Nasser Al-Attiyah: Künstler am Steuer und am Abzug

Von Gerhard Kuntschik
Nur wenige Sportler versuchen sich erfolgreich in zwei verschiedenen Disziplinen. Nasser Al-Attiyah ist einer davon. Im SPEEDWEEK.com-Interview spricht er über seine beiden Leidenschaften.

Sie sind seltene Ausnahmeerscheinungen: Sportler, die sich in mehreren Disziplinen versuchen. Wie Basketball-Legende Michael Jordan, dessen Ausflug zum Baseball aber mit überschaubarem Erfolg bald endete. Andere wiederum schafften es doppelt an die Spitze oder in die internationale Klasse.

Wie Fred Perry – als dreifacher Wimbledon-Sieger weltbekannt, als (zuvor) Tischtennis-Weltmeister unbekannt. Oder «Neon» Deoin Sanders, der es als Footballer zu zwei Super-Bowl-Ringen (mit San Francisco und Dallas) und zu einem Auftritt in der Baseball-World Series der MLB (Atlanta) brachte.

Da wäre auch Eric Heiden mit fünf Mal Olympiagold im Eisschnelllaufen 1980 und anschließender Radprofi-Karriere mit Tour de France-Teilnahme. Oder natürlich Indycar-Champion und Ex-F1-Pilot Alex Zanardi, der als doppelt Beinamputierter mehrmals Paralympics-Gold im Handbike gewann.

Oder auch Franz Klammer, der als Abfahrts-Olympiasieger Mitte der 1980er DTM-Pilot wurde und die Jahre 1985 bis 1988 auf den Endrängen 17, 12, 12 und 21 abschloss – und im Marko-Mercedes 1986 in Mainz-Finthen auf «Pole» stand.

Ein aktuelles Beispiel für erfolgreiche, wenn auch völlig konträre Doppelgleisigkeit in der Weltspitze ist der Katarer Nasser Al-Attiyah. Der 50-Jährige aus Doha war als Rallye-Pilot 2006 Produktionswagen-Weltmeister, 13 Mal Mittelost-Champion, vier Mal Champion des FIA Cross Country World Cups und als Höhepunkt drei Mal Gesamtsieger der Rallye Dakar – 2011 auf VW, 2015 auf Mini, 2019 auf Toyota – zuletzt in diesem Jahr knapp geschlagener Zweiter, wieder im Toyota GR Hilux.

Doch Nasser ist auch erfolgreicher Sportschütze, Disziplin Olympisch Skeet: Bronzemedaille 2012 in London, drei Mal Asien-Champion, derzeit Zehnter der Weltrangliste unter 124 gelisteten Athleten. Nun strebt er seine siebte (!) Olympia-Teilnahme an, wie auch weitere Rallye-Siege, wie er im Interview erklärt.

Wie bist du zum Rallye-Sport und auch zum Schießen gekommen, zu zwei völlig unterschiedlichen Sportarten?

Nasser Al-Attiyah: Ich wurde durch einen Freund zum Rallyefahren gebracht, der hatte einen Co-Piloten gesucht, und wir bestritten eine lokale Rallye in Katar, da war ich gerade 19. Da kam ich auf den Geschmack und dachte mir, das – nämlich selbst zu fahren – musst du auch versuchen. So machte ich es bei der nächsten Veranstaltung, und ich wurde Zweiter, vor meinem Freund. Da wusste ich, ich will weiter Rallyes fahren, was neben dem Studium nicht leicht war. Nach den ersten Jahren im Rallye-Sport probierte ich Skeet und wollte einige Zeit versuchen, beides zu machen. Ich fand Sponsoren für meine Rallyes, ich fand aber auch viel Gefallen und Nutzen – wegen der Konzentrationsübung – beim Schießen. So entschloss ich mich, beides weiterzumachen, das war 1995. Im Schießen lief es so gut, dass ich ins Nationalteam aufstieg und die Qualifikation für Olympia 1996 in Atlanta schaffte. Von da an konzentrierte ich mich mehr aufs Schießen und reduzierte die Rallye-Einsätze ein wenig – vorerst.

Und dennoch hast du das Doppelengagement bis heute weitergeführt.

Ich liebe beide Disziplinen. Schießen bietet für mich den Reiz der Olympischen Spiele als höchstes Ziel. Das Gemeinsame in beiden Sportarten ist: Du brauchst perfekte Konzentration. Wenn du im Schießen nicht konzentriert bist, verlierst du, weil du nichts triffst. Wenn du im Rallye-Auto nicht voll konzentriert bist, baust du einen Crash. So einfach ist das.

Wie teilst du dein Training auf?

