Superbike-WM

Unfassbar: FIM bezichtigt streikende Fahrer der Lüge

Von - 23.10.2019 00:18

Immer mehr Details sickern durch, was sich die Superbike-WM-Piloten in San Juan von den Offiziellen von Promoter Dorna und dem Motorrad-Weltverband FIM anhören und gefallen lassen mussten.

Chaz Davies, Leon Camier, Sandro Cortese, Marco Melandri und Eugene Laverty haben die skandalösen Vorkommnisse am 11. und 12. Oktober auf dem San Juan Villicum Circuit gegenüber SPEEDWEEK.com ausgiebig und detailliert geschildert.

Diese fünf plus Honda-Werksfahrer Ryuichi Kiyonari bestreikten das erste Hauptrennen am Samstag, weil die Strecke in ihren Augen nicht sicher war. In den Tagen nach den Rennen kam heraus, dass die Strecke homologiert wurde, obwohl sie nicht den Bestimmungen entspricht.

Diese Vorgehensweise des Motorrad-Weltverbands FIM haben wir auch schon in anderen Rennserien und Sportarten erlebt. Wenn es darum geht, die Gesetze gegenüber Fahrern oder Veranstaltern durchzusetzen, packt die FIM gerne die Keule aus, droht mit Strafen und setzt diese auch schnell durch. Geht es darum, eigenen Verpflichtungen nachzukommen und den Wortlaut des Gesetzbuchs zu befolgen, sind einige Funktionäre blind, taub, begriffsstutzig oder alles zusammen.

Die Abnahme des San Juan Villicum Circuits fand am Donnerstagabend vor dem Rennwochenende statt. Dass sich über Nacht bis FP1 am Freitagmorgen nichts Großes ändern lässt, sollte das den Homologationsbestimmungen gemäß notwendig sein, dürfte jedem vernunftbegabten Menschen klar sein.

San Juan war schon letztes Jahr eine Sorgenstrecke, Chaz Davies erkundigte sich deshalb während dieser Saison bei Sitzungen der SBK Safety Commission mehrfach nach den Verhältnissen in Argentinien und wies auf Versäumnisse und unhaltbare Zustände hin. Er fragte während des Rennwochenendes zurecht, weshalb die Strecke nicht einen Monat oder drei Monate vorher von der FIM inspiziert wurde – sondern am Abend vor FP1.

Doch die Strecke hätte gar nicht früher abgenommen werden können, weil an ihr bis zur letzten Minute gearbeitet wurde, obwohl seit dem letzten WM-Event ein Jahr vergangen war. Die Fahrer bemängelten anschließend, dass es bei hohen Temperaturen auf den neu asphaltierten Abschnitten das Teeröl durch die Oberfläche drückt und einige Kiesbetten sowie Teile der Drainage nicht den Vorschriften entsprechen. Außerdem war die Strecke vom umherfliegenden Sand völlig verdreckt und dadurch gefährlich rutschig.

Davies, Laverty, Cortese, Melandri, Camier und Kiyonari suchten das Gespräch mit der Dorna und FIM, um zu überlegen, wie man bestmöglich aus der Misere kommt. Der Vorschlag: Das erste Hauptrennen am Samstag bei hohen Temperaturen streichen und stattdessen bei deutlich kühlerem Wetter am Sonntag zwei Rennen über die volle Distanz fahren. Dann wäre das Sprintrennen über die Klinge gesprungen – dieser Vorschlag wurde abgelehnt.

In der Besprechung ging es laut her. Melandri erdreistete sich zu sagen, dass die Offiziellen keinen Respekt vor den Fahrern hätten, Managing-Director Gregorio Lavilla, selbst langjähriger WM-Pilot, geriet daraufhin aus der Fassung und schrie die versammelten Piloten an.

Von den FIM-Offiziellen war zu hören, dass die TV-Gelder für den Event bezahlt wären und nur das zählen würde. Dass ihnen die Sicherheit der Fahrer am Herzen liegt, entpuppte sich als leeres Geschwätz.

