History Spanien-GP: Als der Sieger Rolls-Royce fuhr

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Der Grosse Preis von Spanien war immer schon für ungewöhnliche Stories gut: Vom Beginn im Oval (nein, wirklich!) über Geflügel auf und neben der Strecke bis zu denkwürdigen Fotofinishes.

Rey Felipe VI. mag ja das Staatsoberhaupt von Spanien sein, aber für Formel-1-Fans ist ein Deutscher der König von Spanien: Michael Schumacher – sechs Mal konnte die Rennfahrerlegende den spanischen WM-Lauf gewinnen.

Zum 29. Mal gastiert der GP-Zirkus im Rahmen der Formel-1-WM auf der Renntrecke «Circuit de Barcelona-Catalunya» ausserhalb der katalanischen Metropole. Seit 1991 findet der Spanien-GP ununterbrochen auf diesem Kurs statt, dem vor einigen Jahren das Wort Barcelona beigefügt wurde, um den Tourismus anzukurbeln. Nötig ist das eigentlich nicht: 2017 und 2018 kamen jeweils mehr als zehn Millionen Touristen nach Barcelona, auch ohne Autorennen.

Bis heute der erfolgreichste Fahrer im Spanien-GP: Rennlegende Michael Schumacher, mit sechs Siegen. Der Deutsche triumphierte 1995 mit Benetton und dann mit Ferrari 1996 sowie vier Mal in Folge von 2001 bis 2004! Von den aktuellen Piloten hat nur Lewis Hamilton mehr als zwei Mal gewinnen können: Kimi Räikkönen 2005 und 2008, Lewis Hamilton 2014, 2017 und 2018.

Die Anfänge des Spanien-GP gehen auf 1913 zurück, aber was damals «Grosser Preis» genannt wurde und in Guadarrama bei Madrid ausgetragen wurde, war eine Mogelpackung – ein Rennen unter Tourenwagen-Regeln. Es siegte Rolls-Royce-Fahrer Carlos de Salamanca. Zuvor gab es den Katalonien-Cup von 1908 und 1909 in Sitges bei Barcelona. Ein waschechter Spanien-GP war das auch nicht, obschon ein echter Grand-Prix-Haudegen gewann – der Franzose Jules Goux, der 1913 beim Indy 500 triumphieren sollte (als erster Nicht-Amerikaner übrigens).

Und damit kommen wir zur Frage für die spanische Version von «Wer wird Millionär?»: Wie hiess die erste permanente Rennstrecke von Spanien? Die Wenigsten wissen es, «Autódromo Nacional de Terramar», in Sitges – ein Oval!

Das Layout mit bis zu 60 Grad überhöhten Steilkurven ging auf Jaume Mestres zurück. Die Bauarbeiten dauerten 300 Tage, die Piste kostete damals 4 Millionen Peseten (heute rund 400.000 Euro).

Das erste Rennen fand am 28. Oktober 1923 statt – ausgetragen für Zweiliter-GP-Renner. Erster im Ziel war Albert Divo auf Sunbeam vor dem Grafen Louis Zborowski auf Miller sowie Alfonso Carreras mit einem Elizalde.

Nur fünf Fahrer sahen bei dem 200-Runden-Rennen (= 400 km) die Zielflagge, zwei schieden aus. Damit ist auch klar: Es gingen magere sieben Piloten ins Rennen. Sieben weitere tauchten nie auf, einschliesslich des US-Stars Jimmy Murphy und der kompletten Benz-Renntruppe.

Der richtige Rummel begann nach dem Rennen: Wegen unbezahlter Rechnungen waren die GP-Veranstalter nicht in der Lage, den Piloten ihr Preisgeld auszuzahlen. Der spanische Verband kannte da kein Pardon und belegte das Oval mit einem Austragungsverbot für internationale Rennen. Das letzte Autorennen in diesem Oval fand in den 50er Jahren statt.

Am Zweikilometer-Oval südwestlich von Barcelona nagt der Zahn der Zeit, aber aufgrund der hervorragenden Bausubstanz hält sich der Nudeltopf wacker. Die meisten Gäste heute sind – Hühner. Der grösste Teil des Geländes wird von einer Hühnerzucht belegt. Ungebetene Gäste werden vom Züchter gerne mit seinen Hunden verjagt.

Einen Barcelona-GP gab es in vier verschiedenen Formen: Im Oval von Sitges, auf dem Kurs von Pedralbes, am Berg Montjuich sowie auf der heutigen Rennstrecke bei Montmelo. 1969 führten Flügelbrüche an den Lotus von Graham Hill und Jochen Rindt dazu, dass der Autosportverband einschritt und die Flügelauswüchse von heute auf morgen verbot. Der schwere Unfall von Rolf Stommelen 1975 schickte den Strassenkurs von Montjuich in Rente.

