Andreas Seidl (McLaren): «Wir haben’s krachen lassen»

Von Mathias Brunner
Die McLaren-Mannschaft ist als Doppelsieger von Monza nach Russland gereist. Teamchef Andreas Seidl über den fabelhaften Sieg von Daniel Ricciardo und die Rückkehr des zweitältsten GP-Teams an die Spitze.

Sonntagabend in Monza: Immer wieder treibt McLaren-Teamchef Andreas Seidl seine Mannschaft zu Sprech-Chören an, der Passauer ist nach dem ersten McLaren-Sieg seit 2012 voller Energie. Und auch Sonntagnacht liess es Seidl tüchtig krachen, wie er später bestätigte. «Es ist eine Weile her, dass wir einen Sieg feiern konnten. Deswegen war es auch für mich wichtig. Wir leben von diesen Emotionen. Es war super zu sehen, welche Energien da freigesetzt wurden. Es war ein intensives Wochenende. Es ging auch an der Stecke sehr lang. Daniel Ricciardo ist später direkt ins Bett gegangen, so dass ich die Party mit den Jungs an der Bar übernommen habe. Wir haben dann auch eine Feier in Woking gemacht.»

Beim McLaren-Werk von Woking wurden die drei Monza-Pokale (Sieger Daniel Ricciardo, Zweiter Lando Norris, siegreicher Konstrukteur) auf der Wiese vor dem Rennwagenwerk gefeiert, jeder wollte ein Foto mit den Piloten und den Trophäen schiessen. Später stellte der Australier seine Auszeichnung sichtlich berührt neben einen Pokal von Ayrton Senna.

Hand aufs Herz: Was ist Andreas Seidl in der letzten Runde des Italien-GP in Monza durch den Kopf gegangen, als Ricciardo vor Norris die Ziellinie kreuzte? Der Bayer auf diese Frage von SPEEDWEEK.com: «Ich war einfach glücklich für alle im Team. Ich konnte die Menschen um mich herum feiern sehen. Ich wusste, was ihnen der Sieg nach einer so langen Wartezeit bedeutet. Wir haben Mitarbeiter, die wussten, wie sich ein GP-Sieg anfühlt, die aber dann durch dunkle Tage schreiten mussten. Wir haben aber auch viele junge Angestellte, die dieses Gefühl noch nicht auskosten konnten, weil sie erst in den letzten paar Jahren zu uns gestossen sind. Ich war unendlich froh, dass sie alle für ihre harte Arbeit endlich belohnt wurden.»

«Für mich persönlich ist der Sieg die Bestätigung, dass McLaren auf dem richtigen Weg ist. Unser Ziel besteht darin, bei jedem Rennen ein Wörtchen um den Sieg mitreden zu können und eines Tages wieder Weltmeister zu werden.»

Wie wichtig war es, diesen Sieg abzuhaken, bevor die Formel 1 im Jahre 2022 mit einer ganz neuen Rennwagengeneration auftritt? Andreas Seidl weiter: «Monza war ein fabelhafter Tag für das ganze Team, wir alle leben für diese Momente des Glücks, der starken Emotionen. Aber im Zentrum meiner Überlegungen steht nicht ein Resultat bei einem einzelnen Grand Prix, sondern das Bestreben, den Rennstall nach vorne zu bringen.»

«Gleichzeitig machte es schon Freude zu sehen: Wir konnten unter Druck und gegen starke Gegner bestehen, wir hatten ein konkurrenzfähiges und standfestes Auto, der Monza-Sieg samt bester Rennrunde ist uns nicht geschenkt worden. Monza war auch wichtig, weil wir es in Ungarn, Belgien und den Niederlanden verpasst hatten, das Beste aus unseren Möglichkeiten zu machen. Wir standen in Italien unter Druck, und wir haben diesem Druck standgehalten, auch mit soliden Boxenstopps und der richtigen Rennstrategie. Das nährt in mir die Zuversicht, dass schon viele Puzzle-Teilchen im Team am richtigen Ort liegen, um uns auch dann zu behaupten, wenn wir mit den Top-Teams um Podestplätze und Siege kämpfen werden.»

