Formel 1

Gedanken zum 500. Grand Prix: 38 Jahre Wahnsinn

Von - 24.05.2019 19:55

​Monaco feiert 90 Jahre Grand Prix. Ganz so lange bin ich noch nicht im Rennsport. Aber Monte Carlo 2019 bedeutet immerhin mein 500. Formel-1-Wochenende – ein Blick in den Rückspiegel sei gestattet.

Die Formel 1 ist ein einziges atemloses Vorwärts-Taumeln, da verfliegt die Zeit ziemlich schnell, auch für einen Berichterstatter. Sind es wirklich schon 37 Jahre her, dass ich aus Montreal von meinem ersten Grand Prix berichtet habe? Normalerweise mag ich meinen Platz als Chronist, mein Ego braucht kein Scheinwerferlicht, aber heute erlaube ich mir mal, über mich selber zu schreiben, denn Monaco 2019 steht für mein 500. Formel-1-Wochenende. Anders gesagt: Von dieser Formel 1 seit 1950 habe ich fast genau die Hälfte der WM-Läufe vor Ort erlebt.

Montreal 1982 bis Monaco 2019 ist ein ziemlich wahnsinniger Ritt gewesen. Im Laufe der Zeit haben mir Leser einen Haufen Fragen gestellt, entweder bei persönlichen Kontakten an den Rennstrecken, viele davon auch im Rahmen des Monaco-GP («Entschuldigung, sind Sie nicht Herr Brunner?»), oder aus Zuschriften, früher als Briefe, heute als E-Mails. Daraus habe ich für Sie einen bunten Strausse zusammengestellt – was ich erleben durfte, was mich bewegt hat, was mich antreibt, was mich ärgert. Begleiten Sie mich auf einer kleinen Zeitreise.

Woher stammt die Faszination für den Rennsport?

Meine Eltern haben mir erzählt: Als ich zur Welt kam, gab es Probleme mit meinen Atemwegen. Ein Spezialgerät war gefragt, das gab es jedoch nur in einer Spezialklinik am anderen Ende von Zürich. Also fuhr mich eine Ambulanz mit 100 Sachen und heulenden Sirenen quer durch die Stadt. Zum Glück ist alles gut gegangen, auch wenn es ziemlich knapp wurde. Ob mein Hang zu Speed von dort kommt? Schwer zu sagen, aber für unmöglich halte ich es nicht.

Mein Vater hat als Küchenchef gearbeitet. In seiner Freizeit schraubte er am Wagen von Freizeit-Rennfahrer Arthur Blank, der es bis zum Schweizer Meister bringen sollte. Daher waren meine ersten Autorennen Bergrennen, bei welchen Blank an den Start ging. Damals traten dort sogar GP-Stars wie Jim Clark oder Clay Regazzoni am Berg an. Die Atmosphäre: eher ungezwungen. Es war überhaupt kein Problem, mit den Piloten ins Gespräch zu kommen.

Die Welt ist klein: Der gleiche Arthur Blank tunte damals den VW Käfer eines gewissen Peter Sauber. Jetzt wird es noch wilder: Blank war Grafiker und Mitbegründer des legendären Magazins «powerslide» Anfang der 60er Jahre, aus dem 1975 MOTORSPORT aktuell hervorgehen sollte, wo ich 1982 angestellt wurde. Davon hat mein Vater leider nichts mehr erfahren: Er ist Ende der 70er Jahre nach einem Behandlungsfehler im Anschluss an eine Routine-Operation am Meniskus im Krankenhaus verstorben. Seither hege ich einen tiefen Argwohn gegenüber Ärzten und Spitälern.

Wie ging das mit der Journalisten-Laufbahn?

Ich wusste früh, dass ich in die Formel 1 wollte. Längst gehörte «powerslide» zur Pflichtlektüre, ich habe Geschichten der legendären Dieter Stappert oder Helmut Zwickl verschlungen oder von Eoin Young, dem Wegbegleiter von Bruce McLaren. Der Grand-Prix-Sport hat mich magisch angezogen, aber wie es dorthin schaffen? Als Bub war für mich Monaco so weit weg wie der Mond. Eine Fahrerlaufbahn kam nicht in Frage: kein Geld. Im Teenager-Alter meinten einige Lehrer, dass mein Umgang mit der deutschen Sprache nicht ganz ungeschickt sei. Daraus entstanden, noch als Schüler, erste Artikel in Lokalblättern. Ich finde es noch heute irre, dass ich später mit Dieter und Helmut gearbeitet habe und Eoin Young ein Freund wurde.