Von 1968 bis 1975 fand das Rennen abwechslungsweise in Montjuich und ausserhalb von Madrid statt, in Jarama. Besonders eindrucksvoll, wie 1981 Gilles Villeneuve seine Gegner hinter sich hielt. Sein einziger Vorteil war der Speed auf der Start/Ziel-Geraden. Dort fuhr der Kanadier exakt so schnell und platzierte seinen Wagen derart geschickt, dass er 28 Runden lang einen D-Zug von Rivalen im Rückspiegel halten konnte. Mehrfach lag Ligier-Fahrer Jacques Laffite gleichauf, aber es reichte nicht. Die ersten Fünf Gilles Villeneuve, Jacques Laffite, John Watson, Carlos Reutemann und Elio de Angelis lagen innerhalb von nur 1,24 Sekunden.

1986 bis 1990 wurde der Grosse Preis von Spanien in Andalusien ausgetragen, in Jerez de la Frontera. Unvergessen, wie 1986 der schwarze Lotus von Ayrton Senna mit 14 Tausendstelsekunden Vorsprung auf Nigel Mansells Williams über die Ziellinie fuhr – die Fans riss es von den Sitzen.

Zurück in die jüngere GP-Geschichte: Max Verstappen machte sich 2016 mit seinem Debütsieg in Diensten von Red Bull Racing zum jüngsten Grand-Prix-Sieger – mit 18 Jahren und 228 Tagen. Die alte Bestmarke hielt Sebastian Vettel mit seinem Triumph in Monza 2008 (21 Jahre und 74 Tage).

Für vier GP-Piloten war Spanien der erste Formel-1-Sieg ihrer Karriere: Niki Lauda 1974, Jochen Mass 1975, Pastor Madonado 2012 sowie besagter Max 2016.

Für Williams ist Spanien kein Grand Prix wie jeder andere. «Williams Grand Prix Engineering» brachte beim Spanien-GP 1977 einen March an den Start, der Belgier Patrick Nève (am 12. März 2017 verstorben) wurde Zwölfter, die Geburtsstunde des heute drittältesten und dritterfolgreichsten Rennstalls (nach Ferrari und McLaren). In Barcelona konnte Williams auch vorderhand zum letzten Mal gewinnen (mit obigem Maldonado), das war 2012. Heute fragen sich die Fans bange: Ob Williams je wieder einmal einen Grand Prix gewinnen wird?

Kurios: Gemäss Statistik ist die Pole-Position in Spanien wichtiger als auf dem Strassenkurs von Monaco. Im Verhältnis haben mehr Fahrer in Spanien vom ersten Startplatz aus gewonnen als auf dem Traditionskurs von Monte Carlo.

Michael Schumacher, König von Spanien

Einer der schönsten Renntage auf dem Circuit de Catalunya war einer unter miesestem Wetter: Vor 23 Jahren errang Michael Schumacher hier seinen ersten Grand-Prix-Erfolg für Ferrari. Es war eine Fahrt, die keiner vergisst, wer dem begnadeten Ausnahmekönner an jenem 2. Juni 1996 zuschauen durfte. Schumacher fuhr förmlich Kreise um die Gegner, in zahlreichen Kurven wählte der Deutsche ganz andere Linien, das hatte er aus dem Kartsport in die Formel 1 mitgebracht.

Am Ende kam Schumi damals 45 Sekunden vor Jean Alesi ins Ziel, eine Weltreise, nur noch Jacques Villeneuve schaffte es, in der gleichen Runde zu bleiben, der viertplatzierte Heinz-Harald Frentzen war bereits überrundet, Pedro Diniz als Sechster hatte schon zwei Runden Rückstand, alle anderen kreiselten von der Bahn oder schieden durch Defekte oder Kollisionen aus. Regenmeister Rudi Caracciola hatte seinen legitimen Nachfolger gefunden.

Im Anschluss an den Grand Prix warteten wir alle im Konferenzraum auf Michael Schumacher, aber es kam niemand. Nach knapp einer Viertelstunde knallte eine Tür auf und im Rahmen stand – der damalige König von Spanien, Juan Carlos I.

Mir ist bis heute nicht klar, wer die grösseren Augen gemacht hat, das Staatsoberhaupt oder die Journalistenschar. Der König trug einen komplett durchnässten, eigentlich beigen Regenmantel, nun eher dunkelbraun, um ihn herum bildete sich langsam eine kleine Pfütze, dann sagte er mit einer lässigen Handbewegung: «Ich habe nichts zu verkünden!»

