Formel 1 in Portugal: Was Österreicher alles erlebten

Von Gerhard Kuntschik
Formel 1
Estoril 1992: Trotz des spektakulären Auffahrunfalls von Riccardo Patrese schaffte es Gerhard Berger als Zweiter hinter Sieger Nigel Mansell und vor Ayrton Senna als Zweiter ins Ziel

Estoril 1992: Trotz des spektakulären Auffahrunfalls von Riccardo Patrese schaffte es Gerhard Berger als Zweiter hinter Sieger Nigel Mansell und vor Ayrton Senna als Zweiter ins Ziel

Am morgigen Sonntag wird zum ersten Mal seit 1996 wieder ein Portugal-GP im Rahmen der Formel-1-WM ausgetragen. Höchste Zeit also, einen Blick zurück auf die vergangenen Grands Prix zu werfen.

Corona machte es möglich: Auf der Suche nach Rennen in Europa erinnerte sich das Formel-1-Management an Traditionsstrecken wie den Nürburgring und Imola, an Kurzzeit-Gastspiele wie im Istanbul Park und entdeckte Neuland: Wie in Portimão, wo an diesem Wochenende der Grand Prix von Portugal im erst 2008 eröffneten Autódromo Internacional do Algarve Premiere hat. Es wird der 26. GP von Portugal, allerdings erst der Siebzehnte, der zur F1-WM zählt.

Dabei kann man auf interessante Details zurückblicken, vor allem aus österreichischer (und persönlicher) Sicht.

Die Formel-1-Premiere im Autodrom von Estoril im Oktober 1984 war eigentlich ein Chaos-Wochenende. Die Veranstalter hatten keine Erfahrung in der Organisation auf diesem Niveau, dazu kam, dass es zur Titel-Finalentscheidung zwischen Alain Prost und Niki Lauda kam. Das Medieninteresse war dementsprechend gewaltig.

Damals wurden Akkreditierungen noch vom Veranstalter ausgestellt und nicht von der FIA (damals deren Sportarm FISA). Die Organisation in Portugal bestätigte allein 600 Medienakkreditierungen, doch die FISA teilte nur 300 Pässe (damals Papierkarten) zu. 

Als ich Freitagfrüh gemeinsam mit Kollegen Gerhard Nöhrer von der «Kleinen Zeitung» zur Akkreditierungsstelle im Tourismusbüro von Estoril kam, herrschte dort Chaos. Die Journalistenschlange schien endlos, und jeder diskutierte minutenlang mit dem überforderten Pressechef (der später einen Nervenzusammenbruch erlitt). Es kam beinahe zu Handgreiflichkeiten (sind Journalisten wirklich grundsätzlich bösartig?).

Als wir beide dran waren, sagte der arme Mann: «Ich habe eine Boxenkarte für euch beide, teilt sie euch.» Die Lösung, die wir riskierten: Nöhrer nahm die Papierkarte, und ich band mir die zum Glück mitgebrachte Presseschleife der heimischen OSK um – mit Lichtbild, ganz ähnlich der damaligen FISA-Armschleife.

Ich schaffte ein ganzes Wochenende in Boxen, Fahrerlager und dem «Pressezentrum» (zwei Zimmer, doppelstöckig, gefühlt aus dem 19. Jahrhundert) ungehindert mit der OSK-Armbinde. Danke nochmals nachträglich an Peter Supp, Peter Soche & Co.!

Sonntagabend, als Lauda seinen dritten WM-Titel mit 0,5 Punkten Vorsprung vor Tagessieger und Teamkollege Prost gewonnen hatte, erreichte das Chaos im Presseraum seinen Höhepunkt.

Telefonleitungen brachen zusammen, erste Kollegen mit Computer-ähnlichen Geräten verzweifelten, als der Strom ausfiel und es finster wurde, die Damen bei Telex (ja, das war damals die sichere Seite der Übermittlung!!) und Telefon waren panisch. Irgendwie schaffte es die Kunde von Laudas Titel doch in alle Welt.

Nöhrer und mir wurde von Informanten gesteckt, dass Marlboro für das McLaren-Team eine Party im Hotel Albatroz in Cascais geben würde. Wir schafften es ins Hotel, hielten uns eine knappe Stunde dezent im Hintergrund und erlebten, wie Boss Ron Dennis mit einem Tanz den traurigen Prost aufzuheitern versuchte. Doch dann kam die Pressedame von Philip Morris Europe (Marlboro) und ersuchte uns höflich, zu gehen, denn «Medien sind hier nicht vorgesehen». Egal, wir hatten die Nachwascher-Geschichte.

