Jeddah Corniche: Schnellster Strassenkurs der Welt

Von Mathias Brunner
Nur noch drei Tage, dann fauchen erstmals Formel-1-Autos um den neuen Jeddah Corniche Circuit in Dschidda (Saudi-Arabien). Die Rennstrecke wird der schnellste Strassenkurs der Welt sein.

Saudi-Arabien begrüsst zum ersten Mal den grössten Zirkus der Welt, die Formel 1. Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng: Wer nicht an der Strecke arbeitet, sei dies an der Infrastruktur oder als Vertreter eines Rennstalls aus Formel 1 oder Formel 2, der darf nicht aufs Gelände, basta.

Natürlich halten wir uns diszipliniert an diese Vorgabe. Tun wir also einen Moment so, als wären wir eine der streunenden Katzen, die in den Strassen von Dschidda in grosser Zahl anzutreffen sind. Was würde sie, solche Beschränkungen mit leisen Pfoten umgehend, an der Rennstrecke wohl entdecken können?

Sie sähe ungefähr das Gleiche wie zuvor bei den Vorbereitungen auf Strassen-GP in Singapur, Valencia oder Baku: Fieberhafte Arbeit, überall wird gehämmert und geklopft und gestemmt und geflucht, denn es ist 34 Grad, bei hoher Luftfeuchtigkeit, Waschküchen-Wetter wie in Singapur.

Vor Wochen geisterte durch die Medien, es werde verflixt knapp mit der Fertigstellung des 6,175 Kilometer langen Kurses (nur Spa-Francorchamps ist mit 7,004 km noch länger). Die Wahrheit, so findet unsere Katze, ist: Ja, knapp wird es durchaus, aber ist es das bei solchen Rennstrecken nicht immer?

Kein Formel-1-Kurs ist je schneller aus dem Boden gestampft worden als der Jeddah Corniche Circuit, die Arbeit begann erst im April, acht Monate später wird die Piste zum ersten Training bereit sein, die ganzen Räumlichkeiten für Teams und Medien und Gäste werden es ebenfalls sein, aber es wird noch dauern, bis die Strecke jenen Glamour verströmt, der auf Computergrafiken verheissen worden war.

Zu Spitzenzeiten waren 3000 Arbeiter am Werk, von 50 verschiedenen Firmen. Saudi-Arabien bat dabei auch Fachkräfte aus Deutschland, Österreich, Spanien, Italien und Grossbritannien um Unterstützung.

Unsere Katze schleicht davon und ist überzeugt: Wenn die Formel 1 im Frühling 2022 zurückkehrt, dann wird das alles schon ganz anders aussehen.

Die Corniche ist die Vorzeigestrasse in Dschidda, und wenn erhebliche Teile davon nicht mehr zugänglich sind, dann erzeugt das Probleme. Ein Uber-Fahrer erzählt uns: «Ich wollte am Montag einen Fahrgast an einem Punkt absetzen, der innerhalb des Kurses liegt. Keine Chance. Nach einer halben Stunde Herumkurven habe ich aufgegeben, er musste zu Fuss weiter.»

Das erinnert mich an meinen ersten Besuch in Baku, als der Flieger morgens um zwei landete und ich eine Stunde später meinen Koffer fluchend über Beton-Elemente stemmte und die Piste kreuzte, auf der Suche nach meiner bescheidenen Bleibe in der Altstadt. Der Taxifahrer hatte schlicht aufgegeben und mich achselzuckend der aserbaidschanischen Nacht überlassen.

Zurück nach Dschidda: Die Saudis haben sich nichts weniger zum Ziel gesetzt, als den Fans den schnellsten Strassenkurs der Welt zu bieten, und das werden sie locker erreichen. In Baku steht der Rundenrekord von Charles Leclerc aus dem Jahre 2019 bei 209,797 km/h, für Dschidda wird ein Schnitt von 250 km/h erwartet, aufgrund des überaus flüssigen Pistenlayouts aus vorwiegend langgezogenen Bögen an der Corniche. Das würde bedeuten: Nur in Monza wird ein höherer Rundenschnitt erreicht! Im Albert Park von Melbourne wird ein Schnitt von rund 235 km/h gefahren.

Was beim Layout auch auffällt: Viel Raum für Fehler gibt es nicht. Die Mauern stehen sehr nahe, ein Patzer wird sofort bestraft.

