Corona-Virus: Italiener in Bahrain lange festgehalten

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Die F1-Führung beobachtet aufmerksam, wie sich die weltweite Situation um den Corona-Virus entwickelt. Vor dem Formel-2-Test in Bahrain wurden Einreisende aus Italien stundenlang festgehalten.

Aus immer mehr Ländern werden Erkrankungen wegen des Corona-Virus gemeldet, auf der ganzen Welt leiden bald 100.000 Menschen an der Lungenkrankheit, mehr als 2800 Menschen sind daran gestorben. Aus Formel-1-Perspektive ist der China-GP bereits verschoben, Schwarzmaler sind sogar davon überzeugt, dass die WM erst im kommenden Mai in Zandvoort beginnen könnte. F1-CEO Chase Carey hat bei seiner Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten widersprochen und sieht für den Saisonstart grünes Licht.

Aber die Situation kann sich schnell ändern. Wer hätte vor zwei Wochen erwartet, dass die Krankheits- und Todesfallrate in Italien so schnell und so dramatisch ansteigen würde?

In den letzten Jahren hat sich etabliert, dass die Formel-1-WM Mitte bis Ende März in Australien beginnt und bis Ende November, Anfang Dezember dauert. Das war nicht immer so. 1965 und 1968 verbrachten die Formel-1-Stars Silvester in Südafrika, nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil am jeweils 1. Januar die neue WM-Saison begann! Und die Stars gingen damals auch nicht brav um zehn zu Bett, um fürs Rennen fit zu sein, und falls doch, dann ganz bestimmt in netter Begleitung. 1965 liessen es die Besten wie Jim Clark oder Jack Brabham bis in die frühen Morgenstunden krachen.

Selbst in den 70er Jahren wurde früh begonnen – etwa am 9. Januar 1977 in Argentinien. Allerdings: Wer sich damals über einen frühen Saisonbeginn gefreut hat, der musste später Däumchen drehen. Vom ersten WM-Lauf 1965 in East London (Südafrika) bis zum zweiten Rennen in Monaco verstrichen fast fünf Monate! Noch im Jahre 1966 dauerte die rennfreie Zeit bis zum 22. Mai, dann erst fand der WM-Auftakt mit dem Strassenklassiker im Fürstentum statt.

Der Autoverband FIA und «Formula One Management» (FOM) behalten die Corona-Situation scharf im Auge: Hier in Barcelona ist eine Sitzung zwischen Serien-CEO Chase Carey, Sportchef Ross Brawn und den Team-Managern geplant. Die Kernfragen: Wie stark gefährdet sind die Rennen von Australien, Bahrain und Vietnam? Mit welchen logistischen Hindernissen ist zu rechnen?

Vertreter von Formel-2- und Formel-3-Teams aus Italien berichten, dass sie bei der Anreise zum Saisonvortest (1.–3. März) bis zu drei Stunden lang am Flughafen festgehalten wurden: Ärzte nahmen die Anreisenden unter die Lupe. Dann durften sie einreisen. Die Testfahrten sollen wie geplant über die Bühne gehen.

Bahrain bestätigt 33 Erkrankungen, die meisten Menschen reisten zuvor aus dem Iran ein.

Wie wirkt sich das Thema Corona-Virus eigentlich auf die Motorrad-WM aus, wo eine Woche vor Australien in Katar gefahren werden soll? Mehr dazu in dieser Geschichte.

Die nächste Frage wird sein, welche Massnahmen die verschiedenen Länder wegen des Corona-Virus treffen und wie die Unternehmen in der Formel 1 auf die Krise reagieren.

Offiziell sind die 16 Corona-Erkrankten in Vietnam alle wieder gesund, weitere Informationen gibt es seitens der Asiaten nicht. Wir stellen hinter diese Behauptung der Vietnamesen mal ein fettes Fragezeichen.

Vietnam will sich mit einer Einreisesperre schützen, wonach Menschen aus Ländern mit Corona-Toten nicht mehr ins Land kommen dürfen. Nur trifft das auf halb Europa zu. Ein Rennen ohne Beteiligung aus Italien oder Japan? Undenkbar. Bahrain hat panische Angst vor der Drehscheibe Dubai, die besonders viele Reisende nutzen. Australien behält sich vor, die Einreisebestimmungen zu verschärfen.