Nach Abschluss einer Wirtschaftsschule sprach ich bei einem gewissen Günther Wiesinger bei MOTORSPORT aktuell vor. Ich eröffnete ihm, dass ich nun für mehrere Monate nach Nordamerika reisen würde, und ob er vielleicht an Geschichten interessiert sei. Er meinte, ich soll mal in Ruhe reisen und dann etwas mitbringen. Also reiste ich mit meiner treuen Schreibmaschine in die USA und besuchte alle möglichen Formen von Rennsport: CART (IndyCar) in Cleveland, NASCAR in Pocono, Formel 1 in Montreal, CanAm und Dragster.

Wie war der erste Grand Prix?

Grauenvoll. Ich dachte Mitte Juni 1982 in Montreal: Gut, wo stelle ich mich beim Start hin? Hm, vielleicht kurz nach dem Start links an der Leitschiene, dann kann ich zusehen, wie die Fahrer Positionskämpfe auf dem Weg zur ersten Kurve zeigen. Niemand hat einen damals daran gehindert, sich gleich an der Piste zu positionieren. Was dann passierte: Didier Pironi blieb mit dem Ferrari auf der Pole wie angeklebt stehen, der junge Riccardo Paletti war so auf die richtigen Schaltzeitpunkte konzentriert, dass er ihm schnurstracks ins Heck knallte. Der Wagen von Paletti kam vor mir zum Stehen, der Italiener hing leblos in den Gurten. Dann brach Feuer aus. Die Streckenposten hüllten den Wagen in Löschstaub. Das Feuer loderte erneut hoch. Inzwischen näherte sich die Mutter von Paletti, es war wie in einer italienischen Oper, nur eben grauenvolle Realität, «Riccardo! Riccardo!» schrie sie und traf Anstalten, über die niedrige Leitschiene zu steigen und in die Flammen zu stürzen. Teamchef Enzo Osella musste sie davonzerren. Paletti verblutete innerlich vor unseren Augen, seine Aorta war gerissen. Wie in Trance ging ich danach mit Piloten sprechen, bis der Start erneut freigegeben wurde. Es war das Rennen, als in der Dämmerung Nelson Piquet den ersten Sieg für Brabham-BMW errang. Als ich am Abend in meinen Minivan zurückkehrte, Geld für ein Hotelzimmer hatte ich nicht, dachte ich: «Also wenn das die Formel 1 ist, dann weiss ich nicht, ob ich das aushalte.» Ich habe meinen langjährigen Journalisten-Seilgefährten Helmut Zwickl immer bewundert. Es sind während seiner Zeit so viele Fahrer gestorben. Ich bin nicht sicher, ob ich das ertragen hätte.

Wie ging es weiter?

Ich kehrte aus den USA zurück. Ich brachte viele Geschichten mit. Der Umgang mit den Piloten war ein Traum. Auf dem Burke Lakefront Airport von Cleveland ging ich einfach zu IndyCar-Ass Rick Mears, sagte, ich käme aus der Schweiz, und ob ich ihn interviewen dürfe. Er meinte: «Komm bitte nach dem Rennen in unseren Transporter.» Was ich auch tat. Der Pilot zog sich nach dem IndyCar-Rennen um, damals hiess die Serie CART, ich liess ein Tonband laufen und Indy-Star Rick Mears gab verschwitzt und in Unterhosen Auskunft. Dann ging auf einmal die Tür des Transporters auf, und Roger Penske kam herein. «Captain», meinte Rick, «das ist Mathias, er kommt aus der Schweiz, um unseren Sport zu sehen.» Penske war sehr nett, wollte wissen, was mir gefallen hat und was weniger. Heute wäre eine solche Szene unvorstellbar.

Na jedenfalls hat Günther Wiesinger meine Texte gelesen, fand sie halbwegs brauchbar und hat mir eine Stelle als Redaktionsassistent angeboten. Ich habe am 1. November 1982 bei MOTORSPORT aktuell angefangen und bin bis 2008 geblieben. Dann folgte ich Günther zum neuen Abenteuer SPEEDWEEK.com.

