Franz Tost (AlphaTauri): Leben in Italien unheimlich

Von Mathias Brunner
Formel 1
AlphaTauri-Teamchef Franz Tost

AlphaTauri-Teamchef Franz Tost

​Das Leben in vielen Ländern steht praktisch still, im Banne des Erregers SARS-CoV-2. AlphaTauri-Teamchef Franz Tost spricht über die Vorkommnisse in Australien und das heutige Leben in Italien.

Das hat es in der Formel 1 noch nie gegeben: Der Zirkus reist vom geplanten WM-Beginn in Australien unverrichteter Dinge ab, die meisten Team-Mitglieder befinden sich seit ihrer Rückkehr aus Melbourne in Isolation. An WM-Läufe ist derzeit nicht zu denken. Australien, Bahrain, Vietnam und China sind bereits verschoben, die Niederlande, Spanien und wohl auch Monaco werden folgen. AlphaTauri-Teamchef Franz Tost spricht mit SPEEDWEEK.com über ungewöhnliche Zeiten, für die ganze Welt und für den kleinen Kosmos namens Formel 1.

Franz, wie hast du das Wochenende von Australien erlebt?

Nicht nur das Wochenende in Melbourne war aussergewöhnlich, schon die Anreise. Der Flieger nach Dubai war halb leer. Auch auf dem Flughafen von Dubai, wo normalerweise immer Riesentrubel herrscht, war nicht viel los. In der Maschine von Arabien Richtung Australien waren dann etwas mehr Leute an Bord.

Ein unangenehmes Gefühl hing in der Luft: Man fragt sich, ob wohl alles funktionert hat, ob alle Team-Mitglieder gesund sind, denn wir wollten doch alle nur eines – ein Rennen fahren. Da gab es so viele Fragezeichen, wie ich sie in diesem Ausmass vor einem Formel-1-Rennen noch nie erlebt habe. Ich spürte schon gemischte Gefühle.

Positiv war: Als ich in Melbourne ankam, habe ich gleich zu telefonieren begonnen, und der Team-Manager sagte mir, dass bei AlphaTauri alle gesund und einsatzbereit seien. Ich bin dann direkt zur Rennstrecke, wo ich gesehen habe, dass alles perfekt vorbereitet war. Wir waren für den Saisonstart gut gerüstet.

Viele Fans sind der Ansicht: Die Formel-1-Führung hätte ahnen müssen, was in Melbourne passieren würde, dass am Ende nicht gefahren werden kann, der GP-Zirkus hätte gar nicht erst nach Australien fliegen dürfen. Was meinst du?

Im Nachhinein ist natürlich jeder schlau. Aber keiner hätte ahnen können, dass sich die ganze Situation so rasant entwickeln würde, zu nichts weniger als einem Flächenbrand. Auch wir glaubten: Australien ist von den schlimmsten Krisengebieten in Sachen Corona ziemlich weit entfernt. Ich hatte schon bei den Wintertests in Barcelona gesagt: Wenn wir im Fahrerlager keinen Coronavirus-Erkrankten haben, dann sehe ich keinen Grund, wieso wir nicht fahren sollen.

Es war allerdings auch klar: Sobald ein Team aufgrund der Krankheit einer Fachkraft ausscheidet, dann dürfen auch die Anderen nicht mehr fahren, denn das wäre einfach unfair. Das war letztlich der Auslöser dafür, dass wir zusammengepackt haben.

Zunächst hat ja eine Weile alles geklappt, leider wurde dann ein Mechaniker von McLaren positiv auf das Virus getestet. Ich habe mich mit McLaren-Teamchef Andreas Seidl unterhalten, und er bestätigte: Sobald die Behörden wussten, dass es einen Krankheitsfall gab, wollten sie wissen, wer mit diesem Angstellten zusammengearbeitet hatte. Das waren letzlich vierzehn Leute, und die befinden sich noch jetzt in Australien in Quarantäne.

Somit war es für McLaren nicht mehr möglich, an der Rennveranstaltung teilzunehmen. Wenn du einen Ausfall von vierzehn Spezialisten hast, dann kannst du das auf dem Rennplatz nicht kompensieren.

Wir haben bei AlphaTauri vor der Reise nach Melbourne verschiedene Szenarien durchgespielt. Wir haben Reserveleute aufgestellt. Wäre also ein Mechaniker ausgefallen, dann hätten wir ihn ersetzt, das Gleiche gilt für die Ingenieure. Aber wenn natürlich mehrere Personen betroffen sind und in Isolation müssen, dann lässt sich das nicht mehr kompensieren.

Wie schwierig war es, die AlphaTauri-Mannschaft nach Europa zurück zu bringen?