Dass sich ausgerechnet die Betreiber der Rennpisten Imola und Mugello als Ersatztermine für China ins Gespräch bringen, ist vor dem Hintergrund der jüngsten Erkrankungen in Italien ein Hohn.

Wir dürfen auch andere Perspektiven nicht vergessen: Es geht nicht nur um Gesundheit, es geht auch um viel Geld und Karriere-Denken. Entfällt die Antrittsgebühr für ein Rennen wie China, wenn in Shanghai gar nicht gefahren werden kann? Muss beispielsweise Bahrain für sein Rennen bezahlen, auch wenn der WM-Lauf abgesagt würde? Gilt dann ein Fall höherer Gewalt und was bedeutet dies für allfällige Versicherungen? Sehr wahrscheinlich ist jedes Abkommen mit der FOM wieder anders abgefasst. Die Formel 1 und die Rennveranstalter behandeln diese Abkommen vertraulich, Vertragsdetails obliegen der Verschwiegenheit. Politiker bangen um ihre Karriere: Keiner will einen sportlichen Grossanlass abnicken, nur um sich später Fragen anhören zu müssen, wieso sich Virus-Erkrankungen vervielfacht haben.

WM-Läufe mussten in der Königsklasse immer wieder verschoben oder abgesagt werden, wie ein kurzer Blick in die Historie der Königsklasse zeigt. Allerdings noch nie wegen einer Pandemie.

1995 wurde der auf 16. April angesetzte Pazifik-GP (in Aida/Japan) nach einem Erdbeben in den Oktober verschoben.

1985 löste sich der neue Belag auf der Traditionsrennstrecke von Spa-Francorchamps auf. Der auf 2. Juni angesetzte WM-Lauf wurde Mitte September nachgeholt.

Meist sind es finanzielle Sachzwänge, welche zur Absage eines Rennens führen: 2015 suchten die südkoreanischen Organisatoren einen Weg aus dem Vertrag mit dem damaligen Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone. Ihr Rennen war ein einziges Fiasko, und so handelten sie nach dem Motto – lieber ein Ende mit Schrecken (Konventionalstrafe aufgrund des Vertragsbruchs) als ein Schrecken ohne Ende.

Der WM-Lauf von Bahrain 2013 konnte aufgrund von Unruhen im Land nicht stattfinden, das auf 13. März angesetzte Rennen wurde zunächst auf Oktober verschoben und später abgesagt.

1997 wurde der Grossen Preis von Portugal auf 21. September geplant. Aber die Pistenbetreiber weigerten sich aber, ihre Strecke zu modernisieren. Sie erhielten zunächst eine weitere Frist, bis 26. Oktober, dann platzte das Rennen. Stattdessen kam es zu einem Europa-GP in Jerez – und dem dramatischen WM-Finale zwischen Michael Schumacher und Jacques Villeneuve.

1987 führt ein Sponsoren-Streit zwischen den beiden Brauerein Molson und Labbatt dazu, dass der Kanada-GP abgesagt wurde.

Der 1979 geplante WM-Lauf in Schweden wurde nach dem Tod der einheimischen Fahrer Ronnie Peterson und Gunnar Nilsson gestrichen: Das Interesse schwedischer Fans und Sponsoren war erloschen.

Der für 1976 geplante Grosse Preis von Argentinien konnte nicht durchgeführt werden, weil es wirtschaftliche Probleme und daher schwere Unruhen im Land gab.

1969 musste der Belgien-GP gestrichen werden, weil die von den Piloten geforderden Umbauten für mehr Sicherheit nicht durchgeführt wurden. Die englischen und italienischen Rennställe machten klar: Dann fahren wir nicht.

1956 und 1957 wurden einige WM-Rennen wegen der Suez-Krise und der gestiegenen Ölpreise abgesagt (Niederlande, Spanien, Belgien).

1955 wurden nach der Le-Mans-Tragödie (84 Tote) die Rennen von Reims (Frankreich), Nürburgring (Deutschland), Bremgarten (Schweiz) und Pedralbes (Spanien) alle abgesagt.

Schlusswort von AlphaTauri-Teamchef Franz Tost: «Die Situation ändert sich ständig, wir müssen auf alles vorbereitet sein.»


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