In die Formel 1 bin ich hineingewachsen. Günther Wiesinger war nicht nur ein geduldiger Mentor, er hat auch meine Begeisterung für den Sport und meinen Einsatzwillen zu schätzen gewusst. Nach einigen Tagen hat er gemeint: «Sie dürfen auch ruhig mal vor 20.00 Uhr nach Hause gehen.» Ich habe einige Archive auf Vordermann gebracht und mich richtig reingehängt. Ich durfte zu Schweizer Bergrennen fahren, zu meinem ersten Grand Prix als MSa-Berichterstatter. Daraus wurden von Jahr zu Jahr mehr Einsätze, 1988 war die erste Saison, die ich komplett vor Ort verfolgt habe.

Wie hat sich die Formel 1 in dieser ganzen Zeit verändert?

Der Sport hat sich komplett verändert. Es gab viel weniger Journalisten in der Formel 1, die Piloten waren zugänglicher. Es gab keine Mediendelegierten weit und breit. Du bist zu einem Piloten gegangen, hast ihm eine Frage gestellt und Antwort erhalten, das war’s. Es gab keine Ausflüchte, kein PR-Gewäsch. Einmal hat es am Osella von Christian Danner den Alfa-Turbomotor zerrissen, es hat gebrannt, und die Teile sind auf die Fahrbahn gepurzelt. Ich bin in die Box runter und habe einen Mechaniker gefragt: «Was war los?» Der Italiener: «Ölverlust.» – «Ölverlust? Spinnst du? Ich habe doch gesehen, wie es den Motor zerfetzt hat.» – «Kommt mit.» Der Schrauber hob mit schrundigen Händen die Motorverkleidung vom Wagen, im Block klaffte ein faustgrosses Loch, aus dem Schmierstoff sickerte. «Siehst du? Ölverlust …»

Es gab keine voll vernetzten Pressezentren. Du hast dich an eine strategisch günstige Kurve gestellt und eine Rundentabelle geführt. Du hast aufgeschrieben, wenn ein Fahrer verdächtig spät aufgetaucht ist oder auf einmal fehlte. Später bist du ins Fahrerlager gestapft und hast in Gesprächen mit den Piloten gewissermassen das Rennen rekonstruiert. In Monaco habe ich jahrelang das Formel-3-Rennen gemacht. Das Fahrerlager war zwei Kilometer vom Mediensaal entfernt. Es gab keine Busse. Dafür hatten alle Fahrer Zeit, um mit dir zu reden. Dann hast du dich hingesetzt und etwas darüber geschrieben. Am Ende war es zu spät, der letzte Zug Richtung Menton war abgefahren. Kein Taxi weit und breit. Also bin ich losgelaufen, in der Hoffnung, dass mich ein Kollege sieht und mitnimmt. Mein Lebensretter war dann der Schweizer Journalist und Buchautor Adriano Cimarosti.

In der Anfangszeit habe ich in der Redaktion Tonbänder abgetippt, die der grosse Yörn Pugmeister aus exotischen Ländern wie Brasilien durchtelefoniert hat. «In der dritten Runde hatte Watson, Komma, der beim Start schlecht weggekommen war, Komma …» Und Gott stehe mir bei, wenn am Ende im Blatt ein Komma gefehlt hat! Es war auch noch die Zeit, als Pugi und Helmut Zwickl Texte zu von Fachwissen eher unbelasteten Telex-Damen gebracht haben, die deren Manuskripte eintippten, bei uns in Zürich kam das wieder raus. Es war die Steinzeit.

Wir haben ein Gerät wie den Telefax wie ein Weltwunder bestaunt, später kamen die Urgrossväter der heutigen Laptops, wie ein Olivetti, dessen Display aus nur fünf Zeilen bestand, oder ein Tandy 200. Die Texte wurden per Akustik-Koppler übermittelt, der Hörer dazu tief in die Kopplerschalen gepresst, und wenn einer im Raum während der Übertragung gehustet hat, ist die Verbindung zusammengebrochen. Du bist als Journalist auch zusammengebrochen. Die Übermittlung heute ist dagegen das reinste Kinderspiel.

