Kevin Schwantz: Seine ehrliche Meinung über Viñales

Von Günther Wiesinger
«Viñales muss bei Yamaha sehr, sehr unglücklich gewesen sein», meint Ex-500-ccm-Weltmeister Kevin Schwantz. Man müsse im Kopf stark sein, wenn man vom Teamkollegen (Quartararo) dauernd besiegt wird, meint der Texaner.

Der Spanier Maverick Viñales (26) hat während der enttäuschenden ersten Saisonhälfte zuerst einmal öffentlich gesagt, er werde bei einer nächsten Vertragsunterzeichnung sorgfältiger nachdenken. Dann bekam er eine Gardinenpredigt von Yamaha und ruderte zurück, indem er so tat, als habe sich diese Aussage auf seine Moto3- oder Moto2-Zeit bezogen.

Niemand kann sich in die Gedankenwelt des Yamaha-Werksfahrers hineinversetzen. Aber als er dann beim Sachsenring-GP im Qualifying und im Rennen jeweils den letzten Platz beschlagnahmte, kam dies einer Arbeitsverweigerung gleich.

Vielleicht wollte Viñales die Yamaha-Chefs mit diesen Maßnahmen zur Auflösung des Vertrags überreden, der ihm pro Jahr eine Gage von 6,5 Millionen Euro garantierte.

Als Viñales dann eine Woche später in Assen noch posaunte, die Werks-Yamaha sei nur viermal im Jahr konkurrenzfähig, obwohl das Bike bei den ersten acht Rennen schon vier Siege eingefahren hatte und Fabio Quartararo die MotoGP-WM überlegen anführte, war das Porzellan endgültig zerschlagen.

Nach all diesen Unstimmigkeiten willigte Yamaha am Wochenende der Dutch-TT Ende Juni in die Vertragsauflösung ein. Gleichzeitig wurde eine Vereinbarung mit Petronas-Yamaha-Teamchef Razlan Razali getroffen, der zustimmte, Vizeweltmeister Franco Morbidelli für 2022 ans Monster Yamaha Factory Team auszuliefern.

Übrigens: Viñales hat in viereinhalb Jahren acht MotoGP-Rennen für Yamaha gewonnen, Quartararo sieben in elf Monaten.

Der Texaner Kevin Schwantz, 500-ccm-Weltmeister 1993 auf Suzuki und 25-facher 500-ccm-GP-Sieger, verkündete beim Mugello-GP 1995 mit 31 Jahren seinen Rücktritt – nach zahlreichen Verletzungen. Als Suzuki-Berater hat er Viñales 2015 und 2016 gut kennengelernt.

Was sagt Kevin zum Verhalten des aktuellen WM-Sechsten, der 2020 die ersten zwei Rennen in Jerez als Zweiter beendete und dann bis zum Saisonende auf den sechsten WM-Rang zurückfiel?

Auch bei Schwantz haben das Verhalten und die Performance von Viñales, der bei Yamaha in zweieinhalb Jahren drei Crew-Chiefs verbrauchte, Verwunderung ausgelöst. «Ihn mit der Werks-Yamaha in Sachsen auf dem letzten Platz zu sehen, während Fabio Quartararo dort im Rennen Dritter geworden ist, war unglaublich. Mit einer Factory-Yamaha! Und eine Woche später war er in Assen in jeder Session Schnellster, er sicherte sich die Pole-Position und wurde im Rennen nur von Fabio besiegt», zählt Schwantz im Gespräch mit SPEDWEEK.com auf. «Die beiden Yamaha-Werksfahrer waren bei der Dutch-TT schneller als alle anderen – mit klarem Abstand. Aber pass' auf: Ein Motorrad verwandelt sich nicht in einer Woche von einem Last-Place-Bike zu einem Sieger-Motorrad. Es kann sich von einem fünften oder sechsten Platz zu einem ersten Platz verbessern. Aber ein Rennmotorrad kann nicht innerhalb weniger Tage so weit hinten sein und dann soooo konkurrenzfähig werden. Fabio hat es ja gezeigt. Er war in Deutschland Dritter, in den Niederlanden Erster. Klar, der Abstand zwischen ganz hinten und ganz vorne ist heute knapper als je zuvor. Wenn du also mal einen schlechten Tag hast, können dir drei oder vier Zehntel fehlen. Aber du fällst dann nicht 20 Plätze zurück...»