Fünf Jahre später gab es für die wenigen Österreicher wieder etwas zu feiern: Gerhard Berger siegte, es war sein letzter Ferrari-Erfolg im ersten Turnus, als der Wechsel zu McLaren für die nächsten drei Jahre schon feststand. Platz 1 in Portugal half ein wenig, die Wunden nach dem Feuerunfall im April in Imola zu «heilen».

Doch für Berger brachte Estoril auch noch schmerzhafte Zwischenfälle: 1992 hatte er den Williams von Riccardo Patrese im Windschatten, als der Italiener auf den McLaren auffuhr – Berger wollte in die Box abbiegen – und in die Luft geschleudert wurde. Patrese blieb unverletzt, Berger konnte weiterfahren und wurde als Zweiter, 37 Sekunden hinter dem neuen Weltmeister Nigel Mansell (Williams), Zweiter – noch vor dem bereits überrundeten McLaren-Kollegen Ayrton Senna.

1993 schliesslich hatte Berger, zu Saisonbeginn zu Ferrari zurückgekehrt, Riesenglück, als ihm bei der Ausfahrt aus der Box der Wagen ausbrach und er quer über die Zielgerade schlitterte, aber von keinem Konkurrenten getroffen wurde.

1994 war Estoril nicht nur GP-Schauplatz im Spätsommer, sondern im März auch Start- und Zielpunkt der Rallye Portugal. Als wir im Autodrom auf die Zielankunft der Teams warteten, liefen auf der Strecke Testfahrten der Formel 1 – und da war es kein Problem, mit dem gerade pausierenden Michael Schumacher, Benettons Jungstar, ein ausführliches Interview zu machen. Das waren noch Zeiten!

Und schliesslich der bisher letzte Portugal-GP 1996. Da fanden hinter den Kulissen entscheidende Gespräche statt. Wie zwischen Peter Cramer, dem langjährigen Manager von Alex Wurz, und Benetton-Chef Flavio Briatore. Cramer wollte dem Turiner den 22-jährigen Niederösterreicher, der im Juni Le Mans gewonnen hatte und in der Int. Tourenwagenserie (ITC) erfolgreich war, als Testfahrer schmackhaft machen – mit einigen Sponsorgeldern aus der Telekombranche freilich.

Briatore wurde in erster Reaktion so zitiert: «Who the f…. is Wurz?» Das Resultat: Wurz durfte später testen, war 1997 Ersatzpilot von Benetton und kam für den erkrankten Gerhard Berger im Sommer 1997 zu seinen ersten drei F1-Rennen – mit Platz 3 in Silverstone!

Das zweite Thema war damals das erhoffte Comeback des Österreich-GP auf neuer Strecke. Christof Amann, Security-Experte und Kartenagentur-Chef aus Spielberg, zog die Fäden zwischen steirischer Landesregierung und Bernie Ecclestone. Die Gäste wurden in Bernies Reich, sprich dem Motorhome seines Edelgastronomen Karlheinz Zimmermann, verköstigt. Als ein steirischer Politiker danach zahlen wollte, wies ihn Amann dezent auf die «Einladung» hin, worauf der Politiker sinngemäss entgegnete: «Aber wenn das alles gratis ist, kann das kein Geschäft sein.» Immerhin: Ab 1997 fuhr die Formel 1 auf dem neuen A1-Ring.

Und noch einen skurrilen Vorfall gab es nach dem Sieg von Jacques Villeneuve 1996: Der Bürgermeister von Estoril machte sich – ganz gegen das Protokoll von Bernie Ecclestones Formel-1-Management – bei der Podiumszeremonie wichtig. Das soll, so wurde nachher kolportiert, Portugal den Grand Prix 1997 gekostet haben. Das Finale ein Jahr später wurde in Jerez de la Frontera gefahren – mit dem legendären Rammstoss von Schumacher gegen Villeneuve, der Weltmeister wurde.

Auch daran wird es wehmütige Erinnerungen geben, nicht nur beim Kanadier und dem Williams-Team. Es war auch Bergers letzter Grand Prix mit Rang 4.

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