Wie waren die Piloten aus den 80er Jahren gemessen an den Rennfahrern von heute?

Ich mag keine Menschen, die ständig von der guten alten Zeit faseln. An der alten Zeit war nicht alles gut. Doch die Fahrer waren echte Kerle und keine schmächtigen Teenager, die Angst vor dem eigenen Schatten zu haben scheinen und wie geklont wirken. Aber die Fahrer waren viel weniger eingebunden, ihr Tag war nicht so durchgetaktet wie heute, und in einer Wellblechhütte namens Pressesaal sassen 40 Leute und nicht 400 wie heute in hochmodernen Medienzentren, die an Kommandoräume der NASA erinnern.

Der Begriff der politischen Korrektheit war in weiter Ferne, und entsprechend haben sich die Fahrer verhalten. Es gab mehr Vertrauen zwischen Piloten und Journalisten. Es gab keine Handys, also auch keine verwackelten Filmchen von Fahrern, die am Abend die Sau rauslassen. Natürlich schlugen die GP-Stars unfassbar über die Stränge, aber ihr Privatleben blieb privat. Hat sich einer zugeschüttet oder ist mit zwei Schönheiten ins Zimmer abgehauen, wurde das zur Kenntnis genommen, aber nicht thematisiert.

Die Teamchefs waren Racer wie Frank Williams, keine kühlen Manager-Typen wie heute. Wenn ein Mensch ein echter Racer ist, hat mich das immer beeindruckt, weil ich auch einer bin. Mir liegt der Sport am Herzen, die Formel 1 berührt mich, sie ist mir nie egal gewesen. Ich mache meinen Job nicht, um möglichst leicht möglichst viel Geld zu verdienen, sondern mit viel Herzblut. Echte Racer finde ich viele im Fahrerlager, das ist schön – andere Journalisten, Fahrer, Techniker, Mechaniker, und zu unser aller Glück finden wir auch unter den Zuschauern ganz viele Racer.

Gibt es einen Lieblingsfahrer?

Als Kind habe ich die Schweizer Piloten Jo Siffert und Clay Regazzoni verehrt. Ich staunte über den Scharfsinn von Niki Lauda und über seine Offenheit. Ich hörte gebannt Ayrton Senna zu, wenn er uns gewissermassen mit ins Auto nahm und berichtete, was da draussen passiert. Ich schätzte den Schalk von Gerhard Berger. Ich bewunderte die Hingabe von Michael Schumacher. Ich mochte den trockenen Humor von Mika Häkkinen und die Leidenschaft von Fernando Alonso. Ich darf mich glücklich schätzen, einige der ganz Grossen auf der Rennstrecke erlebt zu haben: Lauda und Prost, Senna und Schumacher, Hamilton und Alonso und Vettel.

Welches war das schlimmste Erlebnis?

Das Wochenende von Imola 1994 mit den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna. Zum Glück hatte ich die Journalisten-Legende Helmut Zwickl an meiner Seite, unbeirrbar wie der Fels von Gibraltar. Seine Professionalität in diesen traurigen Stunden war vorbildlich. Zwei Wochen nach Imola traten wir in Monte Carlo an, und Karl Wendlinger fiel nach einem Crash ins Koma. Ich habe seine damalige Freundin ins Krankenhaus begleitet, die Spitalführung dachte, ich gehöre zur Familie. Ich verbrachte den ganzen Tag im Spital, später habe ich eine Geschichte geschrieben, die sogar einen Preis gewann, «für den verantwortungsvollen Umgang mit einem heiklen Thema».

Die Mitglieder der Formel 1 rückten damals eng zusammen, so wie das eine Familie tut in schweren Stunden. Daran hat sich nichts geändert. Für Menschlichkeit ist noch immer Platz, das jüngste Beispiel ist der Verlust von Niki Lauda. Viele Menschen sind davon tief betroffen und scheuen sich nicht, das auch zu zeigen. Das finde ich bei aller Trauer tröstlich.

