Marc Surer: Der Fahrplan für Mick Schumacher

Von Mathias Brunner
Marc Surer

Marc Surer

​Teil 2 unseres Gesprächs mit dem früheren Formel-1-Fahrer Marc Surer zum GP-Startfeld 2021. Der Schweizer spricht über Red Bull Racing, das dichte Mittelfeld und die Chancen von Mick Schumacher.

Im ersten Teil unseres Gesprächs mit Ex-GP-Fahrer Marc Surer hat sich der Basler über die möglichen Fahrerkombinationen bei Weltmeister Mercedes-Benz und bei Ferrari geäussert. Nun geht es um das Fahrerduo von Red Bull Racing sowie um die Piloten im hart umkämpften Mittelfeld. Dazu erörtert der 68jährige Formel-2-Champion von 1979 auch die Aussichten für den jungen Mick Schumacher.

Marc, wer drängt sich für den zweiten Platz bei Red Bull Racing neben Max Verstappen auf?

Grundsätzlich habe ich immer das Gefühl – mittelfristig sollte im zweiten Auto aufgrund der Partnerschaft mit Honda ein Japaner sitzen. Wobei der natürlich zuerst die Formel-1-Lehre bei AlphaTauri durchlaufen müsste. Da würde sich von den Fähigkeiten Naoki Yamamoto anbieten, aber der ist schon 31 Jahre alt. Die nachrückenden, jungen Japaner sind schwierig einzuschätzen, aber Honda ist gewiss in der Lage, einen zu finden und ihn dann auch gezielt zu fördern. Wenn Honda weitermacht, wollen sie sicher einen Einheimischen in der Formel 1 sehen.

Kurzfristig gibt es für Red Bull Racing überhaupt keinen Grund, Alex Albon zu ersetzen. Wenn wir schon von Red Bull reden: Bei AlphaTauri würde mittelfristig und aus Honda-Sicht wie gesagt ein Japaner Sinn machen, der würde dann in aller Wahrscheinlichkeit Daniil Kvyat ersetzen.

Könnte McLaren-Pilot Carlos Sainz einem Lockruf von Ferrari widerstehen?

Nein, ein solches Angebot würde er annehmen, davon bin ich überzeugt. Auch wenn ich wie gesagt Daniel Ricciardo die bessere Wahl fände und eher ihn verpflichten würde.

Wie stark findest du eigentlich das McLaren-Duo Lando Norris und Sainz?

Die beiden treiben sich gegenseitig wunderbar an. Carlos Sainz ist zu einem überaus verlässlichen Fahrer gereift, der jedes Mal Leistung bringt. Das war im ersten Teil seiner Formel-1-Karriere nicht so. Wenn Lando Norris seinen guten Ruf festigen will, für britische Experten gilt er als kommender Weltmeister, dann muss er Sainz hinter sich lassen.

Muss sich Daniel Ricciardo bei Renault durchbeissen oder sollte er dort weg?

Auch beim Australier stellt sich die Frage: Wie sieht die Alternative aus? Zum ersten Mal in seiner Karriere wird er sehr gut bezahlt. Das willst du nicht so schnell aufgeben. Falls er aber von Renault weg will, dann sehe ich neben Ferrari nur noch McLaren als Möglichkeit.

Hättest du den jungen Esteban Ocon auch geholt?

Das war für Renault aus politischer Sicht völlig richtig. Auf der anderen Seite war Nico Hülkenberg immer ein verlässlicher Wert. Ob Ocon so konstant Leistung zeigt wie der Deutsche, das muss sich erst zeigen. Ich würde sagen, für Ocon sprachen zwei Gründe – er ist Franzose und als junger Fahrer hat er Entwicklungspotenzial.

Bei Hülkenberg wusste jeder, was Nico kann. Und was ihm halt leider anhaftete – er galt einfach als Fahrer, der in den entscheidenden Momenten kein Glück hat. (Lacht.) Bei mir war das auch so! Hülkenberg hat es in all den Rennen nie geschafft, aufs Siegerpodest zu gelangen, und andere finden sich unter den ersten Drei wieder, da hast du bisweilen den Eindruck, sie wissen selber nicht so genau, wie sie das geschafft haben.

Sergio Pérez hat 2019 für drei Jahre bei Racing Point unterzeichnet, die ab 2021 als Aston Martin antreten. Ist das ein Zeichen dafür, dass er spürt – kein Top-Team klopft mehr an?

Pérez hat immer auf Ferrari gehofft, und als klar war, dass daraus nichts wird, hat er sich zu McLaren ins Bett gelegt. Das ging schief. Seither hat er sich zu einem sicheren Wert entwickelt. Und letztlich ist vielleicht seine Wahl gar nicht so schlecht. Aston Martin-Investor Lawrence Stroll ist willig, das Team vorwärts zu bringen. Und beim kommenden Budgetdeckel erkenne ich gerade bei den Autowerken viele Grauzonen. Wer überprüft denn, ob in einem Autowerk nicht auch irgendwo an Formel-1-Teilen gearbeitet wird? Für Racing Point, das 2021 Aston Martin wird, sehr ich gute Entwicklungs-Chancen.

