Formel-1-Wunderkinder: Einige stürzten brutal ab

Von Mathias Brunner
Lance Stroll, Max Verstappen und Lando Norris in Austin 2019

Lance Stroll, Max Verstappen und Lando Norris in Austin 2019

Lando Norris ist bislang der letzte Teenager, der in der Königsklasse debütiert hat, das war in Melbourne 2019. Unsere Geschichte zeigt: Von den Formel-1-Wunderkindern sind einige brutal abgestürzt.

Als der Engländer Lando Norris zum Grossen Preis von Australien 2019 antrat, wurde er zum viertjüngsten Grand-Prix-Fahrer, mit 19 Jahren, vier Monaten und vier Tagen. Nur der Niederländer Max Verstappen, der Kanadier Lance Stroll und der Spanier Jaime Alguersuari waren beim Debüt noch jünger.

Norris hatte in den Nachwuchsklassen bewiesen, wie viel Talent er hat, aber das hatten vor ihm auch viele andere blutjunge Rennfahrer – und doch ist für sie aus der grossen Karriere nichts geworden. Wer zu früh in die Königsklasse aufstieg, für den erwies sich der vermeintliche Segen als Fluch.

Wir haben uns die zehn jüngsten Formel-1-Fahrer der WM-Historie seit 1950 angeschaut und sind der Frage nachgegangen, was aus ihnen geworden ist. Konnten die Wunderkinder die Erwartungen erfüllen? Die Antwort ist verblüffend.

Max Verstappen (NL)
Formel-1-Debüt: Australien 2015 (17 Jahre, 5 Monate und 15 Tage)
Wird auf ewig der jüngste Formel-1-Fahrer bleiben, denn der Autoverband FIA hat inzwischen Richtlinien für junge Piloten erlassen, samt Mindestalter 18. Beendete seine erste WM-Saison als Zwölfter. Wurde im Mai 2016 von Toro Rosso zu Red Bull Racing versetzt und bedankte sich mit dem Sieg in Barcelona. Wurde WM-Fünfter 2016. Gewann 2017 in Malaysia und Mexiko zwei weitere Rennen und schloss die WM nur deshalb als Sechster ab, weil sein Auto im ersten Teil der Meisterschaft so unzuverlässig war. Steigerte sich stetig: Vierter 2018, Dritter 2019 und 2020. 2021 endlich mit einem Auto unterwegs, mit dem er jedes Rennen gewinnen kann, inzwischen 15-facher GP-Sieger und ohne jeden Zweifel ein kommender Weltmeister, vielleicht schon in diesem Jahr.

Lance Stroll (CDN)
Formel-1-Debüt: Australien 2017 (18/4/26)
Sensationeller dritter Rang in Baku in seiner ersten GP-Saison, in einem chaotischen Rennen, in welchem viele die Nerven verloren, Stroll sie aber behielt, solider zwölfter WM-Schlussrang mit Williams, für den sich der Québecois nicht schämen muss. Seit 2019 beim Rennstall aus Silverstone, der damals Racing Point hiess und heute Aston Martin. 2020 folgten die nächsten beiden Podestplätze, in Monza und Sakhir, jeweils als Dritter. Stellte seinen Wagen in der Türkei 2020 sensationell auf Pole-Position und führte überlegen – bis er wegen einer Beschädigung am Wagen zurückfiel. Mit erst 21 schon in seiner fünften GP-Saison. Besitzt das Zeug zum GP-Sieger.

Jaime Alguersuari (E)
Formel-1-Debüt: Ungarn 2009 (19/4/3)
Wurde Ende 2011 nach 46 Rennen bei Toro Rosso ersetzt – zu wenig Perspektive, zu Red Bull Racing aufzusteigen. Wurde damit mit 21 Jahren zum jüngsten Formel-1-Arbeitslosen. Später bei Pirelli als Testfahrer engagiert. Ohne Geldgeber im Rücken wenig Aussicht auf ein GP-Comeback. Highlights: zwei Mal Rang 7 (in Monza 2011 und Südkorea 2011). Arbeitete jahrelang als DJ, vom Rennsport bitter enttäuscht. Entdeckte 2020 den Sport im Kart neu und hat zu seiner alten Liebe zurückgefunden. Eine Rückkehr Richtung Formel 1 wird es aber nicht geben.

Lando Norris (GB)
Formel-1-Debüt: Australien 2019 (19/4/4)
Schon im ersten Formel-1-Jahr hervorragender WM-Elfter, 2020 bereits Gesamtneunter. Zeigt in seiner dritten GP-Saison sein unglaubliches Potenzial: Schon drei Podestplätze (Dritter in Imola, Monte Carlo und auf dem Red Bull Ring). Ein kommender GP-Sieger und im richtigen Wagen ein WM-Kandidat.