Traurig war auch der Formel-1-Lauf in Indianapolis 2005: Michelin hatte Reifen in die USA gebracht, welche der Belastung im Oval-Teil der Strecke nicht gewachsen waren. Die Versicherungsexperten warnten die Franzosen: «Kommt es zu einem Unfall, möglicherweise mit verletzten Zuschauern, dann werdet ihr mit Prozessen eingedeckt, welche euch Millionen kosten.» Ergebnis: Nach der Aufwärmrunde fuhren alle Michelin-bereiften Autos an die Box. Zum Start stellten sich nur sechs Rennwagen mit Bridgestone-Walzen auf, zwei Ferrari, zwei Jordan und zwei Minardi. Die Fans waren zunächst wie betäubt über dieses skurrile Schauspiel, dann wurden sie fuchsteufelswild. Nachdem ich die ganzen Berichte über diese Schande abgesetzt hatte, wollte ich am Abend mit dem Mietwagen vom Medienparkplatz losfahren. Der Platz war umringt von wütenden Fans. Als die geprellten GP-Besucher sahen, dass ich mit dem Zirkus etwas zu tun habe, wurde ich beschimpft und angespuckt. Ich konnte den Fans noch nicht mal böse sein. Aber es war dennoch erniedrigend. Ich schämte mich für meine Formel 1.

Wie hat sich die Medienlandschaft geändert?

Nicht geändert, umgekrempelt, aber total. Ein Beispiel: Früher habe ich im Fahrerlager eine Information erhalten. In der Folge habe ich aus zweiter und dritter Quelle versucht, die erste Information zu bestätigen. Dann erst habe ich mich zum Schreiben hingesetzt. Heute erfährst du etwas, dann musst du bereits abwägen: Habe ich noch die Zeit, um das zu überprüfen? Oder wie schnell muss das aufs Netz? Oder steckt hinter der gezielt platzierten Information ein Plan? Was will jemand auslösen, wenn eine solche Geschichte an die Öffentlichkeit kommt?

Das Internet hat die Arbeit grundlegend verändert. Alles ist viel schneller geworden. Alles passiert in Echtzeit. Man muss sich das mal vorstellen: In den 30er Jahren sind Grands Prix in Übersee gefahren worden, dann ist der Renntross in aller Ruhe nach Europa zurück, per Schiff wohlgemerkt, während der Reise hatten die wenigen Berichterstatter bei ausgiebigen Abendessen die Möglichkeit, Fahrer und Teamchef zum Rennen zu befragen. Zuhause wurde dann eine Geschichte geschrieben, und zwei oder drei Wochen nach dem Anlass war davon endlich mal etwas in der Zeitung zu lesen. Heute habe ich den Anspruch: Wenn Mick Schumacher in Monaco sein Formel-2-Rennen fährt, und um 12.30 Uhr fällt die Zielflagge, dann soll mein Bericht um 12.30 Uhr online stehen.

Welche Journalisten schätzt ein Journalist?

Es geht mir nicht anders als allen Menschen: Einige Mitmenschen mag ich, bewundere sie sogar, andere kommen auch gut ohne mich aus. Ich mag die Leidenschaft der Engländer Joe Saward und David Tremayne, echte Racer durch und durch, das gilt auch für den Deutschen Michael Schmidt. Ich verehre die Sprachgewalt von Herbert Völker, Dieter Stappert, Helmut Zwickl und Yörn Pugmeister und den scharfen Geist meines Chefredakteurs Günther Wiesinger. Für einige meiner Kollegen lege ich meine Hand ins Feuer, Einigen habe ich aus brenzligen Situationen geholfen oder sie finanziell gestützt. Andere haben weder Anstand noch Integrität, geschweige denn Fachwissen. Das hindert sie nicht daran, den Eindruck zu vermitteln, sie hätten die Formel 1 erfunden.

Welches sind die besten Rennfans der Welt?

Mich berührt es, wenn ich die Begeisterung der Menschen spüre, am ehesten passiert das in Italien, in Brasilien oder in Japan. Ich finde auch die Lebensfreude der Niederländer ansteckend und bin gespannt darauf zu erleben, was 2020 in Zandvoort los sein wird. Darüber hinaus gibt es kein fachkundigeres Publikum als die Briten.

Welches sind die grossartigsten Rennstrecken?