Für Daniel Ricciardo war der achte Sieg (sein erster seit Monaco 2018) ein Befreiungsschlag. Seidl bei Sport1: «Der Sieg war verdammt wichtig nach einer schwierigen Eingewöhnung bei uns. Daniel hatte in der Vergangenheit gezeigt, dass er einer der Besten ist. Deswegen wollten wir ihn zu McLaren holen. Ich hoffe, dass er jetzt zu alter Stärke zurückgekehrt ist. Wir brauchen zwei bockstarke Fahrer, um den Sprung an die Spitze erfolgreich zu gestalten. Red Bull Racing und Mercedes können immer um den Sieg fahren, das können wir noch nicht. Trotzdem wird es diese Saison noch Chancen geben. Vielleicht schon in Sotschi. Trotzdem haben wir ein realistisches Bild. Wir wissen, dass uns die andern noch voraus sind. Der Kampf um Platz 3 gegen Ferrari wird noch hart werden.»

Andreas Seidl über seine Rolle als Leitwolf bei McLaren: «Es geht nicht um mich, sondern um McLaren. Aber ich habe eine deutliche Vorstellung davon, wie wir an die Spitze zurückkehren. Alles muss klar aufgestellt sein. Jeder muss wissen, dass es ums Team geht. Jeder soll sich wertgeschätzt fühlen. Das versuche ich vorzuleben. Da haben wir einige Schritte nach vorne gemacht.»

«Gleichzeitig behalten wir die Füsse hübsch auf dem Teppich, denn wir wissen, wo wir stehen. Im Vergleich zu Red Bull Racing und Mercedes haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft bei jedem Rennwochenende um den Sieg fahren können. Wir sind sehr ambitioniert. Trotzdem ist es wichtig, realistisch zu bleiben. Wir habe einige Defizite, vor allem in der Infrastruktur. Vor allem beim Windkanal, der uns fehlt. Erst 2024 wird es das erste Auto geben, das dort entwickelt wird. Wir werden versuchen, diese Reise durch die neuen Regularien abzukürzen. Wir kämpfen gegen die Besten der Besten. Siege wie zuletzt in Monza geben neue Energie.»

Grand Prix von Italien

01. Daniel Ricciardo (AUS), McLaren MCL35M-Mercedes
02. Lando Norris (GB), McLaren MCL35M-Mercedes
03. Valtteri Bottas (FIN), Mercedes W12
04. Charles Leclerc (MC), Ferrari SF21
05. Sergio Pérez (MEX), Red Bull Racing RB16B-Honda
06. Carlos Sainz (E), Ferrari SF21
07. Lance Stroll (CDN), Aston Martin AMR21-Mercedes
08. Fernando Alonso (E), Alpine A521-Renault
09. George Russell (GB), Williams FW43B-Mercedes
10. Esteban Ocon (F), Alpine A521-Renault
11. Nicholas Latifi (CDN), Williams FW43B-Mercedes
12. Sebastian Vettel (D), Aston Martin AMR21-Mercedes
13. Antonio Giovinazzi (I), Alfa Romeo C41-Ferrari
14. Robert Kubica (PL), Alfa Romeo C41-Ferrari
15. Mick Schumacher (D), Haas VF-21-Ferrari
Out
Nikita Mazepin (RUS), Haas VF-21-Ferrari (Motorschaden)
Lewis Hamilton (GB), Mercedes W12 (Unfall)
Max Verstappen (NL), Red Bull Racing RB16B-Honda (Unfall)
Pierre Gasly (F), AlphaTauri AT02-Honda (Aufhängungsdefekt)
Yuki Tsunoda (J), AlphaTauri AT02-Honda (Bremsdefekt)

WM-Stand nach 14 von 21 Rennen

Fahrer
1. Verstappen 226,5 Punkte
2. Hamilton 221,5
3. Bottas 141
4. Norris 132
5. Pérez 118
6. Leclerc 104
7. Sainz 97,5
8. Ricciardo 83
9. Gasly 66
10. Alonso 50
11. Ocon 45
12. Vettel 35
13. Stroll 24
14. Tsunoda 18
15. Russell 15
16. Latifi 7
17. Räikkönen 2
18. Giovinazzi 1
19. Schumacher 0
20. Kubica 0
21. Mazepin 0

Teams
1. Mercedes 362,5
2. Red Bull Racing 344,5
3. McLaren 215
5. Ferrari 201.5
5. Alpine 95
6. AlphaTauri 84
7. Aston Martin 59
8. Williams 22
9. Alfa Romeo 3
10. Haas 0

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