Corona-Krise in Frankreich: F1-Rennen erst im August

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Der Virus SARS-Cov-2 trifft Nationen weltweit, inzwischen in 196 Ländern. Wir haben uns unter unseren Kollegen umgehört, wie sie die Situation in ihrem Land empfinden und wie es weitergehen soll.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es kein Thema gegeben, welches die Menschen auf unserem Erdball so beschäftigt, verängstigt und einschränkt wie der Virus SARS-Cov-2, welcher zur Lungenkrankheit Covid-19 führen kann. Mehr als 410.000 Menschen sind weltweit erkrankt, mehr als 18.300 Menschen sind daran gestorben.

In China, von wo sich der Virus verbreitet hat, gehen die Erkrankungsfälle zurück. Am 22. März gab es dort nur noch 39 neue Fälle, insgesamt sind es 81.171, bei 3277 Todesfällen, 7 davon am 23. März. 73.159 Menschen in China sind wieder gesund. Das grösste Corona-Krisengebiet ist inzwischen Europa, in Italien und Spanien wütet SARS-Cov-2 besonders heftig, gefolgt von Deutschland und Frankreich. Auch die Zuwachszahlen aus den USA und in Grossbritannien sind überaus besorgniserregend.

Wir haben uns bei verschiedenen Kollegen auf der ganzen Welt umgehört, wie sich die Lage aus ihrer ganz persönlichen Sicht präsentiert und wie sie glauben, wann wir zu so etwas wie Normalität zurückkehren können.

Joe Saward ist zwar in England geboren, lebt aber seit vielen Jahren in Frankreich. Er schreibt seit den 80er Jahren über die Formel 1. Sein Blog www.joeblogsf1.com wird in der Branche hoch geschätzt, zusammen mit David Tremayne und Peter Nygaard bringt er nach jedem WM-Lauf www.grandprixplus.com heraus. Jean-Michel arbeitet seit vielen Jahren für das renommierte Magazin AUTOhebdo.

Joe, Jean-Michel – wie erlebt ihr die in Frankreich getroffenen Massnahmen gegen Corona?

Joe: Das Land ist quasi gesperrt. Wenn ich vor die Tür will, muss ich ein Formular ausfüllen. Ich darf das Zuhause nur verlassen, um Essen zu kaufen, Verwandte in Not zu besuchen oder einen Arzt zu konsultieren. Der Weg zur Arbeit entfällt, ich arbeite ohnehin zuhause. Alle Läden sind geschlossen, ausser Lebensmittel, Apotheken, Tankstellen.

Jean-Michel: Wer immer von zuhause arbeiten kann, tut das. Auch bei Besuchen in der Verwandtschaft musst du Sicherheitsabstände wahren. Und wenn du trainieren willst, dann darfst du das nur alleine und in unmitttelbarer Nähe deines Zuhauses.

Frankreich hat am viertmeisten Corona-Fälle in Europa, nach Italien, Spanien und Deutschland, es sind nach jüngstem Stand 19.856, in den letzten 24 Stunden sind 860 neue hinzugekommen. Das sind viele, aber gemessen an Italien (5249 neue Fälle in nur 24 Stunden, 743 weitere Todesopfer) eher wenige.

Joe: Es war unvermeidlich, dass sich der Virus ausbreitet. Frankreich hat mit den Einschränkungen für die Bürger das Richtige getan, ich finde, es ist besser reagiert worden als in anderen Ländern. Die Chinesen haben vorgemacht, wie das geht.

Jean-Michel: Ich finde die Verbreitung in Frankreich, gemessen an anderen Ländern, moderat, kein Vergleich zu Italien und Spanien. Aber die nächsten paar Tage werden entscheiden, wie das weitergeht. Die Regierung hat richtig reagiert, obgleich ein wenig spät. Wir hätten früher Schotten dichtmachen müssen. Wir haben auch einen schlimmen Mangel an Schutzmasken und Tests. Als klar war, was in China abgeht, hätte man schneller handeln müssen.

Wie hält euer Gesundheitswesen dieser enormen Belastung stand?

Jean-Michel: Der Druck vor allem im Osten und in der Region Paris ist enorm.

Joe: Die Zahlen steigen noch immer. Die Armee stellt Hilfs-Lazarette auf. Einige Kranke werden in andere Regionen gebracht, weil die Beatmungsgeräte in ihrer eigenen Region zu knapp sind.

Haben wir das alles zu wenig ernst genommen?

Joe: Ich glaube, ganz Westeuropa hat das unterschätzt, aber wie Jean-Michel sagt – Frankreich macht das gemessen an Italien und Spanien nicht schlecht. Enorme Sorgen mache ich mir um Grossbritannien.

Jean-Michel: Zu Beginn haben wir doch alle gedacht, das sei eine Art Grippe, welche vor allem Alte und Kranke gefährdet. Die Wahrheit ist: Das ist viel schlimmer und betrifft alle Menschen.

Wie hat sich euer tägliches Leben verändert?

Jean-Michel: Als Formel-1-Journalist bist du ein moderner Nomade. Mein Wochenmagazin AUTOhebdo ist eingestellt, weil wir den Vertrieb nicht sicherstellen konnten. Wir konzentrieren uns auf die Online-Arbeit. Mich beschäftigt die Ungewissheit, das ist eine Belastung. Journalisten erhalten gerne Antworten, und hier gibt es keine.

Joe: Ich reise einfach nicht zu Autorennen, das ist die grösste Einschränkung. Ich komme damit klar. Da müssen wir jetzt alle durch.

Wie geht das alles in Frankreich weiter?

Joe: Ich hoffe, dass sich die Einschränkungen in sinkenden Zahlen bemerkbar machen.

Jean-Michel: Vorderhand gelten die ganzen Vorschriften bis 30. März, aber ich schätze, das wird um mindestens zwei Wochen verlängert. Ich fürchte, die grosse Welle kommt erst noch. Die nächsten paar Tage werden für das Gesundheitssystem zur Zerreissprobe.

Wie wird sich die Corona-Krise auf den nationalen Sport auswirken?

Jean-Michel: Wir werden eine Zeitrechnung vor und nach Corona haben. Alle werden finanziell leiden, Einige werden sich davon nicht erholen.

Joe: Das wird übel.

Wann glaubt ihr, dass wir mit einer Formel-1-Saison beginnen können?

Joe: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir vor ursprünglichen Sommerpause Rennen erleben, das wäre also August. Ich glaube sogar, die Formel 1 wird Mühe haben, einen Kalender aufzustellen, der eine Weltmeisterschaft ergibt.

Jean-Michel: Viel wird davon abhängen, wie Grossbritannien mit der Krise umgeht. Wenn die Lage da bis in den Juni hinein schwierig bleibt, dann sehe auch ich keine Rennen vor August.

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