Das ist eine Mischung aus Tradition und Glamour. Ich habe eine Schwäche für Silverstone, auch wenn die Piste mit dem früheren Kurs nicht mehr viel zu tun hat. An einem Morgen in den Park von Monza einzutauchen, das hat etwas Magisches. Die Würze der Morgenluft in Spa-Francorchamps ist einzigartig. Ich liebe Suzuka. Es bereitet mir Gänsehaut, in Monte Carlo an Mauern zu stehen, an welchen schon Caracciola, Rosemeyer, Fangio, Ascari, Clark, Stewart, Fittpaldi und Lauda vorbeigedriftet sind. Auf keiner Strecke bekommst du solch ein Gefühl dafür, wie schnell diese Autos sind. Vom Rahmen her sind alle Rennen mit M der Knaller: Melbourne, Monaco, Montreal; ich mach dann immer einen billigen Witz und füge Maustin hinzu. Das Nachtrennen von Singapur finde ich ebenfalls grandios.

Ist das Leben als Berichterstatter anstrengend?

Ja. Es wird von dir erwartet, dass du fast 24 Stunden rund um die Welt nach Melbourne fliegst, dort aus dem Flieger steigst und funktionierst. Natürlich ist das anstregend. Einmal bin ich in Zürich bei 20 Grad minus und Winterlandschaft eingestiegen, am nächsten Tag ging die Tür des Fliegers in Sao Paulo auf, es waren 30 Grad. Fünfzig Grad Temperatur-Unterschied, dazu der Jetlag, da bist du ein wenig durch den Wind. Es gibt keine Krankentage. Ich weiss noch von einem Monaco-Wochenende, da pendelte ich vom Bett, das ich jede Nacht durchgeschwitzt habe, zur Rennstrecke, habe den ganzen Tag geschrieben, dann wieder ab ins Bett. In Malaysia habe ich wegen einer Lebensmittelvergiftung sechs Kilo verloren. Sauber-Physio Jo Leberer hat mich aufgepäppelt.

Aber das alles wird aufgewogen durch einen wirklich fabelhaften Job. Ich meine, ich reise um die ganze Welt, ich treffe faszinierende Menschen in umwerfenden Städten, ich staune über fremde Kulturen und erkunde ungewöhnliche Küchen. Und im Mittelpunkt steht immer die Formel 1, die grösste Show der Welt, ein einzigartiger Wanderzirkus. Alle Mühsal wird belohnt durch unbezahlbare Erinnerungen: Wenn sich ein Weltmeister nach seinem Rücktritt bei dir für deine Fairness bedankt, wenn du einem Piloten aus der Patsche hilfst, wenn du die Leidenschaft der Fans spürst, wenn du merkst, wie sich die Menschen helfen, wenn Not am Mann ist, wenn du die Freude eines Fahrers teilen darf, der erstmals ein Rennen oder den Titel gewinnt, wenn hartgesottene Mechaniker nach einem Erfolg heulen wie kleine Mädchen, wenn sich ein Leser für eine Geschichte bedankt. Das sind Momente, die mir ans Herz gehen. Formel 1 ist hoch emotional.

Gibt es Aspekte der Arbeit, welche einen ärgern?

Vermutlich gibt es die in jedem Job, natürlich. Wenn du an einem 14-Stunden-Arbeitstag 17 Geschichten ins Netz stellst, und ein Leser regt sich über einen Tippfehler auf, nach was weiss ich wie vielen tausend Anschlägen, dann ist das schon sehr kleinlich. Das Soziale ist im Laufe der Jahre ein wenig verloren gegangen, weil die Arbeitslast der meisten Kollegen viel grösser geworden ist.

Wohin bewegt sich die Formel 1?

Leider nicht immer in die richtige Richtung. Der Schritt zu den heutigen 1,6-Liter-V6-Hybridmotoren war ein Riesenfehler. Die FIA wollte sich ein grünes Mäntelchen umhängen und hat sich dem Druck der Hersteller gebeugt, welche ihre technische Kompetenz beweisen wollten. Dann haben es FIA, Formel-1-Management und die Hersteller verpasst, so etwas wie Faszination zu wecken für diese technischen Wunderwerke, ein PR-Desaster.