Die Piste umschliesst 27 Kurven (16 nach links, elf nach rechts), gefahren wird im Gegenuhrzeigersinn – wie in dieser Saison auch in Doha, Portugal, Baku, Sotschi, Texas, Abu Dhabi, Istanbul, Imola und Interlagos.

Es wird gleich drei Zonen geben, in welcher die Fahrer ihre Heckflügel flachstellen dürfen, um sich auf ihre Gegner zu werfen.

Eigenwillig ist Kurve 13 am Südende des Kurses, die Spitzkehre ist um 12 Grad überhöht, das ist steiler als die Kurven des Indianapolis Motor Speedway!

Saudi-Arabien ist das fünfte Nachtrennen der Formel 1 nach Singapur, Abu Dhabi, Bahrain und Katar. Vergleichbar mit Bahrain und Doha: Das erste und dritte freie Training am 3. und 4. Dezember wird bei Tageslicht gefahren (16.30 und 17.00 Uhr Lokalzeit), die Sonne geht hier um 17.40 Uhr unter. Das zweite freie Training und das Qualifying ist dann schon repräsentativer, was Pistentemperturen angeht: 21.00 Uhr und 20.00 Uhr geht es in Saudi-Arabien los, das Rennen vom Sonntag beginnt um 20.30 Uhr. Das ergibt für die Fans aus Europa diese Zeiten:

Erstes Training: 14.30 Uhr
Zweites Training: 19.00 Uhr
Drittes Training: 15.00 Uhr
Qualifying: 18.00 Uhr
Rennstart: 18.30 Uhr

Der höchste Speed auf dem Jeddah Corniche Circuit wird gemäss Simulation zwischen den Kurven 25 und 27 (Nordkehre) erreicht, mit rund 325 km/h.

Ein paar Eckdaten: 2000 Bäume werden gepflanzt, 37.000 Tonnen Asphalt sind gelegt, sieben Tribünen wurden errichtet, die Gebäude entlang der Bahn (Boxenanlage, Zielturm) bestehen aus 600.000 Tonnen Zement, 30.000 Quadratmetern Ziegel und 1400 Tonnen Glas.

Rund um die Rennstrecke werden die Gehwege an der Corniche auf Vordermann gebracht, die Gegend soll mittelfristig ein viel grösseres Naherholungzentrum werden, mit Radwegen und Parks und Feldern für Fussball, Volleyball, Basketball und Tennis. Luxushotels und Ladenpassagen werden gebaut, eine Kartstrecke, dazu ein Besucherzentrum in der Nähe der Red Sea Mall, eines Einkaufszentrums gleich hinter der Strecke.

CEO des Grossen Preises von Saudi-Arabien ist Martin Whitaker, ein alter Hase: Wir kennen und schätzen ihn seit seinen Tagen als Journalist, dann als Mediendelegierter des Autosport-Weltverbands FIA. Mitte der 1990er Jahre leitete er das Rennprogramm von Ford Europa, ab 2004 wurde er Geschäftsleiter des Bahrain International Circuit, nun überwacht er die Arbeit an der neuen Strassenrennstrecke am Roten Meer in Dschidda.

Martin Whitaker sagt: «Die Rennstrecke liegt auf einem schmalen Küstenstreifen, welcher die natürliche, nördliche Verlängerung der Corniche bildet. Dort entsteht auch ein neuer Yachthafen. Meine Lieblingskurve ist die erhöhte Parabolica, Kurve 13.»

«Ein Besucherzentrum wird nach dem Rennen bleiben und soll ein Ort der Erziehung in Sachen Motorsport werden, wir werden Autos ausstellen und Vorlesungen abhalten. Wir wollen den Menschen Historie und Technik des Sports näherbringen. Ganz wichtig bei Projekt war die Säuberung der Bucht, die in den vergangenen Jahren arg vernachlässig worden war.»

Für das Bauprojekt der Rennstrecke wurden aus der Bucht 162.000 Tonnen Schlamm und Trümmer geholt, was die Biologen freut – Tiere wie Meeräschen, Milchfische und Blaupunktrochen sind bereits zurückgekehrt, weil sich die Bucht in erheblich besserem Zustand befindet.

Martin Whitaker: «Die Formel-1-Rennstrecke soll nicht nur Tourismus und Geschäftsleben ankurbeln, sie soll auch dazu beitragen, dass ein Stadtteil aufgewertet und belebt wird, als Beitrag zu einer nachhaltigen Lösung für die Stadt Dschidda.»


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