Romain Grosjean: «Ich dachte, jetzt muss ich sterben»

Von Mathias Brunner
Formel 1
Romain Grosjean

Romain Grosjean

​Konferenz mit Romain Grosjean nach seinem schweren Unfall in Bahrain: Wie der Genfer die gefährlichsten Sekunden seiner Karriere erlebte und wie gross die Chance auf die Rückkehr in Abu Dhabi ist.

Mit dem Wort Wunder wird heute so verschwenderisch umgegangen wie mit dem Wort Star. Aber dieses Mal erlauben wir uns das W-Wort: Es ist ein Wunder, dass Romain Grosjean der Feuerhölle von Bahrain mit verhältnismässig leichten Verletzungen davongekommen ist. Der Westschweizer sagt dazu pragmatisch: «Ich spürte, dass meine letzte Stunde noch nicht geschlagen hatte, aber ich sah den Tod kommen.»

Nur vier Tage nach dem schweren Unfall ist Romain Grosjean zum Bahrain International Circuit zurückgekehrt, um sich bei seinen Rettern zu bedanken. Am 4. Dezember stand der Haas-Fahrer per Videokonferenz Rede und Antwort.

«Ich bin froh, euch zu sehen. Jeder fragt sich: Wie war das im Feuer, wie war das in diesen 28 Sekunden? Für mich fühlte es sich viel länger an. Als der Wagen stand, machte ich die Augen auf und öffnete sofort die Gurten. Ein Rätsel ist für mich, wo das Lenkrad hinkam. Es war nicht mehr da. Wahrscheinlich ist es beim Aufprall weggeflogen, ich weiss es nicht.»

«Ich wollte zunächst aussteigen, spürte aber etwas an meinem Kopf. Also zurück in den Sitz. Dann sah ich das Feuer. Ich versuchte erneut auszusteigen, ich dachte an Niki Lauda, es ging nicht. Also liess ich mich wieder in den Sitz fallen. Auf einmal spürte ich eine grosse Ruhe. Ich dachte – ich werde sterben. Ich dachte: Wann beginnt der Schmerz, wenn ich verbrenne? Das waren real bestimmt nur Sekundenbruchteile. Meine Kinder kamen mir in den Sinn. Ich dachte – das kann ich ihnen nicht antun.»

«Ich lehnte mich nach links hinüber, um mich aus dem Wagen zu schlängeln, dieses Mal kam ich mit den Schultern durch, mein Schuh blieb im Auto hängen. Meine Handschuhe wurden schwarz, nun kam der Schmerz. Ich spürte aber auch Erleichterung, dass ich raus bin. Das nächste was ich spürte, war, dass jemand an meinem Overall zieht.»

«Ich bemerkte, dass mein Overall brennt, meine Hände taten weh. Ich wollte die Handschuhe sofort ausziehen. Da war schon Ian Roberts, der mich anherrschte: ‚SETZ DICH!’ Ich sagte zu ihm: ‚Du kannst normal mit mir reden.’ Ich hörte die Streckenposten, wie sie riefen: ‚Die Batterie brennt, bringt andere Feuerlöscher.’»

«Dann begann der linke Fuss wirklich weh zu tun. Die Hände gingen so. Ian sagte, dass die Ambulanz gleich komme. Ich antwortete – ich will zum Krankenwagen gehen. Das war vielleicht nicht intelligent, aber mir war wichtig, dass meine Familie und die Menschen sehen, ich kann gehen, ich bin okay.»

Wie realistisch ist die Rückkehr in Abu Dhabi? «Die Hände haben grosse Blasen, das ist ein Anblick, den keiner gerne sieht. Die Heilung solcher Verletzungen ist keine exakte Wissenschaft. Die rechte Hand wird okay sein. Die linke wird von Tag zu Tag besser, was Verbrennungen und Beweglichkeit angeht. Was ich nicht machen werde – meine langfristige Gesundheit riskieren. Wenn also die Ärzte sagen: 'Du kannst in Abu Dhabi fahren, aber das hat Schäden zur Folge!', dann werde ich nicht einsteigen.»