Ich setze einen Dreijahresplan auf mit den wichtigsten Veranstaltungen, auf die ich mich dann gezielt vorbereite. Beim Schießen nehme ich Rücksicht auf mein Land, also das Nationalteam, und dessen Ziele. So bin ich auch stolz, es zu den vergangenen sechs Olympischen Spielen geschafft zu haben. Das war nicht einfach, ich holte einmal Bronze und war drei Mal im Finale. Die siebte Teilnahme ist jetzt das nächste Ziel. Im Rallye-Sport sind Erfolge in den großen Cross-Country-Veranstaltungen meine Triebfeder. Um mich selbst ans Limit zu pushen, muss ich physisch perfekt vorbereitet sein, und darauf richte ich mein Training aus.

Verdienst du als Rallye-Profi deinen Lebensunterhalt und finanzierst damit das Schießen, in dem man ja kein großes Geld verdienen kann?

Nein. Ich habe mein privates Immobilien-Business mit meiner Familie. Im Rallye-Sport habe ich die Unterstützung durch Sponsoren, im Schießen durch die Regierung bzw. das Nationale Olympische Komitee. Allerdings habe ich am Anfang meiner Karriere, ohne die Unterstützung durch Sponsoren oder Regierung, viel eigenes Geld investiert, um weitermachen zu können. Es läuft jetzt gut in beiden Disziplinen, ich kann beide ausüben, aber leben könnte ich davon nicht.

Was sind deine nächsten Bewerbe, welche Nahziele verfolgst du?

Ich war zuletzt beim Skeet-Weltcup in Delhi, wo ich im Einzel Dritter und mit dem Team Katar Zweiter wurde. Da bin ich sehr zufrieden, weil sich der hohe Trainingsaufwand gelohnt hat. In der Rallye war ich Zweiter in der Rallye Dakar und siegte in der Katar Rallye. Ende April gewann ich in der spanischen Meisterschaft die Rallye Tierras Altas Lorca in einem VW Polo GTI. Da machte ich mit, weil es wichtig ist, im Rhythmus zu bleiben. Es ist eine Vorbereitung auf den ersten Cross-Country-WM-Lauf in Andalusien Mitte Mai. Zuvor bin ich beim Skeet-Weltcup in Lonato nahe dem Gardasee.

Wie stehen deine Chancen auf Tokio? Oder bist du schon qualifiziert?

Noch nicht. Es gibt eine gute Chance über die Weltrangliste (derzeit Zehnter, Anm.). Aber ich muss meine Chance auch in Lonato wahrnehmen. Ich werde mein Bestes geben, um zu meinen siebten Spielen zu kommen. Aber niemand weiß sicher, ob Tokio wirklich stattfinden wird. Ich lese auch, dass 70 Prozent der Japaner gegen Olympia sind, das stimmt mich nachdenklich.

Bist du schon geimpft?

Ja, vollständig. Wir Sportler waren schon dran in Katar.

Welche deiner vielen Erfolge zählen für dich am meisten?

Bevor ich mit Rallye begann, träumte ich schon von einem Sieg bei der Dakar. Das habe ich drei Mal erreicht. Mein anderer Traum war eine Olympia-Medaille, auch den habe ich geschafft. Deshalb kann ich jetzt sehr entspannt weitermachen. Ich liebe meinen Sport, ich bleibe noch länger dabei, weil ich fit und konkurrenzfähig bin und dabei Spaß habe. Ich genieße mein Leben!

Du hast drei Kinder. Sind die auch sportlich ambitioniert?

Mein Kleiner, der ist neun, ist schon gut in Karts unterwegs und übt auch schon Offroad. Ich sehe etwas in seinen Augen, dass mich sehr froh macht.

Wie lang bist du schon Red-Bull-Athlet und warst du schon im Hangar-7 oder in der Zentrale in Fuschl?

Ich bin sehr glücklich, zur Red-Bull-Familie zu gehören. Als ich 2009 von VW-Motorsportchef Kris Nissen ein Angebot für die Dakar bekam, war Red Bull Sponsor des Teams. So kam ich auch dazu. Es ist seither eine sehr harmonische Partnerschaft. Ich war schon drei Mal in Salzburg, Hangar-7 hat mich sehr beeindruckt. Wenn ich am Salzburg Airport ankomme, fahre ich sofort hinüber.

Du wurdest im Dezember 50, wie lang willst du noch aktiv bleiben – in doppelter Rolle?

Ich bin gut in Form und liebe beide Sportarten. Meine Augen sind noch in Ordnung, meine Kondition ist es auch. Ich denke noch nicht an ein Karriereende.

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