes Sprinter und einem Easy-up-Gestell fahren. Im Grunde geht es dort um den Fahrer, das Motorrad und die Startmaschine. Den Rest könnte man etwas abspecken, um einfach wieder in Fahrt zu kommen. Wir müssen in diesem Jahr noch ein sauberes Cross-WM-Programm auf die Beine stellen, um dann vielleicht ganz normal in die Saison 2021 reinstarten zu können.»

Wird man auch bei den Teilnehmerfeldern Kompromisse schließen müssen, wenn manche Nationen nicht teilnehmen können? Oder gilt weiter das Prinzip: «Alle oder keiner.»

«In der Cross-WM gibt es momentan keinen Spitzenfahrer und kein Team aus Übersee», sagt Beirer. «Auch die japanischen Werksteams sind alle in Europa stationiert. Man könnte also irgendwann anfangen, sich in Europa wieder zu bewegen. Wir sollten unbedingt versuchen, an alle zu denken. Wenn dann drei, vier wichtige Länder noch Reisebeschränkungen haben und du machst eine WM, obwohl ein paar Spitzenathleten fehlen, dann wäre das wirklich grausam.»

Aber ohne Italien und Spanien wird sich in der Cross-WM kein Rad drehen. «Sobald die Menschen in Italien wieder gesunden und die Sonne wieder scheint, werden unsere Freunde im Süden als Erste wieder Lust haben, Motorradrennen zu haben und fahren», ist der Ex-Spitzencrosser überzeugt. «Italien ist von der Krise früher heimgesucht worden als die Länder in Mitteleuropa. Vielleicht kehrt deshalb in Italien und Spanien auch früher Ruhe ein als bei uns. Vielleicht können wir schon wieder mit etwas Zuversicht Richtung Süden schauen, bevor wir bei uns das Thema abgeschüttelt haben.»

WM-Kalender (Stand: 30.3.2020)

01.03.2020 - Großbritannien, Matterley Basin, EMX125, WMX
08.03.2020 - Niederlande, Valkenswaard, EMX250, WMX
07.06.2020 - Russland, Orlyonok, EMX250, EMXOpen
14.06.2020 - Lettland, Kegums, EMX250, EMXOpen
28.06.2020 - Frankreich, St Jean d'Angély, EMX125, EMXOpen
05.07.2020 - Italien, Maggiora, EMXOpen, WMX
19.07.2020 - Italien, Arco, Pietramurata, EMX250, EMX2T
26.07.2020 - Tschechien, Loket, EMX65, EMX85, EMX2T
02.08.2020 - Belgien, Lommel, EMX125, EMX250
09.08.2020 - Deutschland, Teutschenthal, EMX250, EMXOpen
16.08.2020 - Schweden, Uddevalla, EMX125, EMX250
23.08.2020 - Finnland, KymiRing, EMX125, EMX250, EMX2T
06.09.2020 - Türkei, Afyonkarahisar, EMXOpen, WMX
13.09.2020 - China, Shanghai
20.09.2020 - Italien, Imola, EMX125, WMX
11.10.2020 - Spanien, Xanadú, EMX125, WMX
18.10.2020 - Portugal, Agueda, EMX125, EMX250
01.11.2020 - Indonesien, Jakarta
08.11.2020 - Indonesien, tba
22.11.2020 - Argentinien, Neuquen

Motocross der Nationen:

27.09.2020 - Frankreich, Ernée

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