Ich denke immer, Lance Stroll ist durch die Anteile seines Vaters bei diesem Rennstall so gut wie unkündbar ...

Ich bin da hin und her gerissen. Der Kanadier hat ja immer noch den Ruf, durch seinen Vater letztlich nichts Anderes zu sein als ein Bezahlfahrer. Aber wenn wir uns im Detail ansehen, welche erste Runden Lance hinlegt, dann muss ich ihn wirklich loben. Was für ein Racer! Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass er in Chaosrennen wie Baku 2017 und Hockenheim 2019 Dritter und Vierter geworden ist. Der kann also schon rennfahren.

Hast du das Bauchgefühl, Kimi Räikkönen wird 2021 nochmals eine Saison bei Alfa Romeo anhängen?

Wenn bei Alfa Romeo keine Fortschritte gemacht werden, dann kann ich mir das nicht vorstellen. Kimi ging auch dorthin, weil er vom Gedanken beseelt war, das Team nach vorne zu bringen, also am vorderen Ende des Mittelfelds mitzumischen und regelmässig Punkte einzufahren. 2019 brach das Team ein. Seine Entscheidung wird also auf der Konkurrenzfähigkeit des Rennstalls abhängen.

Was muss passieren, dass Mick Schumacher bei Alfa Romeo Nachfolger von Antonio Giovinazzi wird?

Mick muss in der Formel 2 unter die ersten Drei kommen. Wenn er das nicht schafft, muss man sich die Frage stellen, ob er nur wegen des Namen weiterkommt. Aber bislang finde ich, macht er das sehr intelligent: Er hat immer ein mässiges Lehrjahr gezeigt, im zweiten Jahr dann folgte eine stattliche Steigerung. Mick ist intelligent und lernfähig, er erinnert mich da ein wenig an Niki Lauda.

Die Abkommen von Romain Grosjean und Kevin Magnussen laufen beide aus. Wenn du Teamchef wärst und nicht Günther Steiner, was würdest du für 2021 unternehmen?

Haas stagniert, auch was die Fahrer angeht. Hier ist frischer Wind gefragt, da würde ich mindestens einen Fahrer ersetzen und einen jungen Piloten bringen, der das Potenzial eines Siegfahrers hat. Oder gleich beide ersetzen und einen erfahrenen Mann eines anderen GP-Rennstalls holen, plus eben einen Jungen. Bei Haas ist mir alles zu festgefahren.

Bei Williams ist George Russell für 2021 gesetzt. Wird der zweite Platz beim Traditions-Team dadurch diktiert, wer das dickste Portemonnaie mitbringt?

Ja, natürlich. Und diese Situation wird mit dem Corona-Jahr 2020 nicht besser. Der Mann, der in diesem Jahr das Budget aufhübscht, ist Nicholas Latifi.

Fernando Alonso hat immer betont, er sei im Hinblick auf 2021 für alles offen. Ich weiss, dass besonders in Spanien viele Fans von einem Comeback träumen. Hand aufs Herz – wird das passieren?

Ich wüsste leider nicht, wo. Alonso ist für mich einer jener Fahrer, die kannst du in egal welches Auto setzen, und sie sind sofort auf Speed. Aber wenn ich zum Beispiel McLaren-Teamchef bin, dann setze ich lieber auf junge Fahrer. Denn sie sind die Zukunft.

Natürlich bekomme ich hier als Wahl-Spanier mit, wie die Rennfans ticken. Beim jungen Carlos Sainz war es jahrelang so, dass sein Papa als Held verehrt wird, aber viele waren der Ansicht, dass der junge Carlos nur wegen seines Vaters in der Formel 1 gelandet ist. Am Anfang gab man ihm hier überhaupt keinen Kredit. Inzwischen hat sich das geändert, und die Meinung hat wegen seiner guten Leistungen gedreht. Aber wenn Fernando Alono zurückkehren würde, dann würden die Menschen hier durchdrehen! Meine Antwort also: Ich hoffe auf eine Rückkehr, aber ganz ehrlich glaube ich nicht daran. Und er müsste ein Auto haben, mit dem er vorne mitfahren kann.

Wer drängt sich aus deiner Sicht aus den Nachwuchsklassen auf, den viele vielleicht gar nicht auf dem Radar haben?

Der Erste, der mir hier spontan einfällt, ist der junge Russe Robert Shwartzman. Das Pikante: Er fährt in der Formel 2 für den gleichen Rennstall wie Mick Schumacher, für Prema Racing. Ich bin sehr gespannt, wie das ausgeht.

Was wir alle viel zu wenig auf dem Radar haben, und das schliesst mich selber ein, das ist die japanische Top-Monopostoserie, die Super Formula. Da fahren nicht nur einige vielversprechende Japaner, sondern auch Talente wie der Este Jüri Vips, der Neuseeländer Nick Cassidy oder der Brasilianer Sérgio Sette Câmara.

Generell ist es bei den ganzen Jungen so: Natürlich soll 2020 auch in den Formeln 2 und 3 irgendwann mal gefahren werden, und dann werden wir alle ein wenig schlauer sein, was das Potenzial der Nachwuchsleute angeht.

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