«Man muss in der MotoGP nicht nur ein guter Rennfahrer sein», betont der 57-jährige Publikumsliebling aus Texas. «Du musst auch im Kopf stark sein. Wenn der Kerl in der Box neben dir dauernd gewinnt und in der WM führt, kannst du leicht betrübt oder mutlos werden. Dann fühlst du dich kaputt und angeschlagen. Aber du musst dich trotzdem auf deinen Job konzentrieren, das Beste herausholen und bis zum Jahresende die bestmögliche Leistung bringen.»

Wir wollen ja Viñales nichts unterstellen. Aber vielleicht hat er bei Johann Zarco (bei Red Bull KTM) und Jorge Lorenzo (bei Repsol-Honda) 2019 aufmerksam aufgepasst und gesehen, dass man durch eine Art von Arbeitsverweigerung, jämmerliche Ergebnisse und firmenschädigende Aussagen (Zarco) die Vertragsauflösung geschickt beschleunigen kann. Lorenzo wurde damals im August nicht freigegeben, als ihn Ducati für 2020 wollte. Aber nach seiner Verletzungspause reichten ein paar kümmerliche Ergebnisse aus, um die Einwilligung von HRC zu erwirken, obwohl mit Rookie Alex Márquez kein gleichwertiger Ersatz verfügbar war.

Kevin Schwantz bricht in Lachen aus, als ich ihn an diese Vorkommnisse von 2019 erinnere. «Ja, in beiden Fällen sind sich Team und Fahrer dann einig geworden, die Verträge aufzulösen», schmunzelte Kevin.

Bisher steht noch nicht fest, was Viñales künftig machen wird. Aber falls er zum Aprilia-Werksteam geht, wird er sich keinen Gefallen tun. Ob er dort jemals um den Titel fighten kann, ist fraglich. Er wird dort auf jeden deutlich weniger Geld verdienen und ein Motorrad vorfinden, das seit 2015 noch nie unter den Top-5 ins Ziel gekommen ist.

«Ich habe keine Ahnung, warum Maverick dieses Risiko eingehen und so etwas annehmen würde... Da muss er bei Yamaha schon sehr, sehr unglücklich gewesen sein. Aleix Espargaró behauptet immer, die Aprilia sei sehr dicht an der Spitze dran. Und dann fährt er als Achter durchs Ziel. Es ist also noch nicht sooo dicht an den Siegermaschinen dran...»

Stand Fahrer-WM nach 9 Rennen von 19 Rennen

1. Quartararo, 156 Punkte. 2. Zarco 122. 3. Bagnaia 109. 4. Mir 101. 5. Miller 100. 6. Viñales 95. 7. Oliveira 85. 8. Aleix Espargaró 61. 9. Binder 60. 10. Marc Márquez 50. 11. Nakagami 41. 12. Pol Espargaró 41. 13. Morbidelli 40. 14. Rins 33. 15. Alex Márquez 27. 16. Bastianini 27. 17. Petrucci 26. 18. Martin 23. 19. Rossi 17. 20. Marini 14. 21. Lecuona 13. 22. Bradl 11. 23. Savadori 4. 24. Pirro 3. 25. Rabat 1.

Stand Konstrukteurs-WM

1. Yamaha, 184 Punkte. 2. Ducati 167. 3. KTM 114. 4. Suzuki 105. 5. Honda 86. 6. Aprilia 62.

Stand Team-WM

1. Monster Energy Yamaha, 251 Punkte. 2. Ducati Lenovo 209. 3. Pramac Racing 149. 4. Red Bull KTM Factory Racing 145. 5. Suzuki Ecstar 134. 6. Repsol Honda 98. 7. LCR Honda 68. 8. Aprilia Racing Team Gresini 65. 9. Petronas Yamaha SRT 57. 10. Esponsorama Racing Ducati 41. 11. Tech3 KTM Factory Racing 39.

Der MotoGP-Kalender 2021 (Stand 6. Juli)

28. März: Doha/Q*
04. April: Doha/Q*
18. April: Portimão/P
02. Mai: Jerez/E
16. Mai. Le Mans/F
30. Mai: Mugello/I
06. Juni: Barcelona/E
20. Juni: Sachsenring/D
27. Juni Assen/NL
08. August: Red Bull Ring/A
15. August: Red Bull Ring/A
29. August: Silverstone/GB
12. September: Aragón/E
19. September: Misano/I
03. Oktober: Circuit of the Americas/USA
17. Oktober: Buriram/TH
24. Oktober: Sepang/MAL
07. November: Portimão/P
14. November: Valencia/E

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