Die falsche Honda und andere Katar-Geschichten

Kolumne von Michael Scott
Vor den Toren Dohas feierte Enea Bastianini am vergangenen Sonntag einen emotionalen ersten MotoGP-Sieg. Längst nicht die größte Überraschung des Saisonauftakts 2022, findet SPEEDWEEK.com-Kolumnist Michael Scott.

Alles war falsch beim ersten Grand Prix der Saison in Katar. Wenn nicht falsch, dann zumindest verkehrte Welt.

Ja, eine Ducati gewann, wie erwartet. Es war aber die falsche Ducati.
Ja, die brandneue Honda machte auf Anhieb einen fitten Eindruck. Aber es war die falsche Honda.
Ja, KTM blickte einer Strecke, die den Österreichern immer schon Probleme bereitet hatte, wenig begeistert entgegen – aber kam dann sogar dem Sieg nahe.
Und ja, die Suzuki zeigten eine massive Steigerung, lagen in den Freien Trainings und in der Top-Speed-Tabelle vorne. Im Rennen jedoch wurde den GSX-RR-Piloten einmal mehr übermenschliche Mühen für relativ enttäuschende Ergebnisse abverlangt.

Was war die größte Überraschung?

Der erste Sieg von Enea Bastianini zum Start in sein zweites MotoGP-Jahr war es nicht, sein Talent hatte er bereits in seiner Rookie-Saison zur Genüge unter Beweis gestellt – vor allem wenn es darum geht, die Reifen zu schonen und in den finalen Runden schnell zu sein, wenn es darauf ankommt. Seine zwei dritten Plätze erzielte er im Vorjahr auf diese Weise. Der Unterschied bestand dieses Mal darin, dass er erstmals aus der ersten Reihe losfuhr – dank einer neueren Ducati, die allerdings noch immer secondhand ist. Er sitzt – genauso wie die Rookies Fabio Di Giannantonio und Marco Bezzecchi – auf der GP21. Jenes bewährte Meisterstück von Ducati, welches im Vorjahr in den Händen von Bagnaia, Miller und Martin sieben von 18 Rennen für sich entschied.

Die wahre Überraschung war das neue Modell, die GP22. Es drängt sich der Eindruck auf, als wäre Ducati – ein Musterbeispiel für den Fortschritt – ein seltener Fehltritt unterlaufen. Die Ergebnisse legten das nahe. Millers Bike hatte vom Start weg ein Problem, während Bagnaia seinen Markenkollegen Martin abräumte, während die beiden am falschen Ende der Top-10 kämpften. Die Piloten beschrieben Schwierigkeiten bei der Gasannahme, die Werksfahrer kehrten sogar auf einen «hybriden» Motor zurück – und die übliche Top-Speed-Übermacht war einfach nicht gegeben.

Zufriedene Gesichter dagegen bei Honda, wo das neue Motorrad – mit angepasstem Motor für eine sanftere Leistungsentfaltung und überarbeitetem Chassis für eine fahrerfreundlichere Gewichtsverteilung – auf Anhieb erfolgreich war. Das kündigte sich schon in den Wintertests an. Der größte Motorradhersteller der Welt bekam nach einigen schlechten Jahren sein Mojo zurück (MojoGP?).

Aber untergrub Honda in der Absicht, die RC213V fahrerfreundlicher zu gestalten, ihr größtes Kapital?

Nicht etwa Marc Márquez führte das Rennen lange an, sondern Pol Espargaró. Auch nachdem sein weicher Hinterreifen nachgelassen hatte, sicherte er noch einen starken dritten Rang ab.

Marc war weniger heiß, eher konservativ. Er selbst verwies darauf, dass er in den Trainings-Sessions nur einmal gestürzt war. Das liegt deutlich unter seinem Durchschnitt. Er müsse sich «noch immer an das neue Motorrad gewöhnen». Der geniale Fahrer, der in der Vergangenheit auf so ziemlich jedem Ding gewinnen konnte, musste sich noch eingewöhnen – Äh? Bitte was?

Und als er überholt wurde und vom zweiten auf den fünften Rang zurückfiel, versuchte er nicht einmal zu kontern. Sehr untypisch für ihn – vor allem wenn man bedenkt, dass sein letzter Angreifer Aleix Espargaró auf einer beeindruckend konkurrenzfähigen Aprilia war.

Das war eine weitere Überraschung – nicht etwa die Tatsache, dass das neue Motorrad aus Noale und ihr erfahrener Mann Aleix schnell waren, das waren sie schon in den Tests; sondern dass sie es auch über die Distanz bis zum Ende des Rennens bestätigten.

Und wieder haben wir hier ein Falscher-Fahrer-Syndrom. Aleix, mit seinen 32 Jahren hinter Andrea Dovizioso der zweitälteste MotoGP-Pilot im Grid, hat nicht den Status seines Teamkollegen und neunfachen MotoGP-Siegers Maverick Viñales, aber der Neuzugang muss seinen Stil noch immer an den V4-Motor anpassen und landete nur auf Platz 12.

Wenn wir schon über Neulinge sprechen: Die Rookies hatten ihren Spaß miteinander. Darryn Binder, der aus der Moto3 kam, hätte sich fast den letzten Punkt geschnappt, aber er wurde im Finish noch von Remy Gardner abgefangen – um gerade einmal eine Hundertstelsekunde. Mit Di Giannantonio und Raúl Fernández folgten die zwei Übrigen auf dem Fuß (Bezzecchi war gestürzt), alle vier trennten auf der Ziellinie nur eine gute Sekunde.

Am wenigsten überraschend war vielleicht der Yamaha-Absturz, wie das halbherzige Lächeln von Titelverteidiger Fabio Quartararo bestätigte, als er nach dem Rennen in der Box ernüchtert seinen Helm abnahm. Man kann davon ausgehen, dass dieses Lächeln ganz verschwand, sobald die Kameras ihn nicht mehr im Bild hatten…

«El Diablo» hatte wie ein Wahnsinniger fahren müssen, um von einem tristen elften Startplatz (im Vorjahr verpasste er die die erste Startreihe nur fünf Mal) auf einen mageren neunten Rang zu kommen – wobei er vom Ducati-Desaster zwischen Bagnaia und Martin vor ihm profitierte. Quartararo war noch immer der beste Yamaha-Pilot: Sein neuer Factory-Teamkollege Franco Morbidelli kam sechs Sekunden bzw. zwei Plätze weiter hinten an, Andrea Dovizioso errang gerade einmal zwei Punkte.

Schon in den Wintertests hatte sich abgezeichnet, dass Quartararos eindringliches Bitten nach mehr Top-Speed unerhört geblieben war. Die Yamaha hingen in Katar am Ende dieser Rangliste noch immer rund 10 km/h zurück. Gleichzeitig schrumpfte der ausgleichende Vorteil der höheren Kurvengeschwindigkeit, weil andere Bikes (insbesondere Honda und die geschmeidige Aprilia) den Gap verringerten.

Die Verträge vieler Top-Stars laufen mit Ende der Saison aus und Yamaha steht nach dem Verlust von Rossi und Viñales vor der schwierigen Aufgabe, etwas zu finden, um ihr wichtigstes Ass an Bord zu halten. Wenn sogar Aprilia einen verlockenderen Eindruck macht…

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