Ende der 90er Jahre habe ich im Rahmen einer Klassenzusammenkunft ein Dutzend früherer Mitschüler zu einem Formel-1-Test von Zürich nach Monza mitgenommen. Später sagten die F1-Neulinge: «Wir hätten nie im Leben geglaubt, wie unsagbar laut die Autos sind. Und im Fernsehen kommt überhaupt nicht rüber, wie schnell die Rennwagen in Wahrheit sind.» Ich finde: Wenn ein Mensch zum ersten Mal Formel 1 sieht, müsste ihm die Kinnlade bis zum Knie runterklappen – aber das erreichen wir nur mit schmerzend lauten Autos, die schon im Stillstand wie sprungbereite Raubtiere aussehen. Wir müssten Rennfahrer haben, denen wir nach einem Einsatz ansehen, welch gigantische Leistung sie vollbracht haben. Die Piloten müssen wie Gladiatoren wahrgenommen werden. Wenn ein milchgesichtiger 18-Jähriger fast so schnell fahren kann wie am Tag zuvor Lewis Hamilton und nach dem Aussteigen aussieht, als habe er eine Partie Pingpong hinter sich, dann ist das einfach nur falsch.

Wir müssten Autos haben, die aerodynamisch viel weniger sensibel sind. Immerhin ist begriffen worden, dass wir breitere Räder brauchten. Wir haben zu viele Rennen. Je mehr Grands Prix wir haben, desto beliebiger werden sie. Wir brauchen nicht noch mehr WM-Läufe, sondern weniger. Die Formel 1 hat ein Nachwuchsproblem unter den Zuschauern, die neue F1-Führung hat das verstanden. Die Show namens Formel 1 muss besser werden, um neue Fans anzuziehen. Vor 20 Jahren war ein Grand Prix etwas Besonderes, Sonntag 14.00 Uhr war Pflichttermin, um den Fernseher einzuschalten. Heute ist das Freitzeitangebot real und virtuell so enorm, dass der GP-Sport dringend aufgehübscht werden muss, um seine Magnetkraft zu erhalten.

Etwas ganz Anderes: Was hat es mit der blauen Kappe auf sich?

Zunächst mal ist die blaue Kappe Sonnenschutz. Ich habe eher helle Haut, da muss ich ein wenig aufpassen mit der Sonne. Die Kappe ist blau, weil ich mit meiner Freundin vor Jahren ein Spiel der Toronto Blue Jays besucht habe. Die Mannschaft hatte eine Serie lauter Niederlagen hinter sich, der Zufall wollte es, dass für dieses eine Spiel, das wir anschauten, ein früherer Trainer zurückkehrte – und dann siegten die Blue Jays wirklich! Die Fans flippten total aus. Ich fand die Farbe schön und den Vogel der Baseball-Mannschaft, es war ein sehr berührender Sportabend. Also ist die Kappe geblieben.

Gibt es ein Leben neben der Formel 1?

Zum Glück ja. Ich liebe den Grand-Prix-Sport und meinen Beruf, aber ich war ich nie der Ansicht, dass die Formel 1 der Nabel der Welt ist. Die Formel 1 ist letztlich eine gigantische Unterhaltungsmaschine, ich bin darin ein klitzekleines Rädchen. Ich liebe die Formel 1, aber ich bin froh, interessieren sich meine Freunde nicht übermässig dafür. Vielleicht eine oder zwei Fragen, dann reden wir von Anderem. Das ist gut, denn ich wollte nie zum Fachidioten werden.

Ich reise gerne, auch privat, ich kann sehr schnell und effizient packen! Ich lese unheimlich viel und habe eine Bibliothek mit rund 6000 Titeln aus allen möglichen Bereichen – Raumfahrt, Schiffsbau, Geschichte, Musik, Film, Comics, aber zwei Drittel davon natürlich Renntitel. Ich fotografiere gerne. Ich schätze gutes Essen, mag Filme, habe Freude bewahrt an kleinen Dingen, welche viele Menschen vermutlich als belanglos einstufen würden – ein Eichhörnchen, das auf einem Ast an einer Nuss knabbert; ein Kinderlachen; wenn die Sonne kurz vor dem Abtauchen hinterm Horizont noch mit ein paar Wolken spielt; eine kleine Geste aus dem Alltag, die beweist, dass die Menschen noch nicht komplett verroht, rücksichtslos, abgestumpft und verblödet sind, sondern dass vielmehr aufmerksame, mitfühlende, intelligente Zeitgenossen unser aller Leben bereichern. Auch in der Formel 1.

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