Karl Wendlinger: «Am besten keine Erwartungen»

Von Mathias Brunner
Formel 1
​Karl Wendlinger (51) erinnert sich in «The Red Bulletin» an seine Zeit in der Formel 3: «Wenn man keine Erwartungen mehr hat, läuft es oft am besten. Das habe ich beim Rennfahren in der Steiermark gelernt.»

Auch Karl Wendlinger, ehemaliger Formel-1-Fahrer und GT-Champion 1999, hat den WM-Auftakt auf dem Red Bull Ring verfolgt. In der Fahrerlagerzeitung «The Red Bulletin» sagt der Kufsteiner: «Das erste Formel-1-Rennwochenende war turbulent, spannend – und: es war der erste Schritt zurück zum Rennfahren, wie wir es vermisst haben und lieben. Nach dem Großen Preis von Österreich am 5. Juli erleben wir nun eine Woche später den ersten Grand Prix der Steiermark, wer hätte das jemals gedacht?»

«Ich erinnere mich gern an meine Rennen im Murtal zurück. Gleich mein zweites Autorennen überhaupt bin ich hier gefahren, nach einer Premiere am Hockenheimring, 1987 war das, ich pilotierte einen privaten Formel Ford 1600. Es wurde wider Erwarten kein Karriere- Highlight, weil ich noch zu jung und zu dumm war, um mich im Training rechtzeitig zurückfallen zu lassen und mir guten Windschatten zu holen. Ohne warst du verloren am Österreichring.»

«Die alte Strecke war furchteinflößend – schnell, bucklig und viel schmaler als heute. Die Auslaufzonen in einigen Kurven waren unebene Wiesen. Im Nachhinein bin ich froh, hier nie groß abgebogen zu sein, sondern nur einmal leicht eine Leitschiene geküsst und dabei die Spurstange verbogen zu haben.»

«Besonders intensiv erinnere ich mich an das Rennen zur deutschen Formel-3-Meisterschaft 1989, das war die Saison, als die Mercedes-Junioren Michael Schumacher, Heinz-Harald Frentzen und ein gewisser Karl Wendlinger in der gleichen Meisterschaft antraten. Das Starterfeld war mehr als 30 Autos stark und ausgezeichnet besetzt. Ich hatte aus den Jahren davor gelernt, den Windschatten genutzt und mich für den zweiten Startplatz qualifiziert. Ich stand unter Strom.»

«In der Aufwärmrunde bemerkte ich, dass sich der fünfte Gang nicht einlegen ließ. Ich musste aus der Box starten, nachdem die Mechaniker das Problem zum Glück rasch hatten beheben können. Problem 2: Es regnete, und bislang war ich hier ausschließlich im Trockenen gefahren. Klar hatten wir am Österreichring hie und da getestet, aber eben nie im Nassen, denn welche Erkenntnisse sollte man daraus schon ziehen? Meine Erwartungshaltung sank von euphorisch auf null. Es würde ein Wochenende zum Vergessen werden.»

«Ich hechelte dem Feld hinterher. Aber warum trödelten die alle so rum? In Runde 1 überholte ich 14 oder 15 Gegner. In dieser Tonart ging es weiter. Sukzessive arbeitete ich mich nach vorn. Ich lag auf Platz 4, als das Rennen abgewunken wurde – für mich zu früh, denn an diesem Nachmittag passte alles. Wie selbstverständlich war ich die schnellste Rennrunde gefahren; eine Sekunde schneller als Michael Schumacher, der im Jahr darauf mein Teamkollege bei Mercedes in der Sportwagen-WM werden sollte. Auf diese Art zu performen, sollte übrigens zu einer Art Muster werden: Ich war immer dann am stärksten, wenn die Erwartungshaltung am niedrigsten war.»

«In meiner Formel-1-Zeit gab es leider keinen Großen Preis von Österreich, und so dauerte es bis ins Jahr 2002, bis ich mein erstes Heimrennen gewinnen konnte: FIA GT, auf der legendären Dodge Viper mit Zehn-Zylinder-Motor. Aus dem Österreichring war inzwischen der A1 Ring geworden, und meine Erfahrung von früher brachte mir gar nichts mehr. Die Strecke sieht – bis heute – einfach aus, ist fahrerisch allerdings schwierig.»

«Vor allem in der Zeit des A1 Rings hatte sie einen sehr sanften Asphalt, und es war nicht einfach, die Reifen auf Temperatur zu bringen – gerade im Qualifying. Und dann gibt es Kurven, die nach außen hängen. Die Remus-Kurve oben am Schönberg, die langsamste Stelle des gesamten Kurses: Nirgendwo ist es so einfach, das Heck zu verlieren. Das ist an dieser Stelle selbst den Besten immer wieder passiert. Oder die Würth-Kurve, das ist die zweite der beiden Bergab-Linkskurven: Man durchfährt eine Kompression, und gleichzeitig hängt sie ein wenig ins Tal. Es gibt mindestens zwei Arten, wie man sie richtig durchfahren kann, und welche davon schneller ist, liegt an der Art des Autos, der Reifen und natürlich auch am Wetter. Denn wenn es in der Steiermark regnet wie bei meinem Formel-3-Rennen vor 31 Jahren, ist ohnehin wieder alles anders.»

Der Tiroler Karl Wendlinger (51) fuhr von 1991 bis 1995 in der Formel 1 (für March und Sauber), danach in DTM, FIA GT und anderen Serien. Sein letztes Rennen bestritt er 2016. Der Kufsteiner ist Markenbotschafter und Instruktor der AMG Driving Academy.

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