Saison 2020: Vorhersagen frühestens Ende März

Von Günther Wiesinger
Formel 1
Kann die Formel-1-Saison Anfang Juni in Baku beginnen? Angesichts immer neuer Hiobsbotschaften ist das schwer vorstellbar

Kann die Formel-1-Saison Anfang Juni in Baku beginnen? Angesichts immer neuer Hiobsbotschaften ist das schwer vorstellbar

​Wie geht es mit der Formel-1-Saison 2020 weiter? Auch für die Königsklasse gilt: Frühestens Ende März können wir abzuschätzen beginnen, wann in Europa so etwas wie Normalität zurückkehrt.

Natürlich fragen sich derzeit die Menschen bange: Wann können wir zu einem normalen Leben zurückkehren? Alle Pandemie-Forscher, Virologen und Immunologen sagen voraus, dass einigermaßen faktenbasierte Vorhersagen zum Abflachen der Covid-19-Erkrankungen erst in zwei, drei Wochen möglich sein werden. Bisher ist nur in sehr wenigen Ländern ein Rückgang der akuten Fälle feststellbar, auch wenn die Anzahl der «recovered cases», also der genesenen Patienten, zunimmt, diese dann immun sind und quasi ein Schutzschild für die nicht infizierte Bevölkerung bilden.

In der Formel 1 sind die für Mai geplanten Rennen alle verschoben (Zandvoort und Barcelona) oder abgesagt (Monaco). Im MotoGP-Sport gehen alle Funktionäre davon aus, dass die drei Events im Mai (Jerez, Le Mans und Mugello) nicht stattfinden können, auch wenn ein paar unverbesserliche Optimisten noch auf ein medizinisches Wunder hoffen.

Aber in China sind in Wirklichkeit die ersten Fälle in Wuhan bereits nach dem 20. November aufgetreten, ab 31. Dezember wurde China mit voller Wucht vom SARS-CoV2-Virus heimgesucht, und erst in den ersten März-Tagen durften die Chinesen wirklich aufatmen.

Wir müssen also auch in Europa mit zwei bis drei Monaten bis zum Abflachen der Kurve rechnen, wenn nicht länger, denn die Chinesen errichteten in wenigen Tagen neue Spitäler und schickten bis zu 40.000 Ärzte und medizinisch geschultes Personal in die Krisenregion. Dazu fabrizierten sie Atemschutzgeräte, Gesichtsmasken und Schutzanzüge in beliebiger Menge.

Vergessen wir nicht: In Italien waren am 21. Februar erst 200 Menschen infiziert. Am 19. März waren es 41.035, nur 4420 davon sind wieder genesen, 3405 sind gestorben, in China liegt die Opferzahl bei 3248.

Auch wenn notorische Besserwisser meinen, die Sterberate liege nur bei 0,1 oder 0,5 oder 0,9 Prozent und an der Grippe würden mehr Menschen sterben: Für die Verwandten ist das kein Trost, denn der Opa oder die Oma, der Papa oder die Mama sind für immer tot. Und den gut gemeinten Hinweis beim Ableben von greisen Menschen «Das ist ja ein schönes Alter», den halte ich schon seit vielen Jahren für völlig unüberlegt und sinnlos.

Es gibt kein schönes Alter zum Sterben, weder mit 20 noch mit 70, 80 oder 92.

Wir müssen uns weiter Sorgen über die Dunkelziffern machen. Aber mit Ausnahme von Italien beginnen die Maßnahmen in Europa in den meisten Ländern zu greifen, prozentuell zur Anzahl der Infizierten nimmt zu Zunahme ab. Aber wie gesagt: Jeder Infizierte steckt potenziell pro Woche (ohne Maßnahmen wie «social distancing») 140 Mitmenschen an, jeder einzelne verbreitet dann den Virus wieder weiter, deshalb erleben wir bisher diese exponentielle Zunahme.

Aus diesem Grund müssen die Vorschriften immer rigoroser werden.

Die jüngsten Computer-Prognosen rechnen mit einer leichten Entwarnung bis Ostern. Mit ersten profunden Voraussagen ist Ende März zu rechnen.

Aber Italien steuert auf eine humanitäre Katastrophe zu, denn dort sind 659 Menschen pro Million Einwohner erkrankt, in China liegt diese Fallzahl bei 56 bestätigten Covid-19-Fällen pro Million.