Das war problematisch und hat uns vor einige Hindernisse gestellt. In Italien wurden fast alle Flüge nach Bologna gestrichen. Wir kamen also nicht mehr direkt nach Bologna. Ein Grossteil der Mannschaft ist dann von Melbourne via Dubai nach Nizza geflogen und von dort mit dem Bus nach Faenza gefahren. Ich hatte das Glück, dass ich einen Flug von Dubai nach Rom erwischte. Das war meines Wissens einer der letzten Flüge in die Hauptstadt.

Es war schon eine grosse Herausforderung, das Team wieder nach Italien zurückzubringen, aber es hat alles geklappt. Das gesamte Team ist nun in Italien. Es war für uns schnell klar: Jene Team-Mitglieder, die in Australien gewesen sind, werden sich nach ihrer Rückkehr in Quarantäne begeben, um keine Ansteckung der Kollegen im Werk zu riskieren.

Wir hatten auch den Plan, dass keiner von AlphaTauri nach Melbourne oder nach Bahrain zurückreist. Die Renntruppe wäre von Australien direkt weiter nach Arabien und von dort auch direkt nach Vietnam. Weil wir ahnten, dass es kaum möglich sein würde, zwischen den Rennen nach Italien zurückzujetten und das Land wieder zum nächsten GP verlassen zu dürfen. Aber dann sind wir von den Ereignissen überholt worden.

Was ist mit dem ganzen Material passiert? Befindet es sich bereits wieder im Rennwagenwerk von Faenza? Und stimmt es, dass ein Teil der Luftfracht direkt nach Baku geschickt worden ist?

Nein, das ganze Material wird ins Werk von Faenza zurücktransportiert. Wir wissen ja noch gar nicht, wo das nächste Rennen stattfindet.

Es gab aber Kisten im Fahrerlager, auf welchen als Ziel Baku geschrieben stand.

Da handelte es sich wohl darum, was wir als Container-Material bezeichnen. Wir haben beispielsweise die komplette Boxen-Auskleidung in fünfmaliger Ausführung. Gemäss des WM-Kalenders sind diese Teile als Seefracht unterwegs, während wir an ganz anderen Orten fahren. Die Teams arbeiten da nach einem eigenen Logistikplan, durchaus möglich also, dass hier ein Rennstall solche Teile, die bei einem etwaigen Rennen in Monaco nicht benötigt würden, schon nach Aserbaidschan geschickt hat. Mit dem puren Rennmaterial hat das nichts zu tun.

Wie präsentiert sich derzeit das Leben in Italien?

Ungewöhnlich. Als ich von Rom mit dem Auto gut zwei Stunden nach Faenza gefahren bin, bin ich auf der ganzen Strecke vielleicht zwanzig Autos begegnet! Die Autobahn war leer. Man sieht auch hier niemanden auf der Strasse, das gesamte Leben findet bei den Leuten zuhause statt. Wir haben ja eine Ausgangssperre, und die darfst du nur umgehen, wenn du Lebensmittel einkaufen gehst oder zur Apotheke oder zum Arzt oder zur Arbeit.

Die Bilder aus dem Fernsehen erinnern an einen Katastrophenfilm.

Ja, es ist wirklich unheimlich, das alles. Du siehst aus dem Fenster auf die Strasse, und keine Menschenseele ist zu entdecken. Wir sind es hier in Italien gewohnt, dass sich die Leute gerne im Ferien aufhalten, Italiener sind ohnehin gesellige Menschen. Es ist gespenstisch.

Sind alle im Team gesund?

Ja, alle im Rennstall sind gesund. Wir hatten zum Glück bislang keinen Fall einer Infektion. Ich muss aber auch sagen, dass wir von Anfang an sehr strikte Regeln eingeführt haben. Das geschah bereits vor der Reise zum Wintertest in Barcelona. Wir haben gesagt: Mitarbeiter, die aus der so genannten roten Zone kommen, das war damals die Lombardei oder Venezien, noch nicht das ganze Land, die müssen zuhause bleiben und von dort aus arbeiten. Sie dürfen nicht mehr ins Rennwagenwerk kommen.

Dann haben wir sämtliche Besuche gestrichen, sowohl was Lieferanten betrifft als auch Gäste. Wir hatten auch für die Tests in Spanien Einiges geplant, was Gäste angeht, das haben wir alles abgesagt. Damit wir uns ein wenig isolieren konnten. Bislang hat sich das bewährt.

Wie geht ihr beim Thema SARS-CoV-2-Test vor? Wird jemand erst dann getestet, wenn er Symptome bemerkt?

Wenn jemand über die typischen Krankheitshinweise klagt, also Fieber, Heiserkeit, Probleme mit den Atemwegen, dann haben wir unsere Hausärztin. Die entscheidet dann, ob der Mitarbeiter ins Krankenhaus muss. Denn bei uns ist es so, dass ein Test auf das Virus nur im Spital gemacht werden kann. Ich habe mich auch selber testen lassen, nur damit klar ist, dass alles mit mir stimmt und ich wieder in die Firma kann.

Wie schnell hat man ein Testergebnis?

Nach zwei oder drei Tagen.

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