Marc Surer: Alfa Romeo-Sauber klug, Williams schwach

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Der Schweizer Marc Surer hat sich die neue Formel 1 am Rande des Circuit de Barcelona-Catalunya angeschaut. Der Formel-2-Europameister 1979 sagt, wer ihm dabei besonders aufgefallen ist.

Jahrelang hat der Basler Marc Surer die Formel 1 als Experte für die deutsche Sky begleitet. Im Januar 2018 hat sich der Bezahlsender Knall auf Fall aus dem GP-Sport verabschiedet. Surer erinnert sich: «Ich war von Anfang an dabei, da hiess es noch DF1, dann Premiere und schliesslich Sky. Das bedeutet also 21 Jahre, ich war vom ersten Rennen 1996 an dabei. Das ist viel länger als ich am Anfang gedacht hatte. In den ersten Jahren stand das Engagement ein paar Mal auf der Kippe, ich erinnere nur an die Kirch-Pleite. Es gab Phasen, da dachte ich – jetzt ist fertig. Und dann haben wir 21 Jahre durchgehalten.» Vor kurzem wurde bekannt: Die Sky wird zurückkehren. Ob mit oder ohne Marc Surer, das ist noch nicht ganz klar. Klar ist, dass sich der frühere Formel-1-Fahrer für fünf Rennen beim Schweizer Fernsehen verpflichtet hat, angefangen mit der Saisoneröffnung in Australien.

Wir haben uns kurz mit Marc zusammengesetzt, nachdem der 67-Jährige Eindrücke entlang der katalanischen Formel-1-Rennstrecke gewonnen hat. Marc meint: «Mein stärkster Eindruck ist – diese Autos liegen wie ein Brett. Vom angeblich so grossen Abtriebsverlust an der Vorderachse durch die vereinfachten Frontflügel ist da herzlich wenig zu sehen. Und es fiel auf, dass zwei Fahrer sofort richtig angegriffen haben. Das waren Sebastian Vettel im Ferrari und Nico Hülkenberg im Renault, später auch Carlos Sainz im McLaren.»

«Als wir auf die breiteren Reifen umgestellt haben, da kam ein Fahrer übersteuernd daher, der andere untersteuernd, das war wirklich unterhaltsam. Heute sehe ich nichts davon. Die Autos liegen so gut, als hätte sich am Reglement überhaupt nichts geändert.»

«Selbst bei geübtem Auge ist Vorsicht geboten. Wir wissen letztlich nie, mit wieviel Kraftstoff die Autos auf der Bahn sind. Ich achte dann oft darauf, wie lange die Rollphase dauert zwischen dem letzten Gangwechsel und dem erneuten Gasgeben. Das ist ein guter Indikator dafür, wie schwer das Auto unterwegs ist. Mercedes ist bislang mit tüchtig Sprit gefahren. Allein die Logik sagt uns: Die Ränge 8 und 9 am ersten Testtag waren natürlich nicht aussagekräftig, was die Qualitäten des Silberpfeils angeht.»

«Was die Technik der neuen Autos angeht, so hebt sich Alfa Romeo ab. Einerseits durch die komplexen Luftkanäle an der Fahrzeugnase, andererseits bezüglich der Strömungs-Philosophie des Frontflügels, drittens in der Art und Weise, wie die seitlichen Luftleit-Elemente als Abtriebserzeuger verwendet werden. Alfa Romeo geht da eigene, sehr clevere Wege.»

«Generell sind die Lösungen in Sachen seitlicher Luftleitwerke unfassbar kompliziert und vielfältig. Das ist eine wunderbare Spielwiese für die Aerodynamiker, und wir können sehr unterschiedliche Auslegungen beobachten. Ich kann mir da gut vorstellen: Viele verschiedene Lösungen führen zu ähnlich guten Ergebnissen.»

«Beim Frontflügel und der Frage, Luft innen am Vorderrad vorbeiführen oder aussen, da bin ich mir noch nicht ganz sicher, welcher Lösungsansatz der bessere ist. Was mir auch aufgefallen sind: Die Hecks aller Fahrzeuge sind sehr schlank gestaltet, also mit dieser ausgeprägten Colaflaschen-Form.»

«Was ich auch interessant finde: An einigen Rennwagen finden wir recht bauchige Lufteinlässe der Airbox, wie bei Sauber. Aber Ferrari etwa ist zurückgegangen zu einer viel kleineren, dreiecksförmigen Variante, wie sie schon 2017 am Wagen zu finden war. Das ermöglicht eine bessere Anströmung des Heckflügels. Es zwingt die Italiener jedoch auch dazu, Luft durch andere Kanäle zur Kühlung zu verwenden.»

Neun Rennställe fahren, Williams fehlt. Marc Surer sagt: «Keine positive Nachricht, dass die Engländer Verspätung haben. 2018 hatten sie den schlechtesten Wagen im Feld, jetzt sind sie nicht mal fertig. Der Druck auf Technikchef Paddy Lowe nimmt zu. Was mir auch Sorgen macht: Den neuen Wagen haben die gleichen Leute gemacht wie den alten. Also wieso sollte der besser sein als der alte?»

«Was mir an der ganzen Frage seltsam vorkommt: Ich glaube nach wie vor, dass Paddy Lowe ein Spitzenmann ist. Der hat so viele Weltmeisterautos betraut, da kann es doch fast nicht möglich sein, dass er dazu nicht mehr fähig ist. Was ich mir eher vorstellen kann: Dass Lowe zuvor bei McLaren und Mercedes auf viel mehr und bessere Fachkräfte bauen konnte. Die hat er jetzt nicht mehr.»

«Es gibt hier aber auch ein Gegen-Argument: Mercedes kämpfte zu Beginn des neuen Formel-1-Programms immer mit überhitzenden Hinterreifen. Nachdem Lowe zum Team kam, verschwand das in kurzer Zeit, und die Autos fingen an, Rennen zu gewinnen. Ich sehe da schon einen positiven Einfluss. Es gab auch McLaren, die waren zu Beginn der Saison problematisch, was Abstimmung und Handling angeht, mit der Zeit jedoch brachte Lowe diesen Fahrzeugen Manieren bei. Offensichtlich machte er doch etwas richtig. Aber wenn der Williams 2019 wieder schlecht wird, dann weiss ich ehrlich gesagt nicht, was aus Lowe werden wird. Das ist seine letzte Chance.»

Hand aufs Herz: Wird Red Bull Racing mit Honda ein echter Herausforderer von Mercedes und Ferrari? Marc schmunzelt: «Sagen wir es so – es ist eher meine Hoffnung. Sie sind am ersten Tag viel gefahren, sie sind bei den Top-Speed gut dabei. Das hat einen soliden Eindruck gemacht. Ich bin guter Dinge, dass Red Bull Racing-Honda tüchtig mitmischt.»

Wie sieht es im Mittelfeld aus? Kann Renault dem eigenen Anspruch genügen und den Top-Teams auf den Wecker gehen? Marc Surer meint: «Das sehe ich nicht. Der Kampf um Rang 4 im Feld wird der härteste im ganzen Feld. Da liegen viele Rennställe ganz dicht beisammen. Ich weiss nicht, ob Renault sich davon lösen kann. Da ist Racing Point, da ist Haas, da ist Alfa Romeo-Sauber, McLaren müsste auch da sein. 2018 hatten Haas und Renault Strecken, die dem Wagen offensichtlich nicht so mundeten. Sie werden 2019 konstanter fahren. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Renault die direkten Gegner einfach so hinter sich zurücklässt. Die ersten Drei einzuholen, das ist der schwierigste Teil ihrer Aufgabe.»

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