Auch die Ärzte im Schweizer Tessin berichten von besorgniserregenden Zuständen. In Lugano ist die Kapazität an Spitalbetten knapp geworden. Wegen der 35.000 Grenzgänger aus Norditalien hat sich der Tessin zum Corona-Hotspot entwickelt – wie Tirol in Österreich durch den Leichtsinn in den Skigebieten wie Ischgl. Das ganze Bundesland Tirol wurde jetzt abgeriegelt. Im ORF wurde ein deutscher Student gezeigt, der sich zu Fuß mit Rucksack auf den Rückmarsch nach Bayern machte.

Die verantwortungslose Politik des britischen Premierministers Boris Johnson hat sich bereits als Bumerang erwiesen. Er verfügte letzte Woche: «Keep calm and carry on.» Also: «Ruhig bleiben und weitermachen.» Der Wirtschaft zuliebe.

Johnson hatte sich von «Experten» einreden lassen, man müsse nach der Methode der Herden-Immunität handeln und in Kauf nehmen, dass ein möglichst großer Teil der gesunden, jüngeren Bevölkerung durch eine frühe Infektion erkrankt, diese Personen aber nach der Genesung als immune «recovered cases» den Rest der Bevölkerung schützen.

Diese gewagte Idee widersprach allen Erfahrungen aus der SARS-Epidemie und der erfolgreichen Maßnahmen in China, Südkorea und Singapur.

In Großbritannien muss man nie lange auf Analogien zum Zweiten Weltkrieg warten. «Keep smiling through», lautet damals die Durchhalteparole.

Und die Kriegsveteranen gaben Johnson anfangs recht. «Wir haben den Krieg überlebt, wir werden auch Corona überleben», lautete der Tenor der britischen Senioren noch zu Wochenbeginn in den englischen Pubs.

Die erst vergangene Woche noch als Konsens von Expertinnen und Experten präsentierte gewagte Idee, durch eine frühe Infektion der jüngeren Bevölkerung den Rest der Briten zu schützen, diese Horror-Idee war am Sonntagabend in Großbritannien schon wieder vom Tisch. Eine Studie des Imperial College London hatte ergeben, dass diese darwinistische Strategie nach konservativen Schätzungen zu 250.000 Toten führen würde.

Danach entschieden sich auch die Niederlande zu einer Abkehr von dieser besorgniserregenden Strategie.

Wenn wir jetzt darüber spekulieren oder fachsimpeln, wann wieder Normalität einkehren wird, im Alltag, im Motorsport und in anderen Bereichen, dann sollten wir nicht in die Glaskugel schauen, sondern auf die Expertise der Simulations-Experten warten.

Selbst die Experten werden sich noch einige Zeit schwertun, weil in Europa die Maßnahmen nie so rigoros und drakonisch sein werden wie in China, Singapur und Südkorea. Es existieren also wenig verlässliche Daten, die man in die Rechner einspeisen kann. Und niemand kann abschätzen, wie sich die Situation in Afrika, Südamerika und in den Vereinigten Staaten entwickelt.

Selbst wenn es – zum Beispiel – irgendwann im Juni keine nennenswerte Anzahl von Neuinfizierten mehr gibt, existiert immer noch eine Dunkelziffer bezüglich jener Personen, die keine Symptome spüren und nie getestet wurden, aber den Virus in sich tragen und ihn übertragen können.

Der Coronavirus wird unser Leben aller Voraussicht nach bis ans Ende aller Tage begleiten. Aber vielleicht können wir ihn bereits in sechs Monaten beherrschen, zuerst durch Medikamente und nachher vorbeugend dank Impfstoffen.

Wann die Maßnahmen in Europa in den verschiedenen Ländern zurückgefahren werden können, werden wir in zwei, drei Wochen etwas profunder beurteilen können.

Danach wird es eine Weile dauern, bis der öffentliche Verkehr wieder hochgefahren werden kann, bis der Flugbetrieb wieder richtig aufgenommen wird, bis die Schulen und Unis wieder öffnen, die Restaurant, Bars, Theater, Kinos, Schwimmbäder, Fitness-Centres und so weiter.

Danach beginnt eine neue Zeitrechnung.

Täglich werden Dutzende Simulations-Experten und Politiker gefragt, wann wieder Normalität einkehren wird.

Niemand gibt eine Antwort. Das ist keine Geheimniskrämerei, 
sondern es herrscht Ahnungslosigkeit.

Denn niemand kann etwas erforschen, abschätzen und beurteilen, was noch nie stattgefunden hat und wofür es deshalb keine empirischen Erkenntnisse gibt.  

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