Mike Thackwell (NZ)
Formel-1-Debüt: Kanada 1980 (19/5/29)
Wurde im GP-Sport nur fünf Rennen alt. Konnte mit unterlegenem Material von Arrows, Tyrrell und RAM-March nie zeigen, welch vorzüglicher Rennfahrer er war. Drehte dem Sport ernüchtert den Rücken und wurde Hubschrauber-Pilot. Highlight in der Formel 1 – keines, keine einzige Zielankunft!

Ricardo Rodríguez (MEX)
Formel-1-Debüt: Italien 1961 (19/6/27)
Der jüngere Bruder von Pedro galt als künftiger Weltmeister – falls er überleben würde. Die Risiko-Bereitschaft war, gemessen am Sicherheits-Standard von Strecken und Fahrzeugen, Russisch Roulette auf Rädern. Stürzte im Training zum Heim-GP von Mexiko 1962 in der überhöhten Peraltada-Kurve zu Tode. Highlight: Rang 4 in Spa-Francorchamps 1962 als Ferrari-Werksfahrer.

Fernando Alonso (E)
Formel-1-Debüt: Australien 2001 (19/7/4)
Formel-1-Champion 2005 und 2006 (mit Renault). Mit etwas Glück könnte er bereits fünffacher Champion sein – Alonso schrammte mit McLaren 2007 sowie mit Ferrari 2010 und 2012 jeweils knapp am Titel vorbei. 2013 letztmals mit Ferrari siegreich, ab 2015 bei McLaren-Honda. Gilt auch heute noch als einer der besten Piloten. Und als einer der vielseitigsten: Grosses Debüt 2017 beim Indy 500, 2018 trat er mit Toyota in der Langstrecken-WM an, wurde zwei Mal Le-Mans-Sieger und Weltmeister auf der Langstrecke. Trat dazu bei der Dakar an. 2021 Rückkehr in die Formel 1 mit Alpine. Hat auch mit 40 Jahren nichts von seinem grossen Können eingebüsst.

Esteban Tuero (RA)
Formel-1-Debüt: Australien 1998 (19/10/14)
Von der argentinischen Regierung zum Aufstieg in die Formel 1 gedrängt. Vom GP-Renner komplett überfordert. Schloss sich teilweise heulend in die Hotelzimmer ein und wollte nicht zum Training erscheinen! Fuhr danach jahrelang mässig erfolgreich in der argentinischen Tourenwagen-Meisterschaft. Formel-1-Highlight: Rang 8 in Imola 1998.

Daniil Kvyat (RU)
Formel-1-Debüt: Australien 2014 (19/10/18)
Nach einem Jahr bei Toro Rosso zu Red Bull Racing befördert, vielleicht zu früh, beendete die Saison 2015 einen Rang vor Daniel Ricciardo auf Schlussplatz 7. Musste 2016 nach dem Russland-GP und zahlreichen Fehlern bei RBR Max Verstappen weichen und zu Toro Rosso zurückkehren. Noch vor dem Ablauf der Saison 2017 wurde der Russe aus dem Red Bull-Förderprogramm entlassen. Kehrte nach einem Jahr als Ferrari-Testfahrer zu Red Bull zurück und fuhr 2019 für Toro Rosso (ab 2020 AlphaTauri), wurde 2019 mit dem Highlight eines dritten Platzes in Hockenheim WM-13. Seit Anfang 2021 Reservist von Alpine.

Chris Amon (NZ)
Formel-1-Debüt: Belgien 1963 (19/10/20)
So wie Stirling Moss der beste Fahrer ist, der nie Weltmeister wurde, war Chris Amon vielleicht der beste Fahrer, der nie einen Formel-1-WM-Lauf gewonnen hat. Unzählige Male lag der stille Kettenraucher in Führung – nur um den so lange ersehnten Triumph im Rahmen der Formel-1-WM durch ein Missgeschick oder technischen Defekt zu verlieren. Schaffte es auch immer wieder, seine Karriere schlecht zu timen. So verliess er Ferrari desillusioniert vor der Saison 1970 und der Renaissance der Roten mit Jacky Ickx und Clay Regazzoni. Formel-1-Abenteuer mit einem Eigenbau war ein Desaster. Wurde im Zeitraum von 14 Jahren 96 Grands Prix alt. Highlights: Drei zweite Ränge (Deutschland 1968, Belgien 1970, Frankreich 1970). Gewann in fast jeder Kategorie, in der er antrat, auch in der Formel 1 – aber Silverstone 1970 und Argentinien 1971 zählten eben nicht zur Weltmeisterschaft. Chris Amon verstarb Anfang August 2016.

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