Mercedes-Klon in Pink? Racing Point wehrt sich

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Der Racing Point RP20 wird im Fahrerlager des Circuit de Barcelona-Catalunya als Klon des 2019er Mercedes angeprangert. Nun wehrt sich Racing Point-Technikdirektor Andy Green gegen die Vorwürfe.

Der 2020er Rennwagen von Racing Point ist ein klarer Abkömmling vom 2019er Silberpfeil – einfallsreiche Formel-1-Fans haben in den sozialen Netzwerken längst Bildcollagen erstellt, auf welchen der Mercedes und der Racing Point so gut wie nahtlos ineinander übergehen.

Einige Rivalen von Racing Point sehen das Kopieren gar nicht gerne, sie fürchten um ihre Chancen im hartumkämpften Mittelfeld. Haas-Teamchef Günther Steiner kann über die Kritiker nur lachen: «Manchmal ist es ganz gut, vor dem Reden mal ein wenig zu denken», höhnt der Südtiroler.

Steiner im Fahrerlager des Circuit de Barcelona-Catalunya weiter: «Sie verwenden zahlreiche Teile von Mercedes, dies alles im Rahmen des vom Reglement Erlaubten, also wieso sollten sie sich dann bei der Aerodynamik am Auto von Red Bull Racing orientieren?»

«Das Gleiche gilt für uns: Wir übernehmen zahlreiche Elemente von Ferrari. Also an welchen Renner lehnen wir uns beim aerodynamischen Konzept an? Natürlich am Ferrari. Alles Andere wäre ziemlich dumm.»

Um die so genannten «listed parts» gibt es in der Formel 1 immer wieder Aufregung. Das sind jene im Reglement verankerten Bauteile eines GP-Renners, die von den Rennställen selber entworfen und gebaut werden müssen. Neu sind das 2020 auch die Bremsbelüftungen. Noch 2019 konnte beispielsweise Haas eine Bremsbelüftung von Ferrari kaufen.

Zu «listed parts» gehören etwa die Überlebenszelle, die vordere Crash-Struktur, die Verkleidung oder der Überrollbügel. Aber Aufhängungen oder Getriebe dürfen übernommen werden. Rennställe wie Haas, Alfa Romeo-Sauber oder AlphaTauri und Racing Point machen davon reichlich Gebrauch – was bei Teams wie Williams und McLaren Unmut erzeugt, die keine entsprechenden Partner haben, also aufwändig alles selber machen müssen.

Racing Point-Technikchef Andy Green wehrt sich gegen Vorwürfe der Konkurrenz. «Unser Auto ähnelt dem Mercedes in gewissen Bereichen, aber wir finden in der Boxengasse einige Fahrzeuge, welche sich an anderen orientieren. Wir sind da keine Ausnahme. Wir haben im letzten Sommer, so um das Rennen in Deutschland herum, entschieden – wir müssen etwas radikal Anderes machen. Wir spürten, dass wir mit der Evolution unseres Renners RP19 an gewisse Grenzen stossen. Die Entwicklung flachte ab, wir wurden nicht um so viel schneller, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir stellten uns die Frage: Können wir mit einem komplett anderen Konzept vielleicht einen grösseren Schritt nach vorne machen?»

«Wir haben nur noch ein Jahr mit diesem Reglement. Also sind wir bewusst das grosse Risiko eingegangen, etwas Neues zu machen. Wir haben nichts zu verlieren. Hätten wir das Konzept des RP19 fortgesetzt, wären wir in der WM-Wertung stehengeblieben.»

«Gleichzeitig wurde es immer schwieriger, eine Route wie Red Bull Racing einzuschlagen, also mit einem an der Hinterachse recht hoch stehenden Auto, gleichzeitig aber Motor, Getriebe und Aufhängung von Mercedes zu übernehmen, deren Auto eine andere Philosophie verfolgt. Wir fragten uns: Wieso nicht den Weg von Mercedes gehen? Wenn du ein 2019er Mercedes-Getriebe und einen Mercedes-Motor verwendest, dazu einige Aufhängungsteile, dann macht es einfach Sinn, hier noch weiter zu gehen.»

«Wir haben quasi bei null angefangen, was die Erfahrung mit diesem Konzept angeht, auch wenn es auf einem bewährten Design basiert. Wir haben null Teile vom 2019er Wagen übernommen. Ich halte das alles für ein erhebliches Risiko, aber wir hatten noch einen anderen Gedanken im Kopf. Wir wissen, dass 2021 ein neues Reglement kommt. Wir werden für dieses Auto hier in Australien noch ein moderates Update haben, dann aber wird es kaum Weiterentwicklung geben. Dadurch werden Ressourcen frei, welche wir in die Entwicklung des 2021er Renners stecken werden.»

«Die Aufregung um unsere Entscheidung kann ich kaum verstehen. Rennställe haben immer schon Konzepte oder Teile von Anderen übernommen – Flügel, Doppel-Diffusor, angeblasener Diffusor, Kopieren gehört zum Geschäft. Wir machen nichts anders, wir machen nichts Neues. Ich frage mich eher, wieso nicht mehr Teams diesen Weg gehen. Früher hatten wir nicht die Mittel, um ein solches Projekt anzugehen, nun haben wir es. Also sind wir dieses Risiko eingegangen. Als weniger grosser Rennstall musst du dir etwas einfallen lassen, um mit den Gegnern schrittzuhalten, geschweige denn mit den Top-Teams.»

«Die Chancen stehen so: Wenn wir dieses Auto verstehen, dann haben wir im hart umkämpften Mittelfeld bessere Karten. Die Arbeit mit diesem Konzept hat uns die Augen geöffnet. Wir haben den Windkanal gewechselt, von Toyota in Köln zu Mercedes. Wir haben den RP19 in beide Kanäle gestellt, die Ergebnisse waren vergleichbar. Also lag ein Abflachen der Entwicklung nicht am Werkzeug Windkanal, sondern an unserem Konzept. Wir dachten: Mit einem frischen Konzept können wir es vielleicht schaffen, einen erheblichen Schritt zu machen. Das Risiko ist – wir haben beim Konzept, das im RP19 gipfelte, eine riesige Datenbank angesammelt. Die konnten wir alle aus dem Fenster kippen. Denn der RP20 ist etwas komplett Neues. Wir haben sehr viel zu lernen. Aber wir halten dies vor dem Reglement-Wechsel für den richtigen Weg.»


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