Gustl Auinger: «Fausto war ein großartiger Mensch»

Von Günther Wiesinger
Moto3
«Fausto Gresini war als Teamchef immer auf der Seite seiner Fahrer», sagt Ex-Rivale Gustl Auinger. «Er ist unersetzlich. Er wird in unserer Erinnerung ewig weiterleben.»

Fausto Gresini hat als Rennfahrer der 125-ccm-Weltmeisterschaft über Jahre hinweg den Stempel aufgedrückt, er hat 21 GP-Siege gefeiert und den WM-Titel 1985 und 1987 gewonnen. Aber der 165 cm kleine Italiener riskierte nie den Aufstieg in die 250-ccm-Klasse, er kannte seine körperlichen und fahrerischen Grenzen. Und er wusste, dass er seine Erfolge auch mit dem konkurrenzfähigen Material zu tun hatten – mit den überragend schnellen Zweizylinder-Werks-Garelli. Als 1988 die Zweizylinder verbannt wurden und die meisten Asse auf Honda antraten, fielen die GP-Siege für Gresini spärlicher aus. Er gewann 1987 als Nr. 1 bei Garelli die ersten zehn Rennen, im elften und letzten in Jarama stürzte er. Danach siegte er nur noch dreimal – 1991 beim Italien- und Österreich-GP, 1992 in England, jeweils auf der Einzylinder-Honda.

Gresini erkannte auch, dass Gegner wie Angel Nieto harte Nüsse waren. Auch gegen den aufstrebenden 16-jährigen Landsmann Loris Capirossi hatte er im Titelfight 1990 und 1991 keine Chance; später engagierte er «Capirex» jedoch für sein 250er-Team. Auch gegen Luca Cadalora hatte Gresini einen schweren Stand, der 1986 sein Garelli-125-ccm-Teamkollege wurde – und ihn als Weltmeister auf Anhieb entthronte. Cadalora wechselte danach für 1987 sofort in die 250er-WM und später in die 500er-WM, für Gresini war der Weg frei zum zweiten Titelgewinn.

Servus-TV-Experte Gustl Auinger (65) gewann 1985 und 1986 nicht weniger als fünf Achtelliter-GP, er stand insgesamt bei 18 Grand Prix auf dem Podest (6x Zweiter, 7x Dritter) und war als MBA-Privatfahrer oft ein erbitterter Gegner von Gresini, der einen Kopf kleiner war als der 183 cm große Österreicher, der seit 2007 als Riding Coach Red Bull Rookies-Cup aktiv ist und dort schon viele Talente und spätere Weltmeister von Johann Zarco bis zu Jorge Martin und Joan Mir betreut hat.

Gustl, du bist oft neben Fausto Gresini auf einem 125-ccm-GP-Podest gestanden. Sein Tod hat dich stark mitgenommen?

Es ist einfach nur unendlich traurig. Ich möchte ihn so in Erinnerung behalten, wie er diesen Sport gelebt hat. Fausto ist unersetzlich in seiner Art, wie er nach seiner Karriere immer wieder Talente gefördert hat.

Mich haben seine schwere Corona-Infektion und sein Tod ganz, ganz schwer getroffen. Ich habe die Nachrichten seit Ende Dezember in erster Linie bei SPEEDWEEK.com verfolgt.

Mir ist dann seine Hilfsbereitschaft in den Sinn gekommen. Fausto hat ja im Frühjahr gleich ein Beatmungsgerät für eine Klinik gespendet. Er war für mich einfach ein großartiger Mensch, der jetzt von uns gegangen ist. Ich kapiere es noch gar nicht.

Mir fallen so viele Geschichten ein, die wir miteinander erlebt haben.

Das Gresini-Team hat einige Topfahrer aus dem Rookies-Cup in der 125er-und Moto3-WM an die Weltspitze gebracht. Dadurch ist dein Kontakt zu ihm immer aufrecht geblieben.

Ja, es hat bei mir viel Eindruck hinterlassen, wie er mit meinen Buben aus dem Rookies-Cup umgegangen ist.

Di Giannantonio oder Bastianini sind damals beide bei ihm gefahren. Fausto hat ihre Spitznamen «DIGGIA» und «La Bestia» auf ihre Lederkombis nähen lassen. Wie er sich bei ihren Erfolge mit den Piloten mitgefreut hat, so etwas kannst du nicht schauspielern. So musst du sein.

Als Gresini 1983 beim Anderstorp-GP erstmals als Zweiter auf dem Podest gelandet ist, bist du als Dritter neben ihm gestanden. Bruno Kneubühler hat gewonnen. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?

Während meiner aktiven Zeit war Fausto als Rennfahrer fast ein bisschen zu groß oder zu stark für mich. Und es hat die sprachliche Barriere gegeben, denn er hat nicht Englisch geredet; ich war auch zu schüchtern. Unser Kontakt hat eher nonverbal stattgefunden.

