Von Fangio bis Hamilton: Die Mercedes-Siegertypen

Von Mathias Brunner
Formel 1
​Die Silberpfeile von Mercedes-Benz aus den 30er und 50er Jahren sind legendär. Der Beginn der neuen Silberpfeil-Ära hatte hingegen viele Väter. Und die wenigsten davon stammten aus Deutschland.

Mercedes-Benz ist in der gegenwärtigen Turbo-Ära der Formel 1 ungeschlagen: Seit der Einführung der neuen 1,6-Liter-V6-Motoren im Jahre 2014 sind ausschliesslich Fahrer unter dem guten Stern Champion geworden – 2014, 2015 und 2017 Lewis Hamilton, 2016 Nico Rosberg. Am 22. Februar stellt Mercedes in Silverstone das neue Modell vom Typ W09 vor, damit soll der fünfte Titel in Serie her, auch im Konstrukteurs-Pokal.

Den meisten Formel-1-Fans ist nicht ganz klar, dass der heutige Mercedes-Rennstall mit dem Werks-Engagement der 30er und 50er Jahre nicht zu vergleichen ist. Der markanteste Unterschied: Damals wurden die Rennwagen in Deutschland entworfen und gebaut, heute wird der grösste Teil der Arbeit im englischen Brackley (Chassisabteilung) und Brixworth (Motorenwerk) erledigt.

Mercedes hat von allen, heute bekannten Automobilherstellern die längste und umfangreichste Motorsporttradition. Mercedes trat schon im Rennsport an, da war Enzo Ferrari noch Teenager und konnte sich nicht entscheiden, was er werden wollte – Opernsänger, Rennfahrer oder doch Journalist? Gleichzeitig beginnt die Geschichte des jüngsten Mercedes-Kapitels in der Formel 1 genau genommen beim knorrigen Holzhändler Ken Tyrrell aus England.

Aus dessen einstiger Bastelbude in Ockham ging eines der engsten Bündnisse im Formel-1-Sport hervor – die Zusammenarbeit zwischen Tyrrell und Jackie Stewart erbrachte die WM-Titel 1969 (mit einem Matra-Chassis), 1971 (ab nun mit Tyrrell-Renner) und 1973. So gut wie 1973 war Tyrrell nie wieder: Nach dem Rücktritt von Jackie Stewart konnte Tyrrell nie mehr an die besten Zeiten anschliessen. Ken Tyrrell behielt sein scharfes Auge für Nachwuchstalente, aber das grosse Geld floss woanders hin.

Tyrrell hielt sich bis 1998 in der Formel 1, in einigen Saisons vom langjährigen Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone vor dem Ruin bewahrt, dann übernahm Craig Pollock – jahrelang Manager von Jacques Villeneuve – das Team. Finanziert vom Tabakhersteller British American Tobacco (BAT) gründete Pollock «British American Racing», BAR. Im ersten Jahr steckten Supertec-Motoren im Heck – nichts Anderes als umbenannte Renault-Triebwerke, ab 2000 begann eine Kooperation mit Honda.

BAR siedelte sich im heutigen Mercedes-Standort Brackley an. Vollmundig sprach Designer Adrian Reynard von einem Erfolg beim ersten Rennen, schliesslich war das dem britischen Rennwagenbauer in den meisten anderen Monoposto-Serien auch gelungen – Formel 3, Formel 3000, ChampCar.

BAR legte sich gleich mal mit dem Autoverband FIA an – die Neulinge erhielten keine Erlaubnis, die beiden Wagen von Jacques Villeneuve und Ricardo Zonta in unterschiedlichen Lackierungen fahren zu lassen (der Zigarettenmarken Lucky Strike und 555). So entstand das berühmte Reissverschluss-Design in Längsrichtung.

Von Erfolg konnte dann keine Rede sein: Nicht nur, dass aus dem anvisierten Sieg nichts wurde, British American Racing eroberte im ersten Jahr keinen einzigen WM-Zähler!

BAR wurde zu einer Geldvernichtungsmaschine, typisch für die Formel 1. Von Australien 1999 bis China 2005 gab es zwar zwei Pole-Positions und einige Podestränge, aber aus dem erhofften Sieg wurde nie etwas.

Aus der Partnerschaft mit Honda hingegen erwuchs mehr: Ende 2005 übernahm der japanische Autohersteller BAR komplett, damit hatte Honda wieder einen reinen Werksrennstall. Der Schritt schien nachvollziehbar: 2004 hatte das Team ein höchst erfolgreiches Jahr – zweiter WM-Schlussrang hinter dem übermächtigen Ferrari, elf Podestplätze dank der starken Jenson Button und Takuma Sato. Der Brite stand allein zehn Mal auf dem Podest. Im Laufe der Saison 2004 hatte Honda schon 45% von BAR übernommen.

Doch das Team befand sich im Rückwärtsgang: WM-Rang 4 2006, nur noch WM-Achter 2007 und gar WM-Neunter 2008. Die Motoren waren zu schwer, zu durstig, die Autos aerodynamische Fehlschläge. Honda geriet nicht nur der schlechten Rennergebnisse wegen unter Druck, sondern auch aufgrund der Absatzprobleme mit den Serienfahrzeugen. Die Weltwirtschaftskrise brach dem Team den Hals: Am 5. Dezember 2008 wurde bekanntgegeben, dass sich Honda aus der Formel 1 zurückzieht.

