Geisterrennen: Die Medien müssen sich gedulden

Von Günther Wiesinger
Formel 1
Die schöne Aussicht vom Media Centre in Spielberg wird in diesem Jahr keiner der Journalisten geniessen

Die schöne Aussicht vom Media Centre in Spielberg wird in diesem Jahr keiner der Journalisten geniessen

Bereits im Juli will die Formel-1-WM in Spielberg die Saison starten – ohne Zuschauer oder Medien im Fahrerlager. Das macht durchaus Sinn, weil es derzeit andere Prioritäten gibt.

Die grossen Motorsport-Weltmeisterschaften wollen im Sommer wieder loslegen, wobei die Formel 1 mit dem anvisierten ersten Renntermin am 5. Juli den Anfang macht. Das erste Rennen der Saison soll auf dem Red Bull Ring über die Bühne gehen und unter besonderen Bedingungen stattfinden. So sollen vorerst nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Medien draussen bleiben. Nur eine kleine Gruppe von Journalisten, die für die Formel-1-Führung arbeiten, soll vor Ort dabei sein. Und das sorgt bei einigen Kollegen für Kritik.

Bei der Motorrad-WM werden jetzt speziell aus Spanien und Italien, wo die MotoGP-WM einen extrem hohen Stellenwert genießt und viele Teams und Topfahrer zuhause sind, Forderungen laut, die WM-Promoterin Dorna solle eine gewisse Anzahl von schreibenden Journalisten im Paddock zulassen, denn es bestehe eine Informationspflicht. Die Dorna dürfe kein Arbeitsverbot verhängen.

Aber die Dorna ist an die Vorschriften und Verordnungen der Regierungen und Gesundheitsbehörden gebunden. Meiner Meinung nach sollte zuerst einmal – im Interesse des ganzen Sports – der Saisonstart gewährleistet werden, damit nicht die ganze Saison 2020 dem Coronavirus zum Opfer fällt.

Die ganze Welt musste sich in den letzten Wochen an Ausgangsbeschränkungen, Hausarreste, Quarantänebestimmungen, Reiseverbote, Grenzschließungen, Flugverbote, Versammlungsverbote, an Plexiglasscheiben, ans Maskentragen, ans Abstandhalten und an gesperrte Geschäfte, Restaurants und Hotels gewöhnen, dazu an Absagen von Sport- und Kulturveranstaltungen.

Deshalb wird sich das Weltgeschehen weiterdrehen, wenn einzelne Grand Prix vorläufig ohne Berichterstatter vor Ort über die Bühne gehen müssen. Es existieren im Gegensatz zu früher moderne Kommunikationsmittel, die so eine Situation erträglich machen.

Wenn ganze Konzerne vorläufig mit virtuellen Plattformen für Telefonkonferenzen (wie Zoom oder MS Team) geleitet werden können, werden die Teams und Werke auch Möglichkeiten finden, ein paar lichtvolle Messages in die Welt zu posaunen.

Wie in einer Grossfamilie

Wer sich einbildet, die WM-Promoter in der Formel 1 oder MotoGP nutzen die Viruskrise nur als Vorwand, um unliebsame Journalisten loszuwerden, macht es sich zu leicht. Denn auch die Sportjournalisten in anderen Disziplinen müssen sich zu Zeiten der Covid-19-Pandemie mit neuen Arbeitsmethoden und Gegebenheiten abfinden.

In Italien entscheidet sich zum Beispiel erst am 18. Mai, ob die Serie-A im Frühjahr überhaupt neu gestartet wird. In Deutschland startet die Fußball-Bundesliga am kommenden Wochenende. Das DFL-Konzept für Wiederaufnahme der Saison für die 36 Profivereine beinhaltet zahlreiche einschneidende Maßnahmen.

Das angesprochene Konzept besteht aus drei Säulen: Infektmonitoring, also Protokollierung bestehender oder vorher aufgetretener Infektionen, die Anpassung der Trainingsstätten und Stadien mit ansteckungsminimierenden Maßnahmen und regelmäßige Tests unter Spielern und Betreuern. Manche Berechnungen gehen bei den 36 Clubs von knapp 20.000 Corona-Tests aus.

Was die Hygienevorschriften betrifft, so wird man im Paddock der Formel 1, der MotoGP, Superbike oder Motocross-WM ähnliche Maßnahmen vorfinden. Formel-1-Sportchef Ross Brawn verspricht etwa: «Jeder, der ins Fahrerlager kommt, wird getestet. Und auch nach der Freigabe werde alle zwei Tage ein Test von einer autorisierten Behörde durchgeführt. «Die Teams werden unter sich bleiben, sie werden sich nicht mit Teammitgliedern von anderen Rennställen austauschen und hauptsächlich in ihren eigenen Hotels bleiben. Es wird keine Motorhomes geben.»