Um einer direkten Konfrontation mit den Betroffenen aus dem Weg zu gehen, wollten Dorna und FIM nur mit den Teams reden. Dass diese nicht zwangsläufig die Meinung der Fahrer und andere Interessen haben, ist bekannt. Einige Fahrer wurden unter Androhung hoher Geldstrafen unter Druck gesetzt.

Letztlich herrschte keine Einigkeit unter den WM-Piloten. Rekordweltmeister Jonathan Rea hätte die Macht gehabt, die Entscheidung zugunsten der Sicherheit zu drehen, zog es aber vor zu fahren. Eventuell auch, weil er von Kawasaki dazu genötigt wurde.

«Falscher 50er» gehört noch zu den netteren Vokabeln, die sich der Nordire anschließend von Fahrerkollegen anhören musste.

«Fahren kann man immer, auch in Imola und Assen wäre das gegangen», hielt Sandro Cortese fest, ein zweifacher Weltmeister. «Die Frage ist, ob erst wieder einer sterben muss, bevor man aufwacht. In der MotoGP-WM hätte es so etwas nicht gegeben. Die Strecke hatte nicht mal das Niveau des Schleizer Dreiecks.»

Viele Fahrer sind sich einig: Es sollte per Gesetz so sein, dass im Zweifel die SBK-Piloten das letzte Wort haben. Niemand sonst kann besser beurteilen, ob man Rennen fahren kann.

Die FIM will von alledem selbstverständlich nichts wissen und verschickt lieber Pressemitteilungen, welche noch nicht einmal von einem ihrer Handlanger unterzeichnet ist. Man versteckt sich hinter der Anonymität, ansonsten müsste man ja womöglich den Fahrern oder Medien persönlich gegenübertreten.

«Freitagabend brachten die Fahrervertreter bei einem Treffen der Safety Commission ihre Bedenken wegen der heißen Bedingungen und den möglichen Auswirkungen auf den neuen Asphalt vor», heißt es in dem Schrieb. «Zwischen den Fahrern, der Dorna und FIM wurde vereinbart, dass es am Samstag um 12 Uhr nach FP3 ein weiteres Treffen gibt, um die Situation neu zu beurteilen. Bei diesem Treffen waren alle Fahrer mit den verbesserten Streckenbedingungen zufrieden und es wurde einstimmig entschieden, mit dem Qualifying und dem Rennen fortzufahren. Dennoch entschieden sich nach dem Qualifying sechs Fahrer, nicht zu starten.»

Dass sich die Bedingungen von FP3 bis zur Superpole und dem Rennen durch die steigenden Temperaturen massiv verschlechterten, wird in der Pressemitteilung unterschlagen. Stattdessen werden Davies, Melandri, Camier, Kiyonari, Cortese und Laverty dem Wortbruch und der Lüge bezichtigt.

Es steht geschrieben: «Die FIM möchte daran erinnern, dass die Sicherheit aller Fahrer Priorität hat und möchte hervorheben, dass weder die heißen Bedingungen noch der Zustand des Asphalts zu diesem Zeitpunkt die Absage des Rennens rechtfertigten.»

Wir halten fest: Um 12 Uhr rechtfertigten die Bedingungen keine Absage. Dass sie in den Stunden darauf deutlich schlechter wurden, ignorierte die FIM.

Ein Blick auf die Zeiten sagt alles. In FP3 um 10.30 Uhr war Toprak Razgatlioglu in 1:39,651 min der Schnellste. Im Qualifying um 13 Uhr kam Polesetter Alvaro Bautista trotz Qualifyer-Reifen, der normal zirka eine Sekunde bringt, nur noch auf 1:40,771 min. Die schnellste Rennrunde (Start 16 Uhr) fuhr Bautista in 1:40,919 min.

Als die Strecke am Sonntag endlich in annehmbarem Zustand war, fuhr Rea im Sprintrennen 1:37,462 min die beste Zeit des Wochenendes – 3,3 sec schneller, als im Qualifying!

Dass es am ganzen Wochenende kaum Stürze gab, ist ausschließlich der achtsamen Fahrweise der Piloten zu verdanken. Wenigstens sie bewiesen in Argentinien Geistesgegenwärtigkeit.

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© SPEEDWEEK.COM
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