Noch im Frühsommer 2008, als klar war, dass der Honda RA108 nichts taugte, war die Entwicklung ganz auf 2009 gerichtet worden. Honda ging in Ehre: Das Team wurde für ein symbolisches Pfund Teamchef Ross Brawn überlassen, die Saison 2009 wurde von Honda finanziert, angeblich investierte Honda für 2009 mehr als 150 Millionen Dollar. Um gar nicht in der Formel 1 vertreten zu sein ...

Es schmerzt die Honda-Chefetage bis heute, was dann passierte: Aufgrund der üppigen Entwicklungszeit und dank des tollen Kniffs des Doppeldiffusors eilten Jenson Button und Rubens Barrichello von Sieg zu Sieg. Von den ersten sieben WM-Läufen gewann der Engländer sechs, Barrichello doppelte in Valencia und Monza nach.

Ein Formel-1-Märchen wurde wahr: Das Team, Ende 2008 in Scherben, wurde Ende 2009 bei der FIA-Gala für die Titel bei den Marken und Fahrern geehrt. Obschon Red Bull Racing im Verlaufe der Saison immer stärker wurde, rettete Button seinen Vorsprung und liess sich in Brasilien als Champion feiern.

Viele der damaligen BAT-, Honda- und BrawnGP-Mitarbeiter stehen noch heute in Diensten jenes Rennstalls, der nun Mercedes heisst.

Nach Saisonende 2009 wurde verkündet, dass BrawnGP 75,1 Prozent seiner Anteile an Mercedes-Benz verkauft. Ab 2010 nahm Mercedes unter eigenem Namen an der Formel-1-Weltmeisterschaft teil. BrawnGP hatte nur einen Sommer lang getanzt.

Ross Brawn goss mit seinem Wegbegleiter Michael Schumacher und mit Nico Rosberg das Fundament zu den späteren Titeln von Lewis Hamilton und Rosberg. Ende 2013 wurde er durch Paddy Lowe ersetzt. Der wiederum bestätigte im März 2017, dass er Richtung Williams zieht. Im Wechsel allein liegt das Beständige – besonders in der Formel 1.

Die heutigen Steuermänner des Mercedes-Flaggschiffs im Sport sind zwei Österreicher – Teamchef Toto Wolff und Niki Lauda, Chef des Aufsichtsrats des Rennstalls.

Sie leiten die Geschicke, so dass sich Mercedes in den Erfolgsstatistiken der Formel 1 stetig nach vorne arbeitet. Bei 168 Einsätzen gab es 88 Pole-Positions, 56 beste Rennrunden, 76 Siege, davon 40 Doppelsiege, dazu 156 Podestplatzierungen. Eine wahrlich glänzende Bilanz.

Insgesamt traten elf Fahrer in den Silberpfeilen an, vier davon wurden Weltmeister.

Mercedes: Die Champions
1954 und 1955: Juan Manuel Fangio (RA)
2014, 2015 und 2017: Lewis Hamilton (GB)
2016: Nico Rosberg (D)

Den ersten Sieg im Rahmen der Formel-1-WM eroberte die argentinische Rennlegende Juan Manuel Fangio 1954 in Reims (Frankreich). Den bislang letzten holte der Finne Valtteri Bottas in Abu Dhabi 2017.

Mercedes: Die GP-Sieger
Lewis Hamilton (GB) 41
Nico Rosberg (D) 23
Juan Manuel Fangio (RA) 8
Valtteri Bottas (FIN) 3
Stirling Moss (GB) 1

Am meisten Rennen hat Nico Rosberg für Mercedes bestritten, nämlich 136, hier alle Piloten in der Übersicht.

Mercedes: Alle GP-Piloten
Nico Rosberg (D) 136
Lewis Hamilton (GB) 98
Michael Schumacher (D) 58
Valtteri Bottas (FIN) 20
Juan Manuel Fangio (RA) 12
Karl Kling (D) 11
Hans Herrmann (D) und Stirling Moss (GB), je 6
Piero Taruffi (I) 2
Hermann Lang (D) und André Simon (F), je 1

Wer war von diesen Piloten der schnellste Mann im Training? Hier die Liste jener Williams-Fahrer, die eine Pole-Position erringen konnten

Mercedes: Die Pole-Positions
Lewis Hamilton (GB) 46
Nico Rosberg (D) 30
Juan Manuel Fangio (RA) 7
Valtteri Bottas (FIN) 4
Stirling Moss (GB) 1

Und hier die schnellsten Mercedes-Piloten im Rennen.

Mercedes: Die besten Rennrunden
Lewis Hamilton (GB) 26
Nico Rosberg (D) 18
Juan Manuel Fangio (RA) 5
Stirling Moss (GB) und Valtteri Bottas (FIN), je 2
Hans Hermann (D), Karl Kling (D) und Michael Schumacher (D), je 1

Wo reiht sich Mercedes mit diesen Zahlen derzeit in den Listen der besten Rennställe ein?

Mit 76 Siegen belegt Mercedes in der ewigen Bestenliste derzeit Rang 5 – hinter Ferrari (229), McLaren (182), Williams (114) und Lotus (81).

Die 40 Doppelsiege bedeuten Rang 3 der besten Rennställe – hinter Ferrari (83) und McLaren (47).

Mit 88 Pole-Positions reiht sich Mercedes ebenfalls auf dem fünften Rang ein – hinter Ferrari (213), McLaren (155), Williams (128) und Lotus (107).

Die 56 besten Rennrunden ergeben ebenfalls Rang 5 – hinter Ferrari (244), McLaren (155), Williams (133) und Lotus (76).

Alle Anzeichen deuten darauf hin: Die Bilanz wird 2018 weiter poliert.

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