Aber als er 2018 mit unserem Ex-Rookie-Cup-Piloten Jorge Martin die 125er-WM gewonnen hat, haben wir während der Rennen an der Boxenmauer immer Blickkontakt gehabt. Nach diesem Titelgewinn mit Jorge hat mich Fausto sooo herzlich umarmt. Darüber freue ich mich heute noch.

Als Jorge Martin 2018 in Misano gewonnen hat, habe ich Fausto ganz laut und herzlich gratuliert.

Fausto hat die jungen Buben so genommen, wie sie sind. Er hat sie als jung, talentiert und ehrgeizig akzeptiert und zum Teil so gelassen, wie sie waren. Aber er hat sie auf seine gefühlvolle Weise geführt.

Auf SPEEDWEEK.com habe ich kürzlich gelesen, Aki Ajo führe seine Fahrer mit Zuckerbrot und Peitsche. Das traf bei Fausto nicht zu. Eine Peitsche hat es bei ihm nicht gegeben. Er hat seine Buben mit seinem speziellen Zugang geleitet und viel aus ihnen herausgeholt.

Die Talente lernen im Rookies-Cup viel. Aber sie lernen teilen, weil keiner ein eigenes Team hat. In der Weltmeisterschaft ist das Teilen nicht mehr sinnvoll, dann musst du das ganze Team auf deine Seite bringen. Du muss so ehrgeizig sein und alles in Anspruch nehmen, was möglich ist.

Gresini war in den 1980er-Jahren Weltmeister und Werksfahrer. Du warst Privatfahrer und 1985 WM-Dritter, insgesamt warst du in der 125er-WM fünfmal in den Top-6.

Fausto ist für mich immer ein großartiger Rennfahrer gewesen. Aber er war auch ein großartiger Mensch. Das hat sein liebenswürdiger Umgang mit den jungen WM-Piloten immer wieder bewiesen.

Es gibt nicht viele Teambesitzer in diesem Paddock, die mit Herz und Leib und Seele dabei sind. Bei ihm kamen immer wieder die italienischen Emotionen zum Vorschein, er konnte sich grenzenlos freuen. Das hat mir unheimlich gefallen.

Fausto war von seiner Statur nicht groß, aber als Mensch war er ein ganz Großer.

Auf der Rennstrecke habt ihr euch damals nicht geschenkt.

Im Regen war Fausto verletzlich. Da habe ich ihn fast immer besiegt.

Ich erinnere mich zum Beispiel an Assen, da ist Gresini das erste Jahr bei Garelli gefahren. Sein Teamkollege Angel Nieto war die Nummer 1, Angel hat ihn in Schutz genommen. Nieto konnte mit seiner Art Rennen gestalten, und auch mit seiner Autorität, die er als 13-facher Weltmeister immer ausgestrahlt hat. Dazu mit seinem Können und mit seinen Top-Motorrädern, die er immer gesteuert hat.

Ich bin damals in Assen nach einem Superstart hinter Nieto auf Platz 2 gewesen. Aber Angel hat plötzlich das Gas zugedreht, ich war ganz perplex, es kam fast zu einem Stau in dieser Kurve. Nieto wollte einfach, dass Gresini zu uns aufschließt. Deshalb hat er das Spiel so lange getrieben, bis Fausto in unserer Gruppe war. Dann ist er mit Gresini weggefahren. Damals hat Fausto von Nieto einiges gelernt.

1986 hatte ich dann in Assen ein richtiges Match gegen Fausto. Ich habe damals für meine MBA die Garelli-Sitzbank kopiert, die hinten eine großes Loch gehabt hat. Fausto hat zu meiner Sitzbank rüber gegriffen, mich beim Vorbeifahren geschüttelt und sich bei meiner Sitzbank festgehalten. Das war für mich nicht boshaft, sondern spitzbübisch.

Wir haben uns immer sehr, sehr gut verstanden.

Gresini hat als Rennfahrer zwei WM-Titel gewonnen, als Teamchef drei. Dazu hat er mit Ferrari 2019 den MotoE-Weltcup dominiert. Als Teambesitzer ist er eine Legende geworden.

Ja, in der Neuzeit hat man erst seine wahre Größe kennengelernt. Seine WM-Piloten haben immer erzählt, dass er sich immer auf die Seite der Fahrer gestellt hat. Er hat sie immer in Schutz genommen, er war immer ihr Freund. Das ist sicher ein Grund, warum Fabio Di Giannantonio jetzt zu ihm zurückgekommen ist und 2021 bei ihm die Moto2-WM fährt. Ich habe gewussst, da ist Emotion im Spiel, die beiden passen zusammen.

Jetzt lebt dieser Kerl nimmer. Das muss man akzeptieren. Mir fehlen die passenden Worte.

Ich bin mir nicht so sicher, ob es einen Himmel gibt, und ich bin mir nicht so sicher, ob wir uns irgendwann wieder sehen. Aber ich weiß ganz genau: Ein Mensch ist erst dann gestorben, wenn er vergessen wird. Ich glaube, dass Fausto nicht vergessen wird. Er hat in unserer Erinnerung hoffentlich ein ewiges Leben.

Als Mensch wird Fausto im Fahrerlager unendlich fehlen.

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