Grand Prix auf Kopfsteinpflaster: Baku bis 2023

Von Mathias Brunner
Formel 1
Der Strassenkurs von Baku ist ungewöhnlich

Der Strassenkurs von Baku ist ungewöhnlich

​Der Grand Prix von Aserbaidschan bleibt mindestens inklusive 2023 Teil der WM. Ein entsprechendes Abkommen ist von Formel-1-CEO Chase Carey und Sportminister Azad Rahimov unterzeichnet worden.

Bis Ende 2023 bleibt der Grosse Preis von Aserbaidschan in Baku fester Bestandteil der Formel-1-WM. Dies haben Formel-1-CEO Chase Carey und der aserbaidschanische Sportminister Azad Rahimov in Baku mit ihrer Unterschrief besiegelt. Der Vertrag ist vor dem Ende der Laufzeit (Ende 2020) verlängert worden. Über die Rahmenbedingungen, will heissen: die Höhe der Antrittsgebühr wird nichts kommuniziert. Das Strassenrennen findet seit 2016 statt.

Chase Carey sagt: «Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Abkommen verlängern konnten. Es hat sich in sehr kurzer Zeit zu einem überaus populären WM-Lauf entwickelt.» Dahinter stellen wir mal ein Fragezeichen. Der Aserbaidschan-GP fand 2018 zum dritten Mal statt. Gewiss, die Strecke ist spektakulär, die Rennen 2017 und 2018 waren echte Thriller. Leider bleibt die Zuschauerkulisse eher ärmlich. 2016 soll die Premiere an der kaspischen See knapp 30.000 Fans angelockt haben, diese Zahl blieb unbestätigt. Gerüchten zufolge wurden nur 19.000 Eintrittskarten verkauft. Für eine Grand-Prix-Premiere eine niederschmetternde Zahl.

Als Ergebnis 2017 wurde angegeben: Mehr als 71.000 Fans in Baku. Ich war dort. Wenn das 71.000 Fans waren, dann werde ich 2020 Nachfolger von Valtteri Bottas bei Mercedes. Nur an einigen Stellen (Start/Ziel-Gerade, Ausgang Stadtmauerpassage) waren die Ränge wirklich gut gefüllt. Das Layout der Piste macht das Aufstellen weiterer Tribünen schwierig.

Damit wir uns richtig verstehen: Baku ist ein fabelhafter Strassenkurs, und die Gastfreundschaft der Aserbaidschaner ist entwaffnend. Die Fahrer lieben den Kurs. Aber das Rennen bleibt umstritten. «Länder wie Aserbaidschan zahlen zwar hohe Antrittsgebühren, aber diese Grands Prix erreichen nichts, um die Marke Formel 1 zu verbessern», kritisierte 2017 ausgerechnet Greg Maffei, Geschäftsführer von Formel-1-Grossaktionär Liberty Media. «Unser Job ist es, Partner zu finden, die uns gut bezahlen, aber uns gleichzeitig auch helfen, das Produkt zu stärken.» Was durch leere Tribünen nicht unbedingt gelingt. Die Reaktion aus Baku liess nicht lange auf sich warten: «Mister Maffei hat weniger als ein halbes Jahr mit der Formel 1 zu tun. So etwas zu sagen, ist ignorant. Wir bezahlen einen Batzen Geld», schoss Baku-Streckenpromoter Arif Rahimow zurück. Der US-Amerikaner relativierte später seine Kritik.

Knatsch hin oder her: Auch in China hat es Jahre gedauert, bis mehr Zuschauer auftauchten. Sportminister Azad Rahimov sagt: «Wir sehen, wie jedes Jahr mehr und mehr Fans in unser Land kommen.»

Der Grosse Preis von Aserbaidschan ist kein 0815-Grand Prix. Bei der Premiere 2016 fuhr Williams-Fahrer Valtteri Bottas einen sagenhaften Speed von 378 km/h – und das auf einem Strassenkurs! Zudem müssen gewisse Passagen in der Altstadt jeweils zugepflastert werden. Die Formel 1 soll zwar ein Element der Unwägbarkeit zurückerhalten, aber selbst für Liberty Media ist Fahren auf Kopfsteinen dann doch etwas haarig.

Rennstreckenarchitekt Hermann Tilke hat vor Jahren den Kurs in Baku erdacht und war vom Ablauf der Bauarbeiten angetan. «Da sind wir sehr angenehm überrascht worden – der Umgang ist absolut problemlos, wir pflegen ein kollegiales Verhältnis. Die Menschen, mit denen wir unten zu tun haben, hören zu und sind sehr hilfsbereit, dazu sprechen sie ein sehr gutes Englisch und sind generell hervorragend ausgebildet.»

Und wie ging nun das mit dem Kopfsteinpflaster? «Wir hatten tatsächlich die etwas spezielle Aufgabe, dass wir an zwei Passagen auf Kopfsteinpflaster fahren müssten. Diese zwei Passagen gehören zum historischen Teil der Stadt. Zu meinem persönlichen Bedauern ist das in der Formel 1 nicht erlaubt. Also mussten wir Mittel und Wege finden, diese beiden Stellen abzudecken. Diese temporäre Lösung besteht aus Sand und dann aus einer Asphaltschicht, die anschliessend wieder abgetragen wird. Die Anschlüsse sind dabei durchaus knifflig, wir können dort ja nicht gut Stufen hineinbauen. Wir fahren also auf Kopfsteinpflaster, aber halt eben nicht direkt darauf.»

Ebenfalls ungewöhnlich: Die Piste ist teilweise enger als Monte Carlo. Hermann Tilke: «Diese enge Passage zu Beginn der Altstadtsektion ist eine Herausforderung, der mit ungewöhnlichen Lösungswegen begegnet werden musste. Natürlich gibt es diesbezüglich FIA-Vorgaben, aber zum Glück waren die nicht starr, sondern der Autoverband liess mit sich reden. Wir fahren in Baku an einer Stadtmauer vorbei aus dem 12. Jahrhundert, die konnten wir schlecht verschieben! Aber das macht die Piste ja auch so besonders. Baku ist auch für uns als Pistenbauer ein echtes Erlebnis. Man wirft der Formel 1 ja immer eine gewisse Sterilität vor. Das kann in Aserbaidschan gewiss keiner behaupten.»

Tilke erzählte auch eine Anekdote über das grosse Gebäude, Hintergrund des Formel-1-Fahrerlagers: «Das heisst zwar «Government House», ist aber nicht der eigentliche Regierungssitz, sondern da sind verschiedene Ministerien untergebracht – ein tolles Monumentalgebäude, zu dem in Baku eine Geschichte kursiert, von der ich zugeben muss: Ich weiss nicht, ob sie stimmt. Das Gebäude wurde zwischen 1936 und 1952 erstellt, teilweise mit Hilfe von deutschen Kriegsgefangenen. In Baku hält sich die Story, die Deutschen seien an einem gewissen Punkt in den Streik getreten. Sie wollten nicht mehr weiterarbeiten, weil sie fanden: Die Zementqualität sei zu schlecht. Sie haben erst dann die Arbeit wiederaufgenommen, als sie besseren Zement bekommen haben. Die Geschichte ist heute ein urbaner Mythos von Baku.»

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