Wir waren alle komplett baff, dann brach Gelächter aus, der König lachte herzhaft mit und stürmte dann diagonal durch den Raum und verschwand erklärungsfrei durch eine andere Tür.

Es dauerte ungefähr eine halbe Minute, da knallte es erneut in den Angeln, dieses Mal stürmten vier Bodyguards in den Raum, milde Panik in ihren Augen – sie hatten ihren König verloren. «Da lang!» zeigten wir den Königslosen die Richtung, sie trampelten irritiert von dannen.

Und erst dann kamen die ersten Drei des Rennens, mit dem anderen König von Spanien: Michael Schumacher.

Spanien-GP: Das Goldene Buch

1913 Guadarrama: Carlos de Salamanca (E), Rolls Royce
1923 Sitges: Albert Divo (F), Sunbeam
1926 Lasarte: Bartolomeo Costantini (I), Bugatti
1927 Lasarte: Robert Benoist (F), Bugatti
1928 Lasarte: Louis Chiron (MC), Bugatti
1929 Lasarte: Louis Chiron (MC), Bugatti
1933 Lasarte: Louis Chiron (MC), Alfa Romeo
1934 Lasarte: Luigi Fagioli (I), Mercedes-Benz
1935 Lasarte: Rudolf Caracciola (D), Mercedes-Benz
1951 Pedralbes: Juan Manuel Fangio (RA), Alfa Romeo
1954 Pedralbes: Mike Hawthorn (GB), Ferrari
1967 Jarama: Jim Clark (GB), Lotus
1968 Jarama: Graham Hill (GB), Lotus
1969 Montjuich: Jackie Stewart (GB), Matra
1970 Jarama: Jackie Stewart (GB), March
1971 Montjuich: Jackie Stewart (GB), Tyrrell
1972 Jarama: Emerson Fittipaldi (BR), Lotus
1973 Montjuich: Emerson Fittipaldi (BR), Lotus
1974 Jarama: Niki Lauda (A), Ferrari
1975 Montjuich: Jochen Mass (D), McLaren
1976 Jarama: James Hunt (GB), McLaren
1977 Jarama: Mario Andretti (USA), Lotus
1978 Jarama: Mario Andretti (USA), Lotus
1979 Jarama: Patrick Depailler (F), Ligier
1980 Jarama: Alan Jones (AUS), Williams
1981 Jarama: Gilles Villeneuve (CDN), Ferrari
1986 Jerez: Ayrton Senna (BR), Lotus
1987 Jerez: Nigel Mansell (GB), Williams
1988 Jerez: Alain Prost (F), McLaren
1989 Jerez: Ayrton Senna (BR), McLaren
1990 Jerez: Alain Prost (F), Ferrari
1991 Barcelona: Nigel Mansell (GB), Williams
1992 Barcelona: Nigel Mansell (GB), Williams
1993 Barcelona: Alain Prost (F), Williams
1994 Barcelona: Damon Hill (GB), Williams
1995 Barcelona: Michael Schumacher (D), Benetton
1996 Barcelona: Michael Schumacher (D), Ferrari
1997 Barcelona: Jacques Villeneuve (CDN), Williams
1998 Barcelona: Mika Häkkinen (FIN), McLaren
1999 Barcelona: Mika Häkkinen (FIN), McLaren
2000 Barcelona: Mika Häkkinen (FIN), McLaren
2001 Barcelona: Michael Schumacher (D), Ferrari
2002 Barcelona: Michael Schumacher (D), Ferrari
2003 Barcelona: Michael Schumacher (D), Ferrari
2004 Barcelona: Michael Schumacher (D), Ferrari
2005 Barcelona: Kimi Räikkönen (FIN), McLaren
2006 Barcelona: Fernando Alonso (E), Renault
2007 Barcelona: Felipe Massa (BR), Ferrari
2008 Barcelona: Kimi Räikkönen (FIN), Ferrari
2009 Barcelona: Jenson Button (GB), BrawnGP
2010 Barcelona: Mark Webber (AUS), Red Bull Racing
2011 Barcelona: Sebastian Vettel (D), Red Bull Racing
2012 Barcelona: Pastor Maldonado (YV), Williams
2013 Barcelona: Fernando Alonso (E), Ferrari
2014 Barcelona: Lewis Hamilton (GB), Mercedes
2015 Barcelona: Nico Rosberg (D), Mercedes
2016 Barcelona: Max Verstappen (NL), Red Bull Racing
2017 Barcelona: Lewis Hamilton (GB), Mercedes
2018 Barcelona: Lewis Hamilton (GB), Mercedes

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