Toto Wolff (Mercedes): «Eine Idee von Lewis und mir»

Von Gerhard Kuntschik
Formel 1
Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff

Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff

Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff spricht über die neue Lackierung der F1-Autos, den neuen Arbeitsalltag an der Strecke und seine persönliche Zukunft im Werksteam der Sternmarke.

Mit je sechs Fahrer- und Konstrukteurs-WM-Titeln in sieben Jahren ist der Wiener Toto Wolff (48) der erfolgreichste Teamchef in 70 Jahren Formel 1. Vor dem verspäteten Saisonstart am Sonntag (15.10 MESZ) auf dem Red Bull Ring mit dem Grand Prix von Österreich spricht der Österreicher über das neue Design seiner Autos, seine Saisonerwartung und seine Zukunft.

Und Wolff äussert sich im Interview auch zum neuen Arbeitsalltag nach der Coronavirus-Pandemie, der den Saisonauftakt in Spielberg beherrscht. «Von Routine sind wir da weit entfernt», gesteht er, und prophezeit: «Aber es wird für uns alle eine neue Arbeitsweise verlangt, die die Leistung sicherlich beeinflussen wird.»

War die Umfärbung der «Silberpfeile» in eine schwarze Grundlackierung eine Folge der Anti-Rassismus-Bewegung oder schon länger geplant?

Toto Wolff: Das ist kein kurzfristiger PR-Stunt für ein Rennen, sondern wir fahren die gesamte Saison in Schwarz. Unser Standpunkt ist eine echte, messbare Initiative, Diversität zu erhöhen – das gilt sowohl für die ethnische Zusammensetzung als auch für Gender. Das Thema wird länger aktuell bleiben und uns begleiten. Die Idee entstand vor circa einem Monat in einem Telefongespräch zwischen Lewis (Hamilton) und mir, nach dem Vorfall mit George Floyd.

Wie reagierten die Sponsoren darauf, deren Schriften und Symbole jetzt vielleicht anders zur Geltung kommen?

Grossartig, alle waren sofort dabei. Es geht allen auch wie uns um ein Zeichen gegen Diskriminierung und Rassismus.

Welche Auswirkungen wird die Corona-Zwangspause auf den Start an diesem Wochenende haben?

Das ist ja das Spannende: Wir wissen es alle nicht! Die Bedingungen der Tests im Februar sind nicht mehr vergleichbar mit jetzt. Österreich hat eine spezielle Strecke, die für uns meistens kompliziert war. Es wird viel Improvisation nötig sein, um schnell in die Gänge zu kommen. Ich würde nicht behaupten, dass die Wintertests völlig irrelevant sind, aber wir haben in der Zwischenzeit mindestens zwei Updates übersprungen. Wir gehen davon aus, dass wir das Auto seither verbessert haben, aber wissen es definitiv nicht – das erfahren wir erst, wenn es auf der Strecke war. Wir sind die aktuelle Spezifikation noch nie gefahren und haben das Auto vor Spielberg noch nicht wettbewerbsmässig bewegt.

Wer ist Favorit in Spielberg?

Ganz schwierig zu sagen, aber im Endeffekt werden es die üblichen Verdächtigen sein. Red Bull Racing und Max (Verstappen) schätze ich ganz stark ein, dann wir und Ferrari, aber die Italiener glänzten bei den Tests nicht.

Wie gross ist die Beeinträchtigung der Routinearbeit durch das Corona-Protokoll?

Von Routine sind wir da weit entfernt! Ich bin in erster Linie stolz, dass dieses Land es fertigbrachte, die ersten Rennen durchzubringen, weil wir sehr gut durch die Krise gekommen sind. Ich kam aus England zurück, dort ist es jetzt wie bei uns im schlimmsten Lockdown. Es ist toll, was Red Bull da zuwege brachte. Aber es wird für uns alle eine neue Arbeitsweise verlangt, die die Leistung sicherlich beeinflussen wird.

Rennen ohne Zuschauer, ohne Medien, VIPs, PR-Termine, weniger Personal in den Teams und dazu ständige Tests, das alles ist völlig anders. Mit Folgen?

Ich bin seit zehn Jahren dabei, aber das ist völlig neu für mich wie für alle anderen. Am Ende des Tages reduziert sich die Arbeit auf das Wesentliche, und die Stoppuhr sagt das Ergebnis. (Schmunzelt) Ohne Zuschauer bin ich eh gewohnt, ich bin ja Formel Ford gefahren...

Mercedes hat zwar vier Mal von 2014 bis 2017 auf dem Red Bull Ring gewonnen, Lewis Hamilton aber nur einmal, während ihm auf anderen Strecken Seriensiege gelangen. Warum?

Wir haben vor allem in den vergangenen Jahren Probleme mit dem Auto gehabt, sind mit der Höhenlage nicht zurechtgekommen. Aber man darf deswegen Lewis sicher nicht abschreiben.

Mit wie vielen Rennen rechnest du in dieser WM? Derzeit sind nur acht in Europa fixiert.

Mit 15 bis 16. Ausserhalb von Europa erwarte ich, dass China sowie die Rennen im Mittleren Osten möglich sein werden.

Sind die schärfsten Rivalen weiter dieselben?

Ja, Red Bull Racing und Ferrari, und ich will einen Racing Point nicht ausser Acht lassen. McLaren könnte die eine oder andere Überraschung liefern. Mal schauen... Abschreiben darfst du von vornherein niemanden.

Wie siehst du die Zukunft von Mercedes in der Formel 1 – und deine persönliche über 2020 hinaus?

Mercedes hat sich langfristig zur Formel 1 bekannt. Sie gehört zu unserem Kerngeschäft, denn wir bauen Strassen- und Rennautos. Der allererste Mercedes war ein Rennauto. Ich habe eine enge Beziehung zu den Mitarbeitern im Team sowie zu Ola Källenius (Vorstandschef, Anm.) und dem ganzen Vorstand. Deshalb hänge ich an der Mannschaft. Ich habe einen Angestelltenvertrag, bin aber auch Shareholder. Es hängt davon ab, wie sich die Gespräche entwickeln. Aber die gehen in eine gute Richtung.

Du siehst deine Zukunft also weiter eher bei Mercedes als woanders?

Ja, das kann man so sagen.

Nichtsdestotrotz gibt es die Konstellation mit Racing Point, das Aston Martin wird, wo dein Freund Tobias Moers neuer CEO wurde. Würde sich da eine neue Tätigkeit auftun?

Ich habe ein kleines Aktieninvestment bei Aston Martin gemacht, aber nicht mehr. Ich werde dort keine aktive Rolle spielen, nicht im Management des Unternehmens und schon gar nicht im F1-Team.

Und wie steht es um die Zukunft der Formel 1 im Licht der grossen Probleme der Autobauer betrachtet? Ist mit der Transformation zur E-Mobilität die Formel E die Zukunft?

Die Formel 1 ist wie viele andere Industrien nicht vor einer globalen Krise gefeit. Jeder weiss, dass es jetzt ein schwieriges Jahr wird. Es geht nicht um positiven Cashflow oder Profite, sondern ums Überleben. Aber die Formel 1 war vor Covid-19 die grösste und stärkste Motorsportserie, und sie wird es auch danach sein. Sie macht für die Autohersteller Sinn. Denn trotz aller Elektrifizierung baut Mercedes z. B. AMG-Autos, S- und G-Klassen und erreicht damit die Zielgruppe.

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