Angst vor dem unsichtbaren Feind: Drastische Regeln

Kolumne von Ivo Schützbach
Superbike-WM
Nach Spanien fliege ich pro Superbike-WM-Saison von Zürich oder München mindestens fünfmal, doch dieses Mal war alles anders. Der erste Flug in Coronazeiten bietet auch einem Vielflieger einiges Neues.

Seit Anfang März, als die Seuche Covid-19 flächendeckend über uns hereinbrach, hörte ich ständig die Mutmaßung, dass ich es als Sportjournalist jetzt ja ruhig haben würde. Das Gegenteil war der Fall. Fans möchten auch weiterhin über Neuigkeiten unterrichtet werden – für Websites, Zeitungen, Magazine und TV-Sender gab es keine Coronapause.

Zugegeben, der Zeitdruck, den uns ein Rennwochenende aufbürdet, fiel weg. Dafür war die Beschaffung der News mühsamer. An der Rennstrecke fliegen einem Neuigkeiten nur so zu, die letzten Monate mussten wir alle viel telefonieren, E-Mail und WhatsApp hatten Hochkonjunktur. Klickträchtige Storys hatte nur, wer über ein gut unterrichtetes Netzwerk verfügt.

Seit 27 Jahren war ich nicht mehr so lange am Stück zu Hause, wie seit meiner Rückkehr vom Auftakt der Superbike-WM in Australien Anfang März dieses Jahres. Als Jugendlicher fuhr ich selbst Rennen, später begleitete ich meinen Bruder. Seit 1998 arbeite ich als Redakteur, seit 2005 war ich bei fast allen Rennen der Superbike-WM live vor Ort, ebenso bei den meisten großen Tests.

Wenn am Mittwoch die Testfahrten in Barcelona losgehen, habe ich gut 18 Wochen ohne Rennen hinter mir. Für die meisten Motorsportfans ist das nichts Besonderes, für mich eine drastische Änderung in meinem Leben.

Am heutigen Dienstagmorgen flog ich mit der Lufthansa-Maschine LH 1808 von München nach Barcelona, Abflug 6.25 Uhr. Weil derzeit nur ein Bruchteil des Flugverkehrs vor Corona stattfindet, darf man bei der Buchung nicht wählerisch sein, eine Auswahl an Flugverbindungen ist selbst auf Hauptstrecken kaum vorhanden.

Auch im Flughafen gelten die vielerorts angesagten Hygienevorschriften mit Mindestabstand von 1,5 Metern sowie dem Tragen eines Mund- und Nasenschutzes. Wie ein Mantra werden diese Regeln als Durchsagen aus den Lautsprechern heruntergebetet. Noch nie habe ich den Flughafen München so leer erlebt, was nicht nur an der frühen Morgenstunde lag. Man sieht es auch an den Geschäften: 80 Prozent haben geschlossen. Ich kann mir nur ausmalen, welcher wirtschaftliche Schaden alleine in diesem Mikrokosmos entstanden ist und weiter entsteht.

Bei der Gepäckkontrolle musste ich zum ersten Mal seit 9/11 nicht meinen Laptop und auch keine Flüssigkeiten auspacken. Die Begründung der Kontrolleure: Der neue Tomograph würde das alles erfassen. Da frage ich mich, weshalb es Corona brauchte, um solche Maschinen zu installieren.

Im Flieger ist nur noch ein Handgepäckstück erlaubt, ein zweites muss man zum normalen Gepäck aufgeben – zumindest bei der Lufthansa ist das gratis. Wobei die Flugbegleiter diese sinnlose Regel glücklicherweise sehr locker handhaben.

Um die Mindestabstände im Flugzeug einhalten zu können, bleibt in Dreier-Reihen der mittlere Sitz leer – das Tragen der Maske gilt auch während des Flugs. Dabei mache ich mir im Flieger wegen des SARS-CoV-2-Virus ohnehin keine Sorgen, nirgends sonst in geschlossenen Räumen wird die Luft so intensiv gefiltert.

Bereits nach einer Stunde am Flughafen hatte sich bei mir die Erkenntnis gefestigt, dass ich nur fliege, weil ich es beruflich muss. Ansonsten würde ich mir das nicht antun. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie zuwider mir das Vermummen meines Gesichts nach vier Monaten ist.

In Barcelona gelandet präsentiert sich mir ein ähnliches Bild. Auch der ansonsten vor Leben pulsierende Flughafen El Prat hat nur wenig Kundschaft, selbst bei den Luxusboutiquen sind die Rollläden unten.

Auch hier wird Abstand halten groß geschrieben. Nach der Landung des Fliegers gibt es nicht das sonst übliche Aufspringen und dann 10 min im Gang herumstehen; die Gäste werden nach Reihen aufgerufen und aufgefordert, den Flieger diszipliniert – und natürlich mit Abstand – zu verlassen.

Für was ich im Flieger einen zweiseitigen Bericht mit meinen Daten, Herkunft, Ziele, Erkrankungen, Kontakte und so weiter ausgefüllt habe, erschließt sich mir nicht: Niemand wollte den Zettel anschließend sehen oder haben.

In den riesigen Flughafenhallen werden die Leute dazu angehalten, in die eine Richtung rechts und entgegengesetzt links zu gehen, statt wild durcheinander zu wuseln. Erstaunlicherweise funktioniert das in Corona-Zeiten sogar einigermaßen.

Mancherorts nimmt das Abstand halten kabarettistische Züge an, etwa wenn ein großes Hinweisschild in einem Acht-Personen-Aufzug hängt. Mit dem gebührenden Abstand wird dieser zu einem Zwei-Personen-Lift degradiert.

Zusammen nur 15 Fotographen und Journalisten wurden für den Barcelona-Test zugelassen. Ich bekam ein mehrseitiges Protokoll mit Hygienevorschriften, das ich unterschreiben musste. Überall im Fahrerlager ist das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes Vorschrift, selbst wenn man alleine an der frischen Luft steht und das Treiben auf der Strecke beobachtet. Bei 28 Grad im Schatten wahrlich kein Vergnügen. Außerdem musste ich schriftlich bestätigen, dass ich den Barcelona Circuit nicht rechtlich belangen werde, sollte ich mich auf seinem Gebiet mit dem Coronavirus infizieren. Um auszuschließen, dass ich bereits infiziert bin, wurde beim Einlass gemessen, ob ich Fieber habe.

Sämtliche Teams haben ihre Mitarbeiter auf SARS-CoV-2 testen lassen. Doch selbst in der Box, wenn sie unter sich sind, tragen alle spezielle Masken, welche die Dorna als Standard definiert hat. Die Mechaniker schwitzen nicht nur erbärmlich darunter, viele klagen auch über Luftmangel und es lässt sich kaum vernünftig reden damit.

Doch sie wollen unter allen Umständen verhindern, dass sich die Rennfahrer irgendwo anstecken können. Wer positiv auf die Lungenkrankheit getestet wird, muss umgehend 14 Tage in Quarantäne. Trifft es einen Piloten, verpasst er im eng gestrickten Kalender möglicherweise zwei Events und somit sechs Rennen. Damit wäre die Weltmeisterschaft gelaufen.

Trotz all’ dieser Maßnahmen ist es schön, wieder an der Rennstrecke zu sein. Hochdrehende Motoren und Action entschädigen für einiges.

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