«Ich habe mir Anfang 2020 die rechte Hand gebrochen, zuhause, das habe ich bisher niemandem im Rennsport gesagt. Es war ein offener Bruch. Er ist aber gut verheilt. Ich war auf Socken herumgerannt und ausgeglitten. Von daher kann ich mit Schmerz ganz gut umgehen. Ich bin da ein wenig eigen: Eine solche Verletzung ertrage ich gut. Aber wenn ich Fieber habe, bin ich der grösste Jammerlappen.»

Als Romain Grosjean an die Rennstrecke zurückkehrte, wollte er als Erstes seinen Unfallwagen sehen. «Ich wollte sehen, ob ich panisch werde. Aber ich blieb ganz ruhig. Also sehe ich keine mentale Hürde, um wieder Rennen zu fahren. Meine Familie ist nicht besonders begeistert davon, dass ich beim WM-Finale antreten will. Aber ich brauche das.»

Aber war das nicht ein Zeichen höherer Gewalt, vielleicht den Helm aufzuhängen? «Nein, denn ich will einfach nicht, dass meine Karriere mit solch einem Tag endet. Wenn meine Rückkehr nicht machbar ist, dann bin ich aber auch nicht untröstlich, dann soll es eben so sein.»

«Die Leute sagen mir, ich sei ein Held. Ich sehe das nicht so. Ich sagte vielmehr Ian Roberts und Alan van der Merwe, dass ich sie als Helden sehe. Sie meinten: 'Nein, wir haben nur unseren Job gemacht.' Ich fühle mich nicht als Held. Ich finde die Bilder ja selber unglaublich. Wenn ich sie gesehen hätte, hätte ich gedacht: Kein Fahrer kann das überleben.»

«Ich spürte auch im Feuer nie Panik, alles war rational. Ich weiss nicht, wieso ich so reagiert habe, aber das hat mir zweifellos das Leben gerettet. Aber ich halte mich deswegen nicht für etwas Bemerkenswertes. Ich hoffe, mein Unfall kann dazu beitragen, dass auch künftig Leben gerettet wird. Ich habe mich schon mit den FIA-Experten unterhalten.»

«FIA-Präsident Jean Todt erinnerte mich daran, was ich damals über den Kopfschutz Halo gesagt habe. Aber nur ein dummer Mensch ändert seine Meinung nicht. Was die Sicherheitsausrüstung angeht, so sollten wir die Handschuhe verstärken. Das sehe ich als Schwachstelle. Feuer haben wir lange nicht mehr erlebt in der Formel 1, aber wir wurden daran erinnert, dass diese Gefahr noch immer da ist.»

Die Abreissvisiere des Helms von Grosjean waren am Schmelzen und wurden undurchsichtig, wie konnte Romain sehen, wohin er fliehen muss? «Das Visier selber war komplett in Ordnung, so wie der Helm auch, aber die Abrissvisiere waren tatsächlich am Schmelzen. Viel sehen konnte ich nicht, ich versuchte, den Feuerlöschknopf im Wagen zu finden, doch ich sah ihn nicht. Die Eineinhalb-Liter-Flasche hätte bei diesem Feuer ohnehin nicht viel geholfen. Das Problem war, dass die Abreissvisiere zu schmelzen begannen, links war alles verschwommen, aber die rechte Seite war halbwegs okay, zudem schätze ich, dass das Hirn Informationen einspielt, welche das Bild komplettieren. Ich konnte genug sehen, um da rauszukommen, ich weiss noch, dass ich mich auch umgedreht habe und ungläubig auf das Feuer sah und wie die Feuerwehrleute versuchten, es zu löschen.»

«Das Schlimmste für mich ist nicht, was ich erlebte, ich habe keine Alpträume, ich habe keine Flashbacks. Aber ich werde dennoch mit Psychologen sprechen, um das alles zu verarbeiten. Das Schlimmste vielmehr ist für mich, was ich meinen Lieben angetan habe – dass meine Familie und Freunde dachten, ich sei tot. Dieser Gedanke bringt mich sofort zum Weinen, das macht mir am meisten zu schaffen.»


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