Die Abstandswahrung bleibt natürlich das oberste Gebot, dazu sollen die Teams wie in einer Großfamilie leben und sich im Idealfall nicht untereinander vermischen, weder bei der Anreise, noch bei der Verpflegung, noch in den Boxen und in den Hotels. Teamfotos, Handshakes und Umarmungen sind unerwünscht, häufiges Händewaschen wird empfohlen, im Paddock und an den Boxen sollen die Türen möglichst geöffnet bleiben.

Erschwerte Bedingungen

Selbst wenn die Serien-Verantwortlichen eine geringe Anzahl von GP-Berichterstattern zulassen würde, wäre mit Erschwernissen zu rechnen. Jeder Reporter müsste vor der Abreise einen Virustest machen, bei der Ankunft wieder, die Tests kosten jeweils zwischen 50 und 200 Euro. Diese Kosten müssten selber getragen werden. Sie sind für Einzelpersonen ohne Symptome nicht überall erhältlich.

Dazu dürften die Testergebnisse bei der Einreise ins jeweilige GP-Land nicht älter als vier Tage sein. Das könnte bei Berichterstattern aus Japan, Amerika oder sonstwo zu Komplikationen führen.

Denn ein Vorschlag könnte lauten: Aus jedem Sprachraum (Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Japanisch, Deutschland) soll einem Berichterstatter der Zugang zum Paddock und Media Centre ermöglicht werden. Dieser Pool soll dann alle Daheimgebliebenen beliefern.

Ganz ausgereift wirkt diese Idee nicht: Wenn einer von fünf Reportern auf eine Falschinformation hereinfällt, was jedem Kollegen passieren kann, wird sie dann in den Fachmedien auf der ganzen Welt unwidersprochen kolportiert?

Konzentration aufs Wesentliche

In knapp zwei Monaten kann die Verbreitung des Virus auch in den bisher stark betroffenen Ländern weiter eingedämmt werden. Es kann auch aber zu einer zweiten Infektionswelle kommen. Das zeigte sich in Singapur und Südkorea. Sogar in Deutschland sind jetzt neue Cluster entstanden.

Deshalb weiß niemand, ob bis Mitte Juli alle Reiseverwarnungen in Europa aufgehoben und alle Linienflüge fliegen werden. Alle reiselustigen GP-Berichterstatter, die sich im GP-Paddock als unabkömmlich betrachten, sollen sich noch sechs Wochen zurücklehnen und einen Blick auf die Fußball-Kollegen werfen.

In der Deutschen Bundesliga dürfen alle nötigen On-Air-TV-Reporter ins Stadion. Denn ihre Sender bezahlen pro Runde ca. 63 Millionen Euro an die Clubs. Dazu werden zehn Journalisten von den Print- und Online-Medien zugelassen. Vier Plätze davon sind fix für die großen Verlage wie Axel Springer-Titel (Bild, Sport-Bild), die Agentur SID und das Fachmagazin Kicker vorgesehen. Sechs Plätze verteilt der Heimklub auf die regionalen und lokalen Print- und Online-Medien. Dazu kommt eine Beschränkung auf zwei externe Fotografen pro Match.

In einer weltweiten Serie wie der MotoGP oder der Formel 1 könnte es Monate dauern, bis eine Einigung über eine halbwegs faire Verteilung der Plätze erzielt wird. Und 98 Prozent der Daheimgebliebenen wären trotzdem beleidigt oder frustriert.

Bisher weiß niemand, ob die Behörden für Jerez und Spielberg (in Österreich kommt der Maßnahmenkatalog der Regierung erst Ende Mai auf den Tisch) für die GP-Austragung grünes Licht geben.

Deshalb sollten wir den Verantwortlichen bei der Dorna und der FOM vorläufig Zeit geben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, also auf den Neustart der Saison. Dann kann die ungewöhnliche Saison vielleicht zumindest ohne riesige Verluste abgeschlossen werden.

Denn unser Kurzzeitgedächtnis sagt uns: Vor vier Wochen lag noch ein ganz anderes «worst case»-Szenario als jetzt auf dem Tisch. Damals befürchtete sogar Dorna-CEO Carmelo Ezpeleta: «Wir können womöglich erst wieder an MotoGP-Rennen denken, wenn weltweit ein Impfstoff angeboten wird.» Das wird bekanntlich mindestens noch ein Jahr dauern. Gegen die Immunschwächekrankheit AIDS